Das KE-Siegel: Scheinautorität im Zeitalter der Künstlichen Experten

Comichaftes Qualitätssiegel im Pop-Art-Stil. Glänzendes silbernes Siegel mit gezacktem Rand, Aufschrift "KE - Künstlicher Experte". Reißerischer Hintergrund mit Neon-Gelb und Electric-Pink Starburst-Effekt. Satirische Zertifizierung "100% promptgesteuert".

Das KE-Siegel – Kennzeichnungspflicht für Künstliche Experten

Sitze gerade vor meinem LinkedIn-Feed und frage mich, wann eigentlich der Moment war, an dem Expertise zur reinen Behauptungssache wurde. Irgendwo zwischen dem dritten Thought-Leadership-Post über Quantencomputing von jemandem, der bis vor drei Monaten Excel-Tabellen als Raketenwissenschaft ansah, und dem vierten KI-generierten Motivationstext über Führung im digitalen Zeitalter von einer Person, die noch nie ein Team geleitet hat.

Wir haben ein neues Phänomen, und es breitet sich schneller aus als jeder Algorithmus es vorhersagen könnte: die Künstlichen Experten. Kurz: KE.

Das Prinzip ist bestechend einfach. Man nimmt eine ungefähre Vorstellung davon, wofür man gerne Experte sein möchte, füttert ChatGPT oder Claude mit dieser Wunschexpertise, lässt sich einen Post generieren, der nach tiefem Wissen klingt, und postet ihn mit der Selbstsicherheit eines Investmentbankers. Fertig ist der KE.

Der Content klingt klug. Er verwendet die richtigen Buzzwords. Er hat eine Struktur, die Kompetenz suggeriert. Drei Punkte, eine Zusammenfassung, vielleicht noch ein motivierender Ausblick. Perfekt formatiert. Überzeugend formuliert. Komplett ohne eigenes Wissen.

Ich verstehe den Impuls. LinkedIn sagt uns, wir müssen sichtbar sein. Die Coaches predigen Konsistenz. Der Algorithmus belohnt Aktivität. Also posten wir, auch wenn wir nichts zu sagen haben. Die KI liefert uns die Stimme, die uns fehlt, und die Expertise, die wir gerne hätten.

Was dabei herauskommt, ist eine seltsame Form der Halluzination. Nicht die kreative Art, mit der ich als Autor Geschichten erfinde. Sondern eine Halluzination von Kompetenz. Von Erfahrung. Von Wissen, das nie erworben wurde.

Jetzt fordern manche, dass wir KI-generierte Kunst kennzeichnen müssen. Transparenz, heißt es. Der Betrachter soll wissen, ob ein Mensch oder eine Maschine das Werk geschaffen hat. Eine nachvollziehbare Forderung.

Dann brauchen wir das KE-Siegel. Eine Kennzeichnungspflicht für Experten ohne eigenes Wissen. Für all jene LinkedIn-Profile, bei denen die Expertise nur so tief reicht wie der letzte Prompt. Für Posts, die klingen, als wüsste jemand Bescheid, während die Person dahinter eigentlich nur gut im Prompten ist.

Ich will gar nicht behaupten, dass KI im professionellen Kontext nichts zu suchen hat. Im Gegenteil. Ich nutze sie selbst, täglich, für verschiedenste Aufgaben. Aber es gibt einen Unterschied zwischen jemandem, der KI als Werkzeug einsetzt, um seine Gedanken zu strukturieren, und jemandem, der KI benutzt, um Gedanken zu haben.

Der erste Typ arbeitet mit der Maschine. Der zweite lässt die Maschine für sich arbeiten. Der erste erweitert seine Expertise. Der zweite simuliert sie.

Was mich daran stört, ist nicht die Technologie. Es ist die Unehrlichkeit. Diese performative Expertise, die nur für den Feed existiert. Diese Scheinautorität, die auf statistisch wahrscheinlichen Wortketten basiert statt auf durchlebter Erfahrung.

LinkedIn war mal ein Ort, an dem Menschen ihre berufliche Geschichte erzählten. Ihre Erfolge, sicher, aber auch ihre Irrwege, ihre Learnings, ihre echten Einblicke aus Jahren der Arbeit. Heute ist es zunehmend ein Theater der Künstlichen Experten, in dem jeder so tut, als hätte er zu allem eine fundierte Meinung.

Ich glaube nicht, dass wir das KE-Siegel jemals bekommen werden. Zu viele haben zu viel investiert in ihre künstliche Expertise. Zu viele Coaching-Businesses leben davon, Menschen beizubringen, wie man mit KI-generierten Posts Autorität aufbaut.

Aber vielleicht entwickeln wir etwas anderes: ein Gespür dafür. Die Fähigkeit zu erkennen, wann jemand aus Erfahrung spricht und wann jemand aus dem Prompt-Fenster zitiert. Wann Expertise echt ist und wann sie nur echt klingt.

Bis dahin scrolle ich weiter durch meinen Feed, vorbei an den Thought Leaders ohne Thoughts und den Experten ohne Expertise, und frage mich, ob der Algorithmus eigentlich merkt, dass er zunehmend nur noch mit sich selbst spricht.

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