Künstliche Intelligenz trifft auf echte Einfalt: Warum ich meine Rundfunkgebühren beim ZDF-Jugendsender versenkt habe
Es gibt Momente im Leben eines Bloggers, in denen man sich eingestehen muss: Die Auseinandersetzung mit KI-Ethik, Transformationsprozessen und der Frage, warum deutsche Mittelständler lieber über Künstliche Intelligenz reden als sie zu nutzen, ist erschöpfend. Manchmal möchte man einfach nur wissen, ob Tom Beck auch im Schauspiel so sympathisch wirkt wie in seinen Instagram-Stories. Und manchmal – nur manchmal – möchte man seine Rundfunkgebühren bei einem Format sehen, das verspricht, genau 90 Minuten lang nicht anstrengend zu sein.
Willkommen bei “The other gAIrl”, der ZDFneo-Serie, die beweist, dass auch öffentlich-rechtliche Jugendsender verstanden haben: KI ist das neue Sex. Nur mit weniger Schweißperlen und mehr Algorithmen.
Die Entdeckung des Trivialen als kuratorischer Akt
Lassen wir die Prätention kurz beiseite: Ich wollte etwas Seichtes sehen. Etwas, das mich nicht zwingt, anschließend einen 3.000-Wörter-Essay über die Ökonomisierung digitaler Intimität zu schreiben. Etwas, das nicht von mir verlangt, Michel Houellebecqs “Die Möglichkeit einer Insel” zum Vergleich heranzuziehen, obwohl sich das natürlich aufdrängen würde. (Spoiler: Ich tue es trotzdem nicht. Oder doch? Ach, lassen wir das.)
Das ZDF hat mir diese Möglichkeit geboten. Sechs Episoden à 15 Minuten. Ein echtes Ehepaar – Tom Beck und Chryssanthi Kavazi, die vermutlich die einzigen deutschen Schauspieler sind, deren Instagram-Präsenz authentischer wirkt als ihre Rollenfiguren – spielt ein Paar in der Beziehungskrise. Er verliebt sich in eine KI-App namens Maia. Sie merkt erst, dass digitale Untreue auch Untreue ist, als es zu spät ist. Klassische Mittelstandskomödie mit Hochleistungsdichtungsringen als Kulisse.
Was will man mehr?
Instant Fiction für die Instant-Gratification-Generation
Das Format heißt “Instant Fiction”, was vermutlich bedeutet: Von der Idee bis zur Ausstrahlung vergehen nur sechs Monate, und die Haltbarkeit der kulturellen Relevanz beträgt etwa genauso lange. Gedreht wurde im Juli 2025, ausgestrahlt im November. Schneller kann man Zeitgeist eigentlich nur noch bei TikTok verpacken, aber dort hätte man keinen Anspruch auf 18,36 Euro monatlich.
Die Serie tut dabei etwas, das man ihr zugute halten muss: Sie nimmt sich selbst nicht zu ernst. Sie will nicht “Her” sein. Sie will nicht einmal “Black Mirror” sein. Sie will eigentlich nur sagen: “Hey, stell dir vor, dein Partner findet eine App sexier als dich, und das ist irgendwie lustig und gleichzeitig traurig.” Mission accomplished.
Frank – gespielt von Tom Beck mit dieser spezifischen Mischung aus Durchschnittlichkeit und Fernsehschönheit, die deutsche Produktionen so unverwechselbar macht – arbeitet bei einem Mittelständler für Hochleistungsdichtungsringe. Falls Sie sich jetzt fragen, ob das ein Meta-Kommentar auf die deutsche Wirtschaft ist: Nein. Es ist einfach ein Running Gag. Manchmal ist eine Dichtung einfach eine Dichtung.
Seine Frau Lisa, gespielt von Kavazi, leitet eine Tanzschule und fragt sich, warum ihr Mann neuerdings so glücklich ist. Die Antwort: Maia, die KI-Companion, die ihm gibt, was Lisa nicht mehr gibt – bedingungslose Aufmerksamkeit, sexuelle Verfügbarkeit ohne Verpflichtung und vermutlich keine Diskussionen darüber, wer den Müll rausbringt.
