Ein Gespräch mit Stephan Noller über Hermes 3000.ai, die Zukunft des Schreibens und warum künstliche Intelligenz den Buchmarkt nicht zerstört – sondern bereichert
In der neuesten Folge von meiersworld für die Ohren hatte ich das Vergnügen, mit Stephan Noller zu sprechen. Stephan ist Diplompsychologe und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem, was man früher Machine Learning nannte und heute KI nennt. Sein Projekt: Hermes 3000.ai – ein Tool, das Menschen dabei unterstützt, Bücher zu schreiben. Nicht als Ersatz für den Autor, sondern als kreativer Partner.
Der Museumsagent und die Demokratisierung von Wissen
Stephans Geschichte beginnt lange vor ChatGPT. Schon vor dem Internet arbeitete er an einem Museumsagenten – einem System, das Besuchern half, Exponate zu finden, die sie interessieren könnten. Die Leute trugen damals noch klobige Apparaturen auf dem Kopf. Völlig unpraktikabel. Aber die Grundidee war dieselbe, die ihn heute antreibt: Algorithmen sollen Menschen nicht ersetzen, sondern ihnen Zugang verschaffen. Zu Kunst. Zu Wissen. Zum Schreiben.
Ich glaube fest daran, dass KI genau das kann. Denken wir an Familien, die sich keine Nachhilfe leisten können. Plötzlich gibt es für zwanzig Euro im Monat einen Assistenten, der erklärt, unterstützt, verfügbar ist. Das mag nicht allen gefallen – aber es schafft Chancengleichheit.
Die wahre Zielgruppe: Menschen mit Geschichten im Kopf
Hermes 3000 – der Name ist eine Hommage an die legendäre Schreibmaschine – richtet sich nicht an Leute, die per Knopfdruck Bestseller produzieren wollen. Die Zielgruppe sind Menschen wie Stephan und seine Frau, die über Weihnachten einen Liebesroman schreiben wollten. Menschen mit Ideen, vielleicht sogar mit Talent, aber ohne Zeit. Oder mit Schreibblockade. Oder mit dem Gefühl, dass der erste Satz einfach nicht kommen will.
Es geht um kollaboratives Schreiben. Du legst Plot an, Charaktere, Konflikte, Spannungsbögen – und die KI hilft dir, konsistent zu bleiben. Das ist keine Magie. Das ist Handwerk, unterstützt durch Technologie.
Fanfiction und Achtklässler: Ein überraschendes Experiment
Stephan erzählte mir von zwei Praktikanten. Achtklässler, die jeweils an einem Tag ein über 200 Seiten starkes Buch verfassten. Fanfiction. Sie schrieben Zwischenromane zu ihren Lieblingsreihen, um die Wartezeit bis zum nächsten Band zu überbrücken.
Stell dir vor: Zwei 15-Jährige, die normalerweise im Auto sitzen und zocken würden – und plötzlich schreiben sie Bücher. Teilen sie im Klassenchat. Begeistern sich für Literatur. Das ist keine Dystopie. Das ist eine Chance.
Wer neugierig ist: Die Ergebnisse der beiden kann man sich unter fantasy-welten.lovable.app anschauen.
Der ewige Vorwurf: Ist das nicht alles geklaut?
Natürlich kamen wir auf die Kritik zu sprechen. Die KI hat von urheberrechtlich geschützten Texten gelernt. Das stimmt. Und ja, die Frage der Vergütung ist berechtigt. Stephan sieht das genauso: Wenn Milliardenumsätze entstehen, sollten die Schöpfer der Trainingsdaten beteiligt werden.
Aber der Versuch, alles zu verbieten? Der wird scheitern. China, so Patrick provokant, interessiert sich nicht für europäisches Urheberrecht. So wie es sich nicht für Zahnrädchen-Patente interessiert hat. Die Frage ist nicht, ob KI-Literatur kommt. Die Frage ist, wie wir sie gestalten.
Das Gegenüber, das jeder Schreibende braucht
Ein Verlagsmitarbeiter sagte Stephan kürzlich etwas Kluges: Die KI gibt Schreibenden etwas, das sie verzweifelt suchen und selten bekommen – ein Gegenüber. Jemanden, der den ganzen Text kennt. Der sagen kann: Diese Überleitung funktioniert nicht. Der Spannungsbogen flacht ab. Das hast du schon dreimal geschrieben.
Du kannst nicht zum hundertsten Mal deinen Partner bitten, alles noch mal durchzulesen. Ein Lektor wird wahnsinnig. Aber die KI ist da. Geduldig. Kompetent. Und wenn du willst, richtig garstig kritisch.
Die Romantik des einsamen Genies – ein deutsches Problem
Wir Deutschen neigen dazu, Autorschaft goethehaft zu betrachten. Der einsame Genius am Schreibtisch, der ein Werk aus sich herausbringt. Aber diese Vorstellung entspricht nicht der Geistesgeschichte. Dumas hatte Autorenkollektive. Rembrandt hatte Werkstätten. Sogar Shakespeare wird verdächtigt, nicht alles selbst verfasst zu haben.
Die Idee des singulären Autors ist ein Produkt der Romantik. Und vielleicht eines, für das wir Deutschen besonders anfällig sind.
Mehr Menschen ans Schreiben bringen
Am Ende unseres Gesprächs sagte Stephan etwas, das ich mir als Titel für diese Folge gemerkt habe: Ganz viele neue Zielgruppen und neue Menschen werden ans Schreiben kommen.
Nicht weniger Autoren. Mehr Autoren. Mehr Varianten des Schreibens. Mehr Freude am Text. Ob die dann alle Thomas Mann werden? Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht werden einige von ihnen, angeregt durch ein KI-Tool, in zwei Jahren völlig ohne KI am Schreibtisch sitzen und Meisterwerke schaffen.
Das wäre doch eigentlich ganz schön.
Links:
- Hermes 3000.ai – Stephans Tool zum kollaborativen Buchschreiben
- Andreas Eschbach: Über das Schreiben – Lesenswertes über die Realitäten des Autorenberufs
Was denkst du? Hilft KI beim Schreiben – oder zerstört sie die Magie? Schreib mir oder hinterlasse einen Kommentar. Ich bin gespannt auf eure Meinungen.
