Ein Tag in Frankfurt

Straßenszene in Frankfurt vor dem historischen Gebäude des Steigenberger Frankfurter Hof: Menschen sitzen an kleinen runden Tischen eines Straßencafés, trinken Kaffee und unterhalten sich, während im Hintergrund Geschäftsleute auf dem Gehweg stehen und sprechen. Die Nachmittagssonne fällt zwischen modernen Hochhäusern und Altbaufassade auf die belebte Innenstadt

Frankfurt wurde neulich von einem niederländischen Journalisten besucht. Für den Guardian warf er einen Blick auf „Mainhatten“. Er sollte aus der Sicht Londoner Banker in seinem Weblog über die kleine Schwester am Main berichten. Da ging es für mich schon los: kleine Schwester? Frankfurt ist nicht die kleine Schwester von London. Frankfurt ist ein eigenständiges Kind – mit einer deutlich besseren Erziehung als London. Von getrennten Zwillingen kann erst recht keine Rede sein.

Mir ging ein Bild nicht aus dem Kopf, das ich während der Frankfurter Buchmesse am Frankfurter Hof aufgenommen habe. Zwei Menschen aus der Buchbranche stehen dort und sprechen über ihr Geschäft. Über ihnen der Schatten der Commerzbank – ein Symbol für die Finanzindustrie. Ob dieser Schatten für den langen Schatten der Gier steht, der sich über die Weltwirtschaft legt, sei dahingestellt. Entscheidend ist etwas anderes: Frankfurt wird in den Blogbeiträgen von Joris Luyendijk als klein und langweilig dargestellt – zugleich aber auch als Stadt, die unabhängiger von Banken und ihren Geschäften ist als London.

Diese Unabhängigkeit macht den Charme der Stadt aus. Gesegnet mit einer in Europa einzigartigen Skyline und mit Menschen, die nicht jeden Tag über den Spread zwischen Dollar und Euro bei ihren Derivaten nachdenken müssen.

Frankfurt ist – wie Deutschland insgesamt – nicht abhängig von der Finanzdienstleistungsindustrie. Im Gegensatz zu London und dem Vereinigten Königreich hat es seine Substanz an mittelständischen Industrieunternehmen bewahrt. In der Finanzkrise war das ein unschlagbarer Vorteil für Frankfurt und den Rest der Republik.

Doch ich möchte zurück zu diesem Tag in Frankfurt. Wenn Frankfurt erwacht, sehen Herr Luyendijk und seine britischen Auftraggeber offenbar eine kleine, ruhige Stadt mit Straßen wie in einer amerikanischen Großstadt. Vielleicht hat unser holländischer Besucher nur die Neue Mainzer Straße und die Mainzer Landstraße im Bankenviertel gesehen – und daraus vorschnelle Schlüsse gezogen.

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Abseits dieser Straßen liegen die anderen Viertel, manchmal mit engen Gassen, kleinen Kneipen und Apfelweinstuben. Sie sind vielleicht nicht so „cool“ wie die Pubs im Herzen Londons, aber sie sind echt. Hier treffen sich nicht täglich Bankergruppen, die ab 17 Uhr ihren Frust ertränken. Hier sitzen Menschen aus allen Branchen zusammen. Die Atmosphäre ist eine andere. Bodenständiger. Wärmer.

Frankfurts Tage verlaufen ruhiger, kreativer, sachlicher. Manche Bankmitarbeiter im Guardian-Blog wünschen sich mehr Risiko und weniger deutsches Abwägen. Ein wenig mehr Mut schadet nie. Doch historisch betrachtet haben die Frankfurter Kaufleute mit Besonnenheit und Sachlichkeit eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben.

Deshalb enden die Tage hier weniger adrenalinschwanger, dafür mit der Aussicht auf einen guten nächsten Tag – in einer Stadt, die einige der größten Messen der Welt beherbergt. Frankfurt ist kleiner als London. Vielleicht auch liebenswerter. Und vielleicht lohnt es sich, die Stadt am Main länger zu betrachten, bevor man sie vorschnell einordnet.

Quellen & Belege:https://www.theguardian.com/commentisfree/2012/sep/17/banking-frankfurt-germany-different-london
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