Der lange Atem gewinnt: Warum Innovation Geduld braucht – von der Dampfmaschine bis zur KI

Fotorealistisches Gemälde einer weißen Kücheninsel, die als hybrider Arbeitsplatz dient. Ein Thermomix und ein Laptop, der ein AI-Diagramm anzeigt, stehen nebeneinander. Im Hintergrund geht eine moderne Küchenzeile nahtlos in ein helles Großraumbüro mit industrieller Architektur über.
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Liebe Leserinnen und Leser,

manchmal lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge aus größerer Distanz zu betrachten. Johannes Pennekamp hat das am 18. Januar 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung getan. Sein Artikel «Der lange Atem der Dampfmaschine» erinnert uns daran, dass große technologische Umbrüche Zeit brauchen, bis sie ihre volle Wirkung entfalten.

Pennekamps These: Innovation braucht Geduld

Pennekamp zieht eine historische Parallele zwischen der industriellen Revolution und der aktuellen KI-Entwicklung. Seine zentrale Erkenntnis: Die Dampfmaschine existierte lange, bevor sie messbar die Produktivität steigerte. Nicht die Erfindung selbst war entscheidend, sondern die Anpassung der Arbeitsabläufe, die Qualifizierung der Menschen, die Veränderung der Organisationen.

Erst als Fabriken neu gebaut, Arbeiter umgeschult und Prozesse grundlegend überdacht wurden, zeigte sich der wahre Nutzen der Dampfmaschine. Das dauerte Jahrzehnte.

Diese Erkenntnis überträgt Pennekamp auf KI. Dass sie bislang nur begrenzt in Produktivitätsstatistiken auftaucht, sei kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein bekanntes Muster bei tiefgreifenden Innovationen. Geduld ist notwendig, Untätigkeit wäre jedoch ein Fehler.

Was hat das mit dem Thermomix zu tun?

Mehr, als man auf den ersten Blick denkt.

Als der Thermomix auf den Markt kam, wurde er belächelt. Zu teuer, zu technisch, zu wenig «echtes Kochen». Kochen sei Gefühl, Erfahrung, Handwerk. Ein Argument, das heute erstaunlich vertraut klingt, wenn über KI gesprochen wird.

Der Thermomix setzte sich nicht durch, weil er plötzlich besser mixte oder schneller erhitzte. Sein Erfolg kam, weil sich die Nutzung verändert hat. Rezepte wurden neu gedacht, Abläufe vereinfacht, Vertrauen aufgebaut. Communities entstanden, geführtes Kochen wurde etabliert.

Der Mehrwert entstand nicht durch das Gerät allein, sondern durch die Veränderung des Kochens selbst.

Ich erinnere mich an meine eigenen Anfänge mit dem Thermomix. Die ersten Versuche waren ernüchternd. Nicht, weil das Gerät schlecht war, sondern weil ich versuchte, damit zu kochen wie mit meinen gewohnten Pfannen und Töpfen. Erst als ich akzeptierte, dass der Thermomix ein anderes Kochen erfordert, begann ich seinen Wert zu verstehen.

KI folgt demselben Muster

Auch KI ersetzt keine Menschen. Sie verschiebt Arbeit. Sie nimmt Routine ab und schafft Raum für anderes: Entscheidung, Kreativität, Verantwortung. Genau wie der Thermomix niemandem das Kochen abgenommen hat, sondern Zeit, Struktur und Sicherheit geschaffen hat.

Der entscheidende Punkt ist Akzeptanz. Und Akzeptanz entsteht nicht durch Technik, sondern durch spürbaren Nutzen im Alltag. Dort, wo KI konkret entlastet. Dort, wo sie verständlich integriert wird. Dort, wo Menschen lernen, mit ihr zu arbeiten, nicht gegen sie.

Die Parallele zur Dampfmaschine zeigt: Es geht nicht darum, ob KI funktioniert. Es geht darum, wie wir unsere Arbeit, unsere Prozesse, unsere Organisationen anpassen. Das ist unbequem. Das braucht Zeit. Aber genau das ist der Unterschied zwischen einer netten technischen Spielerei und einer echten Transformation.

Die Gefahr der Ungeduld

Was mich an der aktuellen KI-Debatte stört, ist die Ungeduld. Auf der einen Seite die Euphoriker, die erwarten, dass KI morgen alle Probleme löst. Auf der anderen Seite die Skeptiker, die nach sechs Monaten enttäuscht feststellen, dass die Produktivität nicht messbar gestiegen ist.

