Faszinierend: Wie Robin Wright in The Girlfriend Macht und Wahnsinn vereint

„Kontrast zwischen dem Originaltitel ‚The Girlfriend‘ und dem deutschen Titel ‚Das Gift der Seele‘ auf einer Ausstellungstafel in einer Galerie – eine visuelle Kritik an der Titelwahl.“

Ich habe mir «Das Gift der Seele» angesehen, bei Prime. Die erschreckenste aller Erkenntnisse aus dieser Serie ist der Umgang mit den Originaltiteln. Wie kann man aus «The Girlfriend» den bitte «Das Gift der Seele» machen?

Mann muss sich ernsthaft fragen was haben wir eigentlich verbrochen, dass wir im deutschen Sprachraum immer wieder mit Titeln bestraft werden, die klingen, als hätte jemand wahllos Begriffe aus einer Groschenroman-Wortsammlung gewürfelt? «Das Gift der Seele» – das klingt nach Sturm der Liebe meets Rosamunde Pilcher auf RTL, nach DVD-Wühltisch im Supermarkt, nach allem, nur nicht nach dem, was diese Serie tatsächlich ist.

Der Originaltitel ist präzise. Kühl. Klar. «The Girlfriend» – drei Silben, die genau treffen, worum es geht. Keine Metaphern, kein übertriebenes Drama, einfach die Markierung eines Kampffeldes. Aber nein, hier muss es natürlich «Das Gift der Seele» heißen, so generisch, dass man es beinahe übersieht. Fast hätte ich weggeklickt. Wäre ein Fehler gewesen.

Robin Wright oder: Wie man eine Eiskönigin spielt

Wenn man den kitschigen deutschen Titel erst einmal ignoriert hat – und das erfordert tatsächlich mentale Anstrengung – offenbart sich ein Psychothriller, der von einer Frau getragen wird, die schon in House of Cards bewiesen hat, dass sie Macht und Wahnsinn gleichermaßen beherrscht. Robin Wright spielt Laura Sanderson, erfolgreiche Galeristin, deren sorgsam kuratiertes Leben ins Wanken gerät, als ihr Sohn Daniel seine neue Freundin Cherry mit nach Hause bringt.

Wright ist hier nicht einfach nur Schauspielerin. Sie hat das Projekt von Grund auf selbst entwickelt, ist Executive Producerin, führt bei mehreren Episoden Regie. Diese «Split-Brain»-Erfahrung, wie sie es selbst nennt – gleichzeitig vor der Kamera agieren und unmittelbar nach dem Cut zum Monitor rennen, um die eigene Leistung zu beurteilen – hat eine Intensität geschaffen, die man in jedem Bild spürt.

Ich habe mich gefragt, ob man das sieht. Ob diese doppelte Perspektive, dieses permanente Hin und Her zwischen Innen und Außen, sich in ihrer Darstellung niederschlägt. Die Antwort ist: absolut. Wright verkörpert ein Alpha-Weibchen, getrieben von etwas, das entweder mütterliche Intuition ist oder reine, pathologische Paranoia. Wahrscheinlich beides zugleich, und genau das macht die Figur so faszinierend.

Perspektivwechsel als Waffe

Der Clou der Serie liegt im ständigen Perspektivwechsel. Jede Folge zeigt die Ereignisse sowohl aus Lauras als auch aus Cherrys Sicht, gespielt von Olivia Cooke, die mindestens genauso brillant ist. Was in der einen Version wie berechtigte Sorge aussieht, wirkt in der anderen wie eiskalte Manipulation. Wright schafft es dabei meisterhaft, dass wir Laura in einem Moment bemitleiden und im nächsten vor ihrer Entschlossenheit zurückschrecken.

Das Duell zwischen Wright und Cooke wird als Clash auf Augenhöhe inszeniert, der in einem luxuriösen Urlaub in Spanien eskaliert. Es geht um Klasse, um Macht, um die Frage, wer hier eigentlich wen manipuliert. Die Dynamik erinnert mich an die besten Momente psychologischer Thriller, an Gone Girl oder an alles, was Patricia Highsmith je geschrieben hat. Nur eben mit zwei Frauen, die sich gegenseitig zerlegen, statt dass ein Mann im Mittelpunkt steht.

Vergessen wir den Titel-Fail

Vergesst «Das Gift der Seele». Tut so, als hättet ihr diesen Namen nie gelesen. «The Girlfriend» ist ein wild deliziöser Thriller mit einer Rotten-Tomatoes-Bewertung von über 90 Prozent, bereits jetzt gehandelt für Golden Globes und Critics Choice Awards. Robin Wright beweist einmal mehr, dass sie keine Angst vor komplexen, moralisch grauen Charakteren hat, dass sie weiß, wie man Abgründe spielt, ohne dabei ins Theatralische abzurutschen.

Wer diese schauspielerische Tour de Force (eine meisterhafte Leistung) verpasst, ist selbst schuld. Auch wenn man beim Aussprechen des deutschen Titels kurzzeitig ein bisschen weinen möchte. Ich habe aufgehört, mich darüber aufzuregen, dass deutsche Verleiher offenbar der Meinung sind, wir bräuchten emotional aufgeladene Titelkrücken, um zu verstehen, worum es geht. Stattdessen schaue ich einfach die Serie. Mit Untertiteln natürlich, weil die deutsche Synchronisation wahrscheinlich genauso verheerend ist wie der Titel.

Eins weiß ich: Robin Wright hat hier etwas geschaffen, das weit über eine bloße Bestseller-Verfilmung hinausgeht. Sie hat eine Serie gemacht, die zeigt, was passiert, wenn jemand nicht nur vor der Kamera steht, sondern auch dahinter die Kontrolle hat. Das Ergebnis ist präzise, kalt und absolut fesselnd. Genau wie der Originaltitel eben.

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