Juli 10, 2024

Fitzelchen – “Gott stinkt” – Leseprobe und Lesung

Leseprobe der Kurzgeschichte “Gott stinkt”

Madeleine hatte es geschafft, ihren unglücklichen Mann beim Arzt zu lassen und die Kinder bei der Oma unterzubringen. Nun saß sie auf der Parkbank einer mittelgroßen Stadt unter einem alten Eichenbaum auf einer von der Familie Hammenthaler gestifteten Bank. Der Zustand des Anstrichs ließ darauf schließen, dass Fritz Hammenthaler und seine Familie einmalig gespendet hatten und für einen zweiten Anstrich entweder die biologische oder die finanzielle Uhr abgelaufen zu sein schien.

Die zweite Zigarette auf Fritzens Parkbank rauchte sie mit mehr Ruhe, als sie die ersten Züge in ihre Lungen gesogen hatte. Dies lag vor allem daran, dass Madeleine nur dann rauchte, wenn Mann und Kinder sich außerhalb der Meckerzone über ihren gesundheitlichen Niedergang befanden. Mit der dritten Zigarette begann die Entspannung, die sie so sehr benötigt hatte. Sie band die Haare zu einem Knoten, krempelte die Hosenbeine etwas hoch und ließ sich von der Umgebung nicht mehr stören. Weder der Flaschensammler, der neben ihr im Müll kramte, noch die Großfamilie mit der Picknickdecke brachten sie aus der Ruhe, die sich in ihr breit machte. Mit der vierten Zigarette legte sie das Mobiltelefon beiseite und anstatt durch den Bildschirm mit dem Leben verbunden zu sein, nahm sie das Leben im Park als existent durch ihre Sinnesorgane wahr. Sie beugte sich nach vorne, stützte sich mit den Armen auf die Knie und sah den Ameisen am Boden zu. Betriebsam gingen sie ihrer Arbeit nach, weder nach links noch nach rechts schauend, nicht vom Internet abgelenkt und ohne politische Forderung nach mehr Rechten für Frauen oder einen zusätzlichen arbeitsfreien Tag. Ameisenstraßen hatten etwas Unheimliches und Befriedigendes zugleich: Sie spiegelten wider, was Madeleine jeden Tag erlebte. Wenn das kleine Volk im Betrieb in Frieden gelassen wurde, dann ging alles seinen Gang, aber sobald es nur eine kleine Störung gab, schien alles aus den Fugen zu geraten. So wie jetzt bei den Ameisen, als sie eine noch glühende Zigarette in die Gasse legte und große Hektik ausbrach. Für wenige Sekunden fühlte sich Madeleine nicht wie eines dieser Zahnrädchen, die einfach nur funktionieren müssen, sondern wie eine dieser Kräfte, die aus dem zehnten Stock ihres Büros an den Fäden der Kolleginnen und Kollegen zog.

Lesung (mp3) der Kurzgeschichte “Gott stinkt”.

Die gesamte Geschichte und den Kurzgeschichtenband gibt es bei Amazon als e-book.

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