Müller & Anner – Der vierte Fall
Eine erfolgreiche Autorin. Ein Hochhaus am Rhein. Und zu viele, die sie tot sehen wollten.
Viktoria Schmidt ist 25, studiert in Köln und verdient unter dem Namen Victoria Sinclair mit KI-geschriebenen Dark-Romance-Romanen mehr, als eine Studentin je sollte. Designerklamotten, teures Parfum, Wohnung im zwölften Stock. Dann liegt sie tot auf dem Parkett. Stumpfes Schädeltrauma. Ihre Gaspistole unbenutzt.
Kriminalhauptkommissarin Nina Müller und Kommissar Andreas B. Anner finden mehr als nur eine Spur.
Der Geschäftspartner, dem sie den größeren Anteil verweigert hat.
Die gescheiterte Autorin, die KI-Literatur für Verrat hält.
Die Kommilitonen, die ihren Vortrag über den Jom-Kippur-Krieg als Propaganda gebrandmarkt haben.
Hunderte Hasskommentare. Foren. Drohungen. Ein Video, in dem Viktoria selbst sagt, dass sie Angst hat.
Jeder hat ein Motiv. Fast jeder hat ein Alibi.
Und irgendwo zwischen Geld, Ideologie und digitalem Hass liegt die eine Version der Wahrheit, die nicht nur eine Geschichte ist.
Ein Kölner Kriminalroman über Kunst, Macht und die Frage, wer das Recht hat, zu erzählen.
◈ Buch · Krimi
Müller & Anner und die Frau mit den vielen Feinden: Der vierte Band des Kölner Ermittlerduos
📄 Leseprobe
Sie fuhren schweigend durch die Stadt. Die Straßen waren voll, der Feierabendverkehr staute sich. Müller fuhr geduldig, die Hände locker am Lenkrad. Sie dachte an das Bild im Bücherregal. Viktoria am Strand. Das Glas Rosé. Das Lächeln.
«Ob sie wohl glücklich gewesen ist?», fragte Müller plötzlich.
Anner sah sie an. «Könnte schon sein?»
«Die Fotos. Sie sah nicht aus wie jemand, der sich verkaufen muss. Sie sah aus wie jemand, der sein Leben genießt.»
«Vielleicht hat sie beides getan», sagte Anner.
Müller nickte. Vielleicht. Sie würden es herausfinden. Sie fuhren über die Deutzer Brücke, der Rhein floss träge unter ihnen, und Müller dachte an die Gaspistole. Nicht abgefeuert.
Viktoria Schmidt hatte sich gewehrt.
Und jemand hatte sie trotzdem, oder gerade deshalb getötet.
Das Polizeipräsidium lag im Stadtteil Kalk, ein moderner Gebäudekomplex am Walter-Pauli-Ring. Müller parkte in der Tiefgarage und sie nahmen den Aufzug in den dritten Stock. Ihr Büro war klein, funktional, zwei Schreibtische, ein Fenster mit Blick auf einen Innenhof. Anner legte die Beweismittel auf seinen Schreibtisch und begann, die Geräte aus der Tüte auszupacken.
«Ich schicke das Handy zur IT», sagte er. «Die sollen alle Nachrichten sichern. E-Mails, WhatsApp, Instagram, alles.»
«Gut», sagte Müller. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und öffnete den Computer. «Ich fange mit der Akte an. Personalien, Studienverlauf, Kontakte. Du fährst bitte zu den Eltern. Sie müssen wissen was passiert ist. Frag nach dem Mann auf dem Bild.»
Sie arbeitete schweigend weiter. Die Uhr an der Wand tickte. Draußen wurde es dunkel. Müller las die wenigen Informationen, die sie bisher hatten: Viktoria Schmidt, 25 Jahre, geboren in Bonn, Abitur mit 1,4, studierte seit 2018 Philosophie und Neuere Geschichte an der Universität zu Köln. Siebtes Semester. Keine Vorstrafen. Keine Auffälligkeiten.
Und trotzdem: 1.800 Euro Miete. Designerkleider. Parfum. Eine Gaspistole.
«Irgendwas passt nicht», murmelte Müller.
Zwei Stunden später kehrte Anner aus Bonn zurück. Er setzte sich mit einer Flasche Wasser an seinen Schreibtisch und sah seine Chefin an.
«Wie haben sie reagiert, haben wir Infos die wir noch nicht hatten?», fragte sie ihren Kollegen mit einer gewissen Anspannung die sich nach den vielen Stunden Dienst in ihr aufgestaut hatten.
Anner berichtete von den Eltern. «Petra und Georg, beide 52 Jahre alt. Viktoria ist die jüngere von zwei Kindern. Der drei Jahre ältere Bruder lebt in Australien. Er hat vor einigen Jahren die Liebe seines Lebens kennengelernt und ist letztes Jahr nach Down Under gezogen. Er ist der Mann auf dem Bild in ihrer Wohnung.»
Müller machte sich Notizen und sah ihn an.
«Viktoria ist Victoria und sie verdient mit den Büchern fünfstellige Beträge. Als Sexworkerin muss sie wirklich nicht arbeiten. Sie hat einen Geschäftskollegen Mohammed Aloui. Mit dem gab es vor einigen Wochen eine Auseinandersetzung um die Aufteilung der Tantiemen. Sonst studierte sie an der Uni. Hatte Konflikte bezüglich ihrer Nutzung von KI und weil sie sehr israelfreundlich ist, gab es auch da ein paar Menschen die nicht nur gut auf sie zu sprechen waren. Kein Freund, zumindest nichts was die Eltern wussten.»
«Dann bestellen wir uns mal den Geschäftspartner zum Gespräch. Geld ist immer ein Motiv.», Müller klappte die Unterlagen zu und stand auf und ging nach Hause.
Anner nahm seine Sporttasche und machte noch einen Umweg über eine Buchhandlung und kaufte sich einen Roman von Victoria Sinclair.
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