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Das Leben ist ungerecht
By admin ⋅ 12. Januar 2012 ⋅ Post a comment
Filed Under fitzelchen, gewohnheit, glück, pech, roulette
Jan-Christian Schönebach schaute aus dem Fenster, so wie er es jeden Tag tat. Er schaute immer aus dem Fenster, er hatte immer einen Fensterplatz und daher konnte er immer aus dem Fenster sehen. Er stand jeden Arbeitstag und auch Samstags wenn er seine Einkäufe in der Stadt erledigte 10 Minuten vor der Abfahrt der S-Bahn am Bahnsteig, wenn sie dann bereitgestellt wurde, dann hatte Jan-Christian Schönebach seinen Fensterplatz im dritten Wagen in der zweiten Sitzreihe, der Platz links in Fahrtrichtung. Bis er seine Zielstation erreichte wechselte sich das Dunkel des Tunnels viermal mit dem Licht der unterirdischen Stationen ab, dann wieder Tageslicht.
Wenn die Station an der er aussteigen musste sich näherte, dann faltete Jan-Christian seine Zeitung, er hatte das Abonnement von seinen Eltern übernommen, fein säuberlich und steckte sie in die vordere Einschubtasche seiner Aktentasche, welche er bereits mehr als 17 Jahre als seine einzige treue Begleiterin bezeichnen konnte.
Die Rolltreppe wurde mit sieben Schritten erreicht, dann blieb er links stehen und die anderen konnten rechts gehen, die Hektiker die immer eine Bahn zu spät nahmen um pünktlich am Arbeitsplatz zu sein. Für ihn begann jeder Tag an seinem Arbeitsplatz zehn Minuten vor seiner Zeit. Er hatte keinen Stress und erledigte seine Arbeit routiniert und mit allergrößter Sorgfalt.
Um 12.30 Uhr ging er mit seinen Kollegen in die Kantine, nach 40 Minuten saß er wieder an seinem Schreibtisch und gönnte sich die einzige Unkorrektheit seines Arbeitslebens; er trank einen kleinen Schluck Single Malt mit einem Spritzer Wasser.
Exakt um 16.45 Uhr verabschiedete er sich von den Damen am Empfang und fuhr nach Hause, jeden Tag in der Woche – ohne Ausnahme!
Als Jan-Christian Schönebach an diesem Freitag die Drehtür hinter sich ließ, wusste er intuitiv, dass an diesem Tag noch etwas passieren würde. Es hatte sich bereits auf der Fahrt zur Arbeit angedeutet, den ganzen Tag über verstärkt und nun am Ende der Arbeitswoche, am Ende des Arbeitstags spürte er das etwas passieren würde, was sein ganzes Leben verändern könnte. Innerlich spürte er eine Katastrophe auf sich zurollen. Nur mit der Routine seines Lebens konnte er dieses ungute Gefühl beiseite schieben. Seine Routine und sein Plan gaben ihm den nötigen Halt.
Wie jeden Freitag machte er sich zwischen 18.10 Uhr und 19.15 Uhr für den Abend zurecht. Er duschte, rasierte sich ein zweites Mal und nahm eines der weißen Hemden aus der Reinigung, zog es an, roch an ihm und spürte die Kraft die von dem Hemd ausging. Er zog den guten Anzug an, band sich eine der Krawatte die zur Jahreszeit passte, kontrollierte die Sauberkeit der schwarzen Schuhe und lächelte dann in den Spiegel, streichelte über das Bild seiner Eltern, welches neben dem kleinen Lichtschalter befestigt war. Er atmete tief ein, zog die Tür hinter sich zu und ging zur Bushaltestelle.
Wie verabredet wurde er dort um 19.25 Uhr von einer jungen Dame abgeholt, er gab ihr den Umschlag mit der vereinbarten Summe und sie fuhr ihn zum Casino, stoppte dabei an der vereinbarten Stelle und fuhr, wie von ihm geplant, nach 10 Minuten weiter. Jan-Christian Schönebach entspannte sich bei der gemeinsam Fahrt über die Autobahn, empfand den kurzen Stopp als ein Muss für einen Mann der jeden Tag seine Arbeit pünktlich und fleißig erledigte. Wobei er sich über seine Begleitung ärgerte, denn sie hatte sich nicht an die Vereinbarung gehalten und roten statt schwarzen Nagellack aufgetragen.
Punkt 20.20 betrat er mit seiner Begleitung das Spielcasino. Als der Kassierer in freundlich grüßte und ihm die Jetons im Wert von 375 Euro überreichte, da spürte er wieder dieses ungute Gefühl das an diesem Tag noch etwas passieren würde was nicht zu seinem Plan gehörte.
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Gemeinsam mit seiner Begleitung begann Jan-Christian Schönebach seine Einsätze zu machen, er spielte nach einem über Jahre entwickelten System und sein System betrog ihn nicht. Nach 75 Minuten würde er auch heute aufstehen und seinen Einsatz komplett verloren haben, so wie er es geplant hatte.
16, rouge, pair. Als die Kugel auf der 16 stehenblieb wusste Jan-Christian Schönebach warum er den ganzen Tag schon ein ungutes Gefühl hatte. Sein Plan ging nicht auf. Er hatte seinen letzten Jetons im Wert von 100 Euro, so wie immer, auf die 16 gesetzt, und heute hatte er gewonnen. Was für ein beschissener Tag dachte sich Jan-Christian Schönebach, nahm den Gewinn und stand auf. Noch nie hatte er sich so schlecht gefühlt, sein ganzes Leben geriet aus den Fugen, wenn er sich noch nicht einmal mehr darauf verlassen konnte beim Roulette zu verlieren.
Am nächsten Montag saß bereits ein anderer Fahrgast auf seinem Platz in der S-Bahn.
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