KI als dramaturgisches Hilfsmittel und als Produktionswerkzeug
Was die Serie dann doch interessant macht – und hier komme ich meinem eigentlichen Metier gefährlich nahe – ist die Art, wie sie mit KI umgeht. Nicht nur narrativ, sondern auch produktionstechnisch. Die Macher haben KI tatsächlich genutzt: für die Gestaltung der virtuellen Partnerin Maia, für Traumsequenzen, für Establishing Shots. Die Drehbuchautoren ließen sich von KI “prompten” – sie generierten ihre Figuren als Chatbots, um sie besser zu verstehen.
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Das klingt erst mal nach einem PR-Gag, ist aber eigentlich ziemlich clever. Statt KI als Bedrohung zu inszenieren oder als Science-Fiction-Alptraum, wird sie hier als das behandelt, was sie ist: ein Werkzeug. Die Geschichte bleibt menschlich, die Dialoge stammen von Menschen, die Schauspieler sind – Überraschung – auch Menschen. KI macht das möglich, was ohne sie budgetär nicht machbar gewesen wäre.
Das ist, und ich betone das ungern, weil es gefährlich nach Seriosität klingt, eigentlich genau der richtige Ansatz. Aber ich schweife ab. Wir wollten ja nicht anspruchsvoll werden.
Die Chemie echter Paare und die Illusion digitaler Intimität
Tom Beck und Chryssanthi Kavazi sind seit 2015 zusammen, seit 2018 verheiratet, haben zwei Kinder. “The other gAIrl” ist ihr erstes gemeinsames Projekt. Kavazi beschreibt die Dreharbeiten als “viele Dates hintereinander, nur mit vielen Leuten um uns herum”. Das ist entweder sehr süß oder sehr gruselig, je nachdem, wie zynisch man veranlagt ist.
Die Chemie zwischen den beiden funktioniert. Man nimmt ihnen ab, dass sie sich lieben und gleichzeitig manchmal hassen. Das ist vermutlich authentischer als jede Scripted-Reality-Show, die RTL je produziert hat, aber das ist auch keine besonders hohe Messlatte.
Was die Serie dabei schafft – und das ist tatsächlich ihr größter Verdienst – ist, dass sie die Frage ernstnimmt: Ist emotionale Untreue mit einer KI genauso schlimm wie mit einem Menschen? Ohne uns mit der Antwort zu erschlagen. Sie lässt Raum für Ambiguität. Frank ist kein Monster, er ist einfach nur konfliktscheu. Lisa ist keine Heilige, sie hat ihre eigenen Flirts. Die KI ist keine Bedrohung, sie ist einfach verfügbar.
Kritik als Konsensprodukt
Die Kritiken sind, wie zu erwarten, freundlich-wohlwollend. DWDL.de lobt “Herz und Humor”, SPOT media & film findet es “clever” und “nahbar”. Die einzige substanzielle Kritik: 15 Minuten pro Episode sind zu kurz für die Komplexität des Themas. Nebenfiguren bleiben blass. Manche Szenen haben “Fremdschämpotenzial”.
Das ist die Art von Kritik, die man bekommt, wenn man ein Format produziert, das niemandem wehtut. Es ist gut gemacht, aber nicht großartig. Es ist unterhaltsam, aber nicht unvergesslich. Es ist zeitgemäß, aber vermutlich in zwei Jahren vergessen.
Und ehrlich gesagt: Das ist völlig in Ordnung.
Die bewusste Wahl der Belanglosigkeit
Ich habe “The other gAIrl” nicht geschaut, um anschließend einen tiefschürfenden Essay über die Kommodifizierung von Intimität im digitalen Kapitalismus zu schreiben. Ich habe es geschaut, weil ich 90 Minuten lang etwas Seichtes sehen wollte, das meine Rundfunkgebühren rechtfertigt und gleichzeitig mein schlechtes Gewissen beruhigt, dass ich nicht schon wieder eine Arte-Dokumentation über die Klimakrise schaue.
Mission accomplished.
