KI, Thermomix und Lesestoff: Der Küchenzuruf – Oder warum niemand liest, was du schreibst

Ein Mann steht allein in einer aufgeräumten Küche vor dem Herd und blickt überrascht in die Kamera, über seinem Kopf eine Sprechblase mit der Frage „Wer bringt den Müll raus?“ – ein typischer küchenzuruf, der den stillen Alltagskonflikt humorvoll auf den Punkt bringt.

Der Newsletter, der Küchentechnologie, künstliche Intelligenz und Genusskultur auf einzigartige Weise verbindet

Liebe Leserinnen und Leser,

stellt euch vor, ihr kocht ein aufwendiges Fünf-Gänge-Menü. Drei Stunden Arbeit. Präzise Temperaturkontrolle im Thermomix. Jede Zutat sorgfältig abgewogen. Das Ergebnis: technisch perfekt. Nur leider hat niemand eine Ahnung, was da eigentlich auf dem Teller liegt. Und genau so verhält es sich mit vielen LinkedIn-Beiträgen, Newsletter-Artikeln und KI-generierten Texten.

Das Problem ist nicht mangelnde Qualität. Das Problem ist: Niemand versteht, worum es eigentlich geht.

Was Henri Nannen mit modernem Content Marketing zu tun hat

Henri Nannen, Gründer des STERN, hatte dafür einen Begriff: den Küchenzuruf. Die Geschichte dahinter ist simpel: Hans kauft sich den STERN, setzt sich ins Wohnzimmer und liest. Seine Frau Grete steht in der Küche beim Abwasch. Nach dem ersten Artikel ruft Hans empört: „Mensch Grete, die in Bonn spinnen komplett! Die wollen schon wieder die Steuern erhöhen!”

Diese zwei Sätze sind der Küchenzuruf. Die Kernaussage. Das, was vom ganzen Artikel übrig bleibt, wenn man ihn jemandem zurufen würde.

Heute würde man vermutlich nicht mehr durch die Küchentür rufen, sondern einen Screenshot in die WhatsApp-Gruppe werfen. Aber das Prinzip bleibt dasselbe: Kann ich meine Kernbotschaft in ein bis drei knappen Sätzen zusammenfassen? Wenn nicht, habe ich kein klares Thema.

Der Unterschied zwischen Küchenzuruf und Elevator Pitch

Viele verwechseln den Küchenzuruf mit dem Elevator Pitch. Dabei liegen Welten dazwischen.

Der Elevator Pitch:

  • Verkauft eine Idee, ein Produkt, ein Geschäftsmodell
  • Zielgruppe: potenzielle Investoren, Kunden, Partner
  • Struktur: Problem – Lösung – Alleinstellungsmerkmal
  • Dauer: 30–60 Sekunden
  • Ziel: Interesse wecken, Termin bekommen, Deal abschließen

Beispiel: „Unsere KI-Plattform hilft mittelständischen Unternehmen, ihre Produktionsprozesse um 30 Prozent zu beschleunigen, ohne neue Hardware kaufen zu müssen. Im Gegensatz zu bestehenden Lösungen läuft unser System cloudbasiert und integriert sich in jede bestehende IT-Infrastruktur.”

Der Küchenzuruf:

  • Fasst die Kernaussage eines Textes zusammen
  • Zielgruppe: Leser, die wissen wollen, worum es geht
  • Struktur: Eine prägnante Feststellung oder These
  • Dauer: Ein bis drei Sätze
  • Ziel: Klarheit schaffen, Neugier wecken, im Gedächtnis bleiben

Beispiel: „KI-Modelle kosten uns Geld für jede Antwort, egal ob sie Unsinn produzieren oder brillante Lösungen liefern. Das ist, als würden wir einen Berater bezahlen, auch wenn er uns erzählt, dass Wasser bergauf fließt.”

Der Elevator Pitch will verkaufen. Der Küchenzuruf will verstanden werden.

Auf LinkedIn bedeutet das: Dein erster Absatz sollte bereits den Küchenzuruf enthalten. Nicht irgendwo versteckt im dritten Absatz nach drei allgemeinen Beobachtungen über die Digitalisierung. Sondern direkt. Sofort. Unmissverständlich.

Warum KI-Texte oft keinen Küchenzuruf haben

ChatGPT, Claude und Konsorten können wunderbar formulieren. Sie können Absätze strukturieren, Übergänge schaffen und sogar Metaphern verwenden. Aber sie haben ein Problem: Sie wissen nicht, was du eigentlich sagen willst.

