Karl jubelt…die Enteignung kommt.

Oktober 18, 2026  ·  Alle Videos

Karl kam am Montag nüchtern in die Redaktion. Das war die erste Nachricht des Tages, und es blieb nicht die einzige. Er hatte die Zeitung unter dem Arm und das Gesicht eines Mannes, der Post vom Finanzamt bekommen hat, und zwar eine Rückzahlung.

„Es ist so weit“, sagte er. „Die Mietskasernenbesitzer müssen ihre Häuser abgeben. Die Stadt übernimmt alles.“

Der Kollege Müller sah nicht auf. „Alles?“

„Alles. Es wird alles besser.“

Karl las vor, was die neue Linksfront versprach. Die Mieten sollten fallen, die Treppenhäuser gestrichen werden. Auch für die Menschen aus dem Ausland wollte man mehr tun. Sie sollten wählen dürfen. Arbeiten müssten sie nicht mehr, so verstand es Karl, und gerechter würde es obendrein. Er verstand es freilich so, wie man eine Speisekarte versteht, wenn man Hunger hat.

„Und wer bezahlt das?“, fragte Müller.

„Die Stadt“, sagte Karl.

„Und wer bezahlt die Stadt?“

Karl überlegte. Es war erkennbar eine neue Erfahrung für ihn. „Die Besitzer“, sagte er dann. „Vermutlich.“

Am Dienstag lud der Verleger zur Versammlung. Er tat es schriftlich, auf gutem Papier, und das war schon ein Zeichen. Wer auf gutem Papier einlädt, hat schlecht geschlafen.

Wir saßen im Konferenzzimmer, vierzehn Angestellte um einen Tisch, der für zwanzig gebaut war. Der Verleger blieb stehen. Er trug einen Anzug, der mehr gekostet hatte, als Karl im Vierteljahr verdiente, und er trug ihn, als wäre es ein Vorwurf.

Der erste Punkt der Tagesordnung war das Protokoll der letzten Sitzung, der zweite die Papierpreise. Der dritte hieß „Standortfrage“. Man hört das Wort und weiß Bescheid.

„Der Verlag verlässt Berlin“, sagte er. „Zum Monatsende. Alle Arbeitsverhältnisse werden gekündigt. Die verlagseigenen Wohnungen fallen an die Stadt, so will es ja nun das neue Gesetz.“

Es wurde still. Man hörte, wie jemand den Stuhl zurückschob, und wie jemand anderes ihn wieder heranzog.

Karl hob die Hand. Er hob sie langsam, wie ein Schüler, der die Antwort nicht mehr sicher weiß.

„Aber das ist doch gerecht“, sagte er.

„Gewiss“, sagte der Verleger. „Gerecht ist es. Es verhält sich nur so: Im Sozialismus nimmt man sein Geld und geht. Sonst enteignen sie einen und verschenken das Geld an andere. Ich habe es mir überlegt. Ich gehe.“

Er stellte den Betrieb noch am selben Nachmittag ein. Er tat es ohne Pathos, mit zwei Telefonaten und einer Unterschrift. Der Kassier zahlte die Gehälter bis zum Monatsende aus, in einem Umschlag, der dünner war als die Hoffnung vom Vormittag.

Müller steckte seinen Umschlag ein, ohne ihn zu öffnen. Er hatte schon einmal eine Währung verloren und wusste, wie viel darin steckte.

Karl stand am Fenster. Draußen trugen zwei Männer ein Schild in die Straße, auf dem „Die Häuser dem Volk“ stand. Es war ein gut gemaltes Schild. Das ist bekanntlich nicht dasselbe wie ein gutes Argument, aber man muss unterscheiden.

„Es wird trotzdem besser“, sagte Karl. Er sagte es leise, eher zu der Scheibe als zu uns.

Ich holte die Flasche aus der Schublade. Es war Cognac, und es war noch nicht Mittag. Wir tranken aus Teetassen.

Die Stadt, hieß es, werde sich um alles kümmern.