Beide Lager vergessen die Lektion der Dampfmaschine: Technologie allein verändert nichts. Erst wenn wir lernen, mit ihr zu arbeiten, wenn wir unsere Abläufe anpassen, wenn wir verstehen, wofür sie gut ist und wofür nicht, entfaltet sie ihre Wirkung.

Der Thermomix hat auch nicht die Küche revolutioniert, indem er einfach nur da stand. Es brauchte Zeit, bis Menschen verstanden, dass man mit ihm anders kochen muss. Es brauchte Cookidoo, es brauchte Community-Rezepte, es brauchte Vertrauen.

KI braucht das Gleiche. Nur im Wissens- und Arbeitsalltag.

Lesestoff: Wenn Literatur provoziert statt gefällt

Manchmal braucht es Bücher, die nicht gefallen wollen. Die sich nicht entschuldigen. Die radikal sind in ihrer Haltung und kompromisslos in ihrer Sprache. «Fuckgirl» von Bianca Jankovska ist genau so ein Buch.

Die Protagonistin ist alles, was Frauen nie erlaubt wurde zu sein: erfolgreich, sexuell souverän, unabhängig. Eine Performancekünstlerin Ende dreißig, die sich nicht schämt. Nicht für ihre Karriere, nicht für ihren Körper, nicht für ihre Lust oder ihre Entscheidung, keine Kinder zu bekommen.

Sie lebt in einer einseitig offenen Ehe, in der sie den Ton angibt. Als sie herausfindet, dass einer ihrer One-Night-Stands seine Freundin betrügt, schmiedet sie einen Racheplan. Weibliche Solidarität, da ist sie sich sicher, ist das, was wir brauchen.

Warum ich dieses Buch empfehle? Weil es anders ist. Weil es provokant ist. Weil es in den Zeitgeist passt und gleichzeitig dagegen anschreibt. Es ist der Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau, zur ewigen Wartenden, zur Frau, die sich Liebe verdienen muss.

Bianca Jankovska schreibt in roher, unverwechselbarer Sprache über weibliche Verbundenheit, Rachegelüste, eine notwendige Portion Größenwahn und die Abwendung vom alles umfassenden männlichen Blick. Diese Geschichte ist intensiv, körperlich, kompromisslos.

Ist das Buch gefällig? Nein. Ist es bequem? Auf keinen Fall. Aber genau deshalb passt es zu unserem heutigen Thema. Genauso wie die Dampfmaschine und der Thermomix nicht sofort gefallen haben, fordert dieses Buch seine Leserinnen und Leser heraus. Es verlangt Auseinandersetzung, nicht Konsum.

«Fuckgirl» stellt die Frage: Was kommt nach der sexuellen Selbstbestimmung? Eine Frage, die unbequem ist. Die provoziert. Die zum Nachdenken zwingt.

Bianca Jankovska schrieb bereits «Das Millennial-Manifest» und «Dear Girlboss, we are done». Sie spricht auf ihrem Substack und YouTube-Kanal «Groschenphilosophin» über feministisches Leben und Popkultur. «Fuckgirl» ist ihr Debütroman.

Ein Buch, das man nicht nebenbei liest. Ein Buch, das fordert. Ein Buch, das bleibt.

Fazit: Der lange Atem gewinnt

Die FAZ erinnert uns daran, dass technologische Transformationen selten laut beginnen. Sie sind oft leise, langwierig und unbequem. Der Thermomix war keine Revolution über Nacht, sondern eine kulturelle Umstellung in der Küche.

KI ist genau das Gleiche, nur im Wissens- und Arbeitsalltag.

Nicht der schnelle Effekt ist entscheidend, sondern der lange Atem. Diejenigen, die jetzt anfangen, ihre Prozesse anzupassen, ihre Teams zu schulen, ihre Arbeitsweise zu überdenken, werden in fünf Jahren die Gewinner sein.

Die anderen werden dann immer noch darüber diskutieren, ob KI wirklich funktioniert.

Bis nächste Woche mit neuen Einsichten zwischen Küche, Code und Geduld.

Euer #digitalpaddy

P.S.: Falls ihr nach dem Lesen Lust bekommen habt, eure eigenen Prozesse zu überdenken: Fangt klein an. Nicht alles muss sofort perfekt sein. Auch die Dampfmaschine hat anfangs nicht perfekt funktioniert.

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