Ich teste das gerade selbst. Dieser Newsletter entsteht mit Unterstützung von Claude. Aber bevor ich Claude irgendetwas schreiben lasse, formuliere ich den Küchenzuruf selbst:

„Die meisten Texte scheitern nicht an schlechter Sprache, sondern daran, dass niemand versteht, was der Autor eigentlich sagen will. Das gilt besonders für KI-generierte Inhalte und LinkedIn-Posts.”

Erst mit diesem Satz als Anker kann Claude mir helfen, den Text zu strukturieren. Ohne ihn würde Claude einen Text schreiben, der technisch korrekt ist, aber inhaltlich beliebig bleibt.

Die vier Funktionen eines guten Küchenzurufs

Ein überzeugender Küchenzuruf erfüllt vier Aufgaben gleichzeitig:

1. Er gibt dem Leser einen Grund weiterzulesen

Warum sollte jemand deinen Text überhaupt lesen? Weil er in den ersten Zeilen versteht, was ihn erwartet. Wer erst drei Absätze durcharbeiten muss, um zu begreifen, worum es geht, klickt weg.

2. Er überzeugt Redakteure und Multiplikatoren

Wenn du versuchst, einen Artikel extern zu platzieren oder in sozialen Netzwerken geteilt zu werden, entscheidet der Küchenzuruf über Erfolg oder Misserfolg. Redakteure haben keine Zeit, sich durch schwammige Einleitungen zu kämpfen.

3. Er bleibt im Gedächtnis

Menschen erinnern sich nicht an ganze Texte. Sie erinnern sich an eine zentrale Aussage. Wenn diese Aussage fehlt, bleibt nichts hängen.

4. Er strukturiert dein Schreiben

Der Küchenzuruf ist dein roter Faden. Jeder Absatz, jede Information, jedes Beispiel muss sich auf ihn beziehen. Was nicht zum Küchenzuruf passt, gehört nicht in den Text.

Die Thermomix-Analogie: Was passiert ohne klare Kernaussage?

Stellt euch vor, ihr öffnet ein Kochbuch, in dem steht: „Dieses Gericht vereint verschiedene kulinarische Traditionen und nutzt moderne Zubereitungstechniken, um ein ausgewogenes Geschmackserlebnis zu schaffen.” Was wollt ihr jetzt kochen? Keine Ahnung.

Besser wäre: „Ein cremiges Risotto mit gerösteten Pilzen und Parmesan.” Klare Ansage. Unmissverständlich. Sofort verständlich.

Genau das fehlt vielen Texten: die klare Ansage. Stattdessen gibt es Worthülsen, vage Andeutungen und das Gefühl, dass der Autor selbst nicht genau weiß, worauf er hinauswill.

Fünf Tipps für einen überzeugenden Küchenzuruf auf LinkedIn

1. Formuliere deinen Küchenzuruf, bevor du schreibst

Nicht währenddessen. Nicht am Ende. Sondern vorher. Schreib ihn auf einen Zettel und klebe ihn an deinen Monitor. Wenn du keinen Küchenzuruf findest, lass das Thema liegen.

2. Konzentriere dich auf eine Kernaussage

Nicht drei. Nicht fünf. Eine. Wenn du mehrere wichtige Aspekte hast, schreib mehrere Beiträge. Jeder Versuch, zu viele Botschaften in einen Text zu packen, endet in Beliebigkeit.

3. Teste deinen Küchenzuruf im echten Leben

Würdest du diesen Satz wirklich jemandem zurufen? Klingt er natürlich? Oder klingt er wie Marketing-Sprech? Wenn Letzteres, formuliere um.

4. Platziere den Küchenzuruf prominent

Nicht im dritten Absatz. Nicht versteckt zwischen allgemeinen Beobachtungen. Sondern direkt am Anfang. LinkedIn-Nutzer scrollen schnell. Wer nicht sofort versteht, worum es geht, scrollt weiter.

5. Halte dich daran

Jeder Absatz deines Textes muss sich auf den Küchenzuruf beziehen. Was nicht dazu passt, fliegt raus. Auch wenn es noch so interessant ist.

Der LinkedIn-Realitätscheck: Warum die meisten Posts scheitern

Ich scrolle gerade durch meinen LinkedIn-Feed. Hier ein paar typische erste Sätze:

„In der heutigen schnelllebigen Geschäftswelt ist Anpassungsfähigkeit wichtiger denn je.”

„Digitalisierung verändert die Art, wie wir arbeiten.”

„Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg.”

Was haben diese Sätze gemeinsam? Sie sagen nichts. Absolut nichts. Es sind Worthülsen, die auf jeden beliebigen Text passen könnten. Kein Küchenzuruf weit und breit.