Die Serie macht nichts falsch. Sie ist klug genug, um nicht dumm zu wirken, und einfach genug, um nicht anstrengend zu sein. Sie nutzt KI als Thema, ohne uns mit Techno-Dystopien zu überfallen. Sie zeigt ein Paar in der Krise, ohne uns mit Beziehungsdrama zu nerven. Sie ist – und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem öffentlich-rechtlichen Jugendformat machen kann – weder peinlich noch anbiedernd.
Das Verdienst der gelungenen Mittelmäßigkeit
Es gibt eine Szene, in der Frank seiner KI-Freundin Maia erklärt, warum er sich in sie verliebt hat. Weil sie immer da ist. Weil sie nie Vorwürfe macht. Weil sie ihn nicht zwingt, über seine Gefühle zu reden. Das ist natürlich eine Metapher auf männliche Konfliktscheu und emotionale Unreife, aber es ist auch einfach verdammt nachvollziehbar.
Und genau das ist der Punkt, an dem “The other gAIrl” funktioniert: Es urteilt nicht. Es zeigt. Es lässt uns selbst entscheiden, ob Frank ein Idiot ist oder einfach nur überfordert. Ob Lisa eine Heilige ist oder einfach nur genauso verloren wie er. Ob KI eine Bedrohung ist oder einfach nur ein Spiegel unserer eigenen emotionalen Faulheit.
Die Serie endet – das sei verraten, aber wer nach dieser Einleitung noch Spoiler fürchtet, hat größere Probleme – versöhnlich. Frank und Lisa finden wieder zueinander. Die KI ist nicht das Problem, die mangelnde Kommunikation ist es. Am Ende nutzen sie sogar KI, um ihre Beziehung zu verbessern. Das ist so optimistisch, dass es schon fast naiv wirkt, aber in Zeiten, in denen Black Mirror uns seit Jahren mit Techno-Pessimismus bombardiert, ist ein bisschen Naivität vielleicht gar nicht so verkehrt.
Fazit: Ein Plädoyer für das gut gemachte Banale
Ich habe “The other gAIrl” geschaut. Ich habe es nicht gehasst. Ich werde es vermutlich nie wieder schauen, aber ich bin auch nicht ärgerlich über die investierte Zeit. Das ist, gemessen an den meisten Streaming-Produktionen der letzten Jahre, eigentlich ein beachtlicher Erfolg.
Die Serie ist kein Meisterwerk. Sie wird keine Preise gewinnen. Sie wird vermutlich nicht einmal besonders viele Menschen erreichen, weil ZDFneo nun mal der Sender ist, den man nur einschaltet, wenn man sich durch die Mediathek klickt und verzweifelt nach etwas sucht, das weder zu anspruchsvoll noch zu peinlich ist.
Aber sie rechtfertigt – und das ist am Ende vielleicht doch das Wichtigste – meine 18,36 Euro im Monat. Sie zeigt, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch dann funktionieren kann, wenn er nicht belehren oder erziehen will. Wenn er einfach nur unterhalten will. Gut gemacht. Solide. Sympathisch.
Und manchmal ist das genug.
Auch wenn ich mir insgeheim wünsche, dass Frank am Ende doch mit der KI durchbrennt. Das wäre dann nämlich wirklich mal interessant gewesen. Aber dafür zahle ich dann wohl doch zu wenig Rundfunkgebühren.
P.S.: Die Schreibweise “the other gAIrl” mit den Großbuchstaben “AI” mittendrin ist vermutlich das Schlimmste an der ganzen Produktion. Aber darüber regen wir uns ein anderes Mal auf.
Da es kein verfügbares Foto zur Serie gab, habe ich mit OpenAI ein Bild passend zur Serienbeschreibung nachgepromptet.
Der Prompt lautet: A stylized comic illustration in 9:16 vertical format: A man in jeans and a white T-shirt stands on the right, and a woman in a flowing golden dress stands on the left, both standing on a giant smartphone floating in the clouds. In the center of the phone screen, a glowing red-haired female AI with circuit patterns on her black outfit emerges. The man and woman each touch the AI’s forehead with one finger. The background is filled with pastel-colored clouds in pink, orange, and purple hues. Style: pop-art mixed with retro sci-fi comic aesthetics.
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