Ein Ausflug in das Berlin des Jahres 2013

Der ursprüngliche Text erschien unter der Überschrift «Porno Berlin»

Berlin ist anders, anders als Frankfurt, München, Düsseldorf und all die anderen Städte die wir so in Deutschland haben. Berlin ist, wie auf dem T-Shirt aus Berlin zu lesen, einfach Porno. Wobei ich Porno einfach mal mit einer etwas älteren Erläuterung in Verbindung bringen möchte:

„Pornographie: Freizügiges Gemälde zur Ausschmückung der Wände in Räumen, die bacchanalischen Orgien gewidmet sind. Beispiele sind in Pompeji vorhanden.“

Berlin ist wirklich nicht so spießig wie Frankfurt oder München, dafür irgendwie hässlicher, offener und eben manchmal wahnsinnig obszön. Die Stadt hat wunderbare Dinge zu bieten, die Museumsinsel ist ein Traum und auch viele andere Punkte in der Stadt sind toll. Wer einmal am Landwehrkanal an einem Sommerabend bei guten Gesprächen die Zeit vergessen hat, oder in Mitte ein Glas Wein genossen hat und dabei der Stadt zugesehen hat, der weiß viellicht was ich meine.

Dafür kann die Stadt einen mit ihrer brutalen Offenheit schon fast schockieren, denn ich finde, nirgendwo prallen so viele Gegensätze aufeinander wie hier. Das macht den Reiz der Stadt aus und gibt ihr genau den Hauch der von vielen Weltstars geliebt wird, weil Berlin nicht glattgeschliffen ist, sondern sich immer noch von der Geschichte erholt.

Frankfurt ist chic, München ist spießig und Hannover einfach langweilg (hat schon Frau Schöneberger gesungen). Berlin hebt sich da eben ab, aber eben nicht immer nur im positiven Sinn. Denn trotz aller Coolness und der ganzen Hipster Scheiße Mode ist Berlin an manchen Stellen einfach nur eine ziemlich schlecht gekleidete Stadt. Wobei dies auch nur auf große Teile des trendigen Berlins zutrifft, dort wo früher West-Berlin in die Dunkelheit des Sozialismus mit der Taschenlampe des Kapitalismus versucht hat einen Lichtkegel zu werfen, dort ist heute die gleiche Langeweile anzutreffen wie in jeder x-beliebigen deutschen Fußgängerzone. Die Inszenierung einer Marke gelingt aus, mir noch nicht ganz nachvollziehbaren Gründen, zwischen Ostplatte und ehemalig preußischer Hauptstadtarchitektur einfach besser als auf dem Kudamm. Die Klamotten die zwischen Alex und Hackschen Höfen von Boss, Fred Perry und allen anderen Designlabels angeboten werden, trägt aber in Berlin offenbar kaum jemand. Hier herrscht eine unglaubliche Mischung aus frivoler Verwendung von H&M-Klamotte in Kombination mit den unglaublichsten Independentlables dieser Stadt. Dieser Modemix wird mit einer nahezu furchtlosen Arroganz, ohne einem Anflug von Angst vor Hässlichkeit, zur Schau gestellt.

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Berlin ist so gesehen eine furchtlose Stadt, in der selbst im Hochsommer die kurze Hose ihr Entrée in die Berliner Geschäftswelt gefunden hat, ungezwungene Lockerheit eben, wie sie nur in einer Stadt gelebt werden kann, deren Credo “Arm, aber sexy” ist. So wie manche Menschen die Kölner Fröhlichkeit nur als Deckmantel für die Unfähigkeit der Kölner zur ernsthaften Beschäftigung sehen, so ist die Berliner Poorness das Synonm für ein nicht ernst gemeintes Erwachsenwerden unserer Hauptstadt.

Berlin will eigentlich gar nicht so richtig Hauptstadt sein, zumindest nicht in dem Sinne, dass die Stadt sich dafür rausputzen muss, oder einen richtigen Flughafen braucht! Berlin bleibt lieber Baustelle, immer anders und nie reifer als ein pubertierender Jugendlicher, damit lässt sich ganz gut zurechtkommen, und Heranwachsende haben ja auch immer zu wenig Taschengeld.

Als Frankfurter schaue ich, nach fünf Tagen in der pubertierenden Stadt, etwas neidisch auf diese, denn ihr Nachleben ist definitiv besser als unseres. Die ungezwungene Art der Berliner ist wesentlich ansteckender als das was mir manchmal in Frankfurt begegnet, obwohl ich immer der Meinung bleiben werde, dass Frankfurter keine Stoffel sind. Berlin ist einfach noch nicht reif und darf es auch nicht werden, denn wir haben genügend Städte in Deutschland in denen das Nachtleben mit der Konformität der Hausordnung einer Kleingartenkolonie verläuft.

In diesem Sinne: Berlin ist Porno, aber in HD! Ach-ja, und wo sonst könnten so unglaublich geile Blogtexte entstehen wie die von Oliver Flesh aus Berlin & so verwirrende Romane wie Berlin Gothic von Jonas Winner.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Berlin unterscheidet sich von anderen deutschen Städten wie Frankfurt, München oder Düsseldorf durch eine ungewöhnliche Kombination aus Offenheit, Gegensätzen und urbaner Ungezwungenheit, die es zu einer einzigartigen Stadt macht.

gilt  ·  seit 25.03.2025

Berlins Image als arme, unfertige und nie ganz erwachsen werdende Hauptstadt ist kein Mangel, sondern eine bewusst gelebte Identität, die die Stadt bewahren sollte, weil Deutschland bereits genug konformistische Städte hat.

gilt  ·  seit 25.03.2025

Berlins Attraktivität als Markenstandort funktioniert zwischen Ostplatte und preußischer Hauptstadtarchitektur besser als auf dem Kurfürstendamm, obwohl die dort angebotene Designermode von der Berliner Bevölkerung kaum getragen wird.

gilt  ·  seit 25.03.2025

Das Nachtleben und die soziale Ungezwungenheit Berlins sind anderen deutschen Großstädten wie Frankfurt deutlich überlegen.

gilt  ·  seit 25.03.2025

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