Vergleicht das mit:

„Wir zahlen KI-Anbietern für jede Antwort, auch wenn sie falsch ist. Das ist das genialste Geschäftsmodell der Menschheitsgeschichte.”

Jetzt wissen wir, worum es geht. Wir haben eine klare These. Wir wollen weiterlesen.

Wenn KI den Küchenzuruf schreibt: Ein Warnsignal

Ich habe Claude gebeten, mir einen Küchenzuruf für diesen Newsletter zu formulieren. Das Ergebnis:

„Texte ohne klare Kernaussage verschwenden die Zeit ihrer Leser und bleiben folgenlos.”

Technisch korrekt. Aber leblos. Es fehlt die Zuspitzung, die Haltung, die persönliche Note. Es ist ein Satz, den man vergisst, sobald man ihn gelesen hat.

Deshalb meine Empfehlung: Nutze KI für Struktur, Formulierungshilfen und Recherche. Aber formuliere deinen Küchenzuruf selbst. Das ist der Teil, der deine Stimme trägt.

Das Thermomix-Rezept für einen guten Text

Ein guter Text funktioniert wie ein gutes Rezept im Thermomix:

  1. Die Hauptzutat (Kernaussage) ist klar
  2. Alle weiteren Zutaten unterstützen die Hauptzutat
  3. Die Zubereitung folgt einer logischen Reihenfolge
  4. Am Ende weiß jeder, was da auf dem Tisch steht

Wenn ihr euren Text nicht in ein bis drei Sätzen zusammenfassen könnt, habt ihr kein klares Thema. Dann habt ihr eine Zutatenliste ohne Rezept.

Fazit: Der Küchenzuruf als Qualitätskriterium

Wolf Schneider und Paul-Josef Raue schreiben in ihrem Standardwerk „Das neue Handbuch des Journalismus”: „Wenn ein kompliziertes Thema keinen Küchenzuruf hergibt, deutet das darauf hin: Der Autor hat nicht intensiv genug um eine Zuspitzung seines Themas gerungen.”

Das gilt für klassischen Journalismus genauso wie für LinkedIn-Posts, Newsletter und KI-generierte Inhalte. Wer keinen Küchenzuruf findet, hat entweder kein klares Thema oder zu wenig darüber nachgedacht.

Die Ironie: Je mehr Tools uns beim Schreiben helfen, desto wichtiger wird diese eine menschliche Fähigkeit: zu wissen, was man eigentlich sagen will.

Lesestoff: Ein Wein, der seinen Küchenzuruf kennt

Zum Thema klare Kernaussagen passt ein Wein, der keine Umschweife macht: der 2024er Blaauwklippen Chenin Blanc aus Stellenbosch.

Chenin Blanc ist die heimliche Königin Südafrikas. Während andere Rebsorten mit Marketing-Getöse um Aufmerksamkeit buhlen, macht diese Traube einfach ihren Job. Seit Jahrhunderten. Zuverlässig. Ehrlich.

Dieser Wein schmeckt nach gelbem Pfirsich und Quitte, nach Ananas und Zitronenschale. Am Gaumen kommt eine mineralische Säure dazu, die dem Ganzen Struktur gibt, und ein leicht salziges Finale, das nachhallt. Trocken ausgebaut, 12,5 Prozent Alkohol, im Edelstahltank gereift. Kein Holz, keine Experimente. Pure Frucht.

Der Küchenzuruf dieses Weins? “Frisch, unkompliziert, ehrlich – ohne Schnörkel zum Punkt.”

Genau das, was wir in Texten auch brauchen: keine Umschweife, keine Worthülsen, keine künstliche Komplexität. Sondern die klare Ansage, worum es geht.

Dieser Chenin Blanc passt zu gegrilltem Hähnchen, zu Pilz-Risotto oder zum Picknick mit Freunden. Er braucht keinen großen Auftritt, keine theatralischen Erklärungen. Man öffnet die Flasche, schenkt ein, trinkt – und versteht sofort, warum diese Rebsorte in Südafrika so beliebt ist.

Preis: etwa 10-12 Euro
Klarheits-Faktor: sehr hoch
Empfehlung: für alle, die gerade an überladenen Texten verzweifeln und Reduktion aufs Wesentliche schätzen
Lagerfähigkeit: bis 2028 – aber warum warten, wenn die Botschaft jetzt schon klar ist?

Euer #digitalpaddy

P.S.: Der Küchenzuruf dieses Newsletters lautet: „Die meisten Texte scheitern nicht an schlechter Sprache, sondern daran, dass niemand versteht, was der Autor eigentlich sagen will.” Wenn ihr das nach dem Lesen nicht mehr wisst, habe ich meinen eigenen Anspruch verfehlt.

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