„Erst mal schreiben lernen“ – 11 Fragen an Carla Berling, Selfpublisher und Bestseller-Autorin

Carla Berlings Bücher findet man nicht in den Hugendubels und Thalias dieser Welt. Aber dafür bei Amazon – und zwar in der Regel ganz oben auf den Bestsellerlisten. Sie hat das geschafft, wovon viele träumen: Sie ist eine feste Größe unter den deutschen Autoren, und das ausgerechnet im Genre mit dem wohl härtesten Wettbewerb (gleich nach Kochbüchern): dem klassischen Krimi.

Im Gegensatz zu Autoren wie Nele Neuhaus ist Carla Selfpublisher: Sie ist nicht nur als Autorin für das Manuskript verantwortlich, sondern übernimmt als Micro-Entrepreneur auch die klassischen Verlagsaufgaben wie Lektorat, Covergestaltung und Marketing selbst.

Wie zum Teufel macht sie das?

Ich, der junge, naive Nachwuchsautor, habe sie gefragt.

PM: Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Mitte der Neunziger Jahre gerieten mein Mann und ich in eine sehr schlimme finanzielle Situation. Da ich zuvor im Strukturvertrieb einer Versicherung gearbeitet und einiges Insiderwissen hatte, beschloss ich, darüber einen brisanten Bestseller zu schreiben. (Kein Scherz, so naiv war ich wirklich!) In ein paar Wochen sollte das Buch fertig sein und dann würde ich alle Rechnungen bezahlen können. Dachte ich. Nach 300 Seiten Manuskript musste ich zugeben, dass ich dilettantischen Mist geschrieben hatte, den kein Mensch lesen würde. Ich musste erst mal schreiben lernen. So ging ich zu unserer Tageszeitung, bewarb mich blind, wurde genommen und habe dann mein Handwerk von der Pike auf gelernt. Bis zum ersten Buch sollte es dann aber dennoch ein paar Jahre dauern.

PM: Worüber schreibst du?

Über alles, was mich bewegt – und da ich nun an meinem sechsten Krimi schreibe, habe ich damit eine wunderbare Möglichkeit gefunden, jedes Thema aufzugreifen – und wenn es noch so brisant ist.

PM: Was inspiriert dich?

Menschen und deren Biografien.

PM: Wie viele Bücher bzw. eBooks hast du verkauft?

In den ganzen Jahren seit 2000? Keine Ahnung. Ich war bis 2013 Verlagsautorin bei kleineren Verlagen und habe selten korrekte Abrechnungen bekommen. Aber ich kann verraten, dass ich von meinem neuen Buch „Königstöchter“ in den ersten 8 Wochen knapp 20.000 Downloads hatte.

PM: Kannst du vom Schreiben leben?

Ja. Seit ich Selfpublisher bin.

PM: Wie oft bzw. wie lange schreibst du?

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Ich schreibe täglich, auch Sonntags und an Feiertagen, etwa 5 Stunden am aktuellen Manuskript.

PM: Was war die schönste Erfahrung, die du im Umfeld deiner Autoren-Tätigkeit erlebt hast (bis jetzt)?

Oh, da gab es ganz viele. Besonders in Erinnerung ist mir eine Mail, die ich kürzlich von einer Frau bekam, die entsetzliche Schicksalsschläge hinter sich hatte. Ich versuchte, sie zu trösten. Sie schrieb mir nun, dass alles sich zum Guten gewendet hat. Und sie schrieb, dass ich maßgeblich dazu beigetragen hätte, ihr Mut zu machen und sie von der Benutzung des Stricks abgehalten hätte, den sie sich schon besorgt hatte. Da hab ich vor Glück und Rührung geweint.

PM: Wie veröffentlichst und bewirbst du deine Werke?

Zurzeit veröffentliche ich ausschließlich als Selfpublisher. Das heißt: Ich erledige alle Leistungen, die ein Verlag früher machte, selbst. Mit dem Lektorat Seitzmayer arbeite ich nun schon zum 4. Mal zusammen, ich habe einen Coverdesigner aus einer Berliner Werbeagentur, ein Polizeikommissar, ein Strafverteidiger, eine Apothekerin und ein Arzt beraten mich in Fachfragen. Um das Marketing, also Pressearbeit, Social Media Marketing, Twitter, Facebook, Instagram und Co., mache ich allein. Ich schalte Anzeigen im Internet, habe einen Newsletter, lasse Flyer drucken, die ich auf meinen Lesungen verteile, es gibt Videomitschnitte von Lesungen auf YouTube.

PM: Welchen Tipp würdest du jedem Autor oder Blogger geben?

Tipp? In Bezug auf was?

PM: In Bezug auf den Prozess, den man als Autor durchlebt.

Durchhalten. Durchhalten. Durchhalten. Lernen. Lernen. Lernen.

PM: Vervollständige den Satz: „In fünf Jahren lesen die Deutschen…“

…hoffentlich immer noch viele Bücher, egal in welcher Form – und dann haben sie hoffentlich erkannt, dass Ebooks keine Alternative zum Papierbuch sind, sondern eine Ergänzung.

PM: Warum sollten die Leser lieber ein Buch von dir als von Nele Neuhaus kaufen?

Einspruch!!! Nele schreibt tolle Bücher – und die Leute sollen unbedingt ihre kaufen und meine! Es gibt jede Menge toller Kollegen. Ich schätze, ein Autor schreibt maximal 2 Bücher im Jahr. Ich lese ein bis zwei Bücher in der Woche. Und je mehr gute Autoren sich in einem Genre tummeln, desto besser ist es für die Leser. Es gibt keinen Grund für Konkurrenzdenken, ganz im Gegenteil. Zumal es, seit es günstige Ebooks gibt, auch viele neue Leser gibt – nämlich die, denen früher das Hardcover für 24 Euro zu teuer war.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Selfpublishing ermöglicht es Autorinnen wie Carla Berling, vom Schreiben zu leben, während eine Verlagsautorenschaft bei kleineren Verlagen dies nicht gewährleistete – unter anderem wegen unkorrekter Abrechnungen.

gilt  ·  seit 19.11.2014

Günstige E-Books erschließen neue Lesergruppen, nämlich Menschen, denen gedruckte Hardcover-Bücher zu teuer waren, und vergrößern so den Gesamtmarkt für Bücher.

gilt  ·  seit 19.11.2014

E-Books sind keine Alternative zum gedruckten Buch, sondern eine Ergänzung, und sollten von Lesern als solche verstanden werden.

gilt  ·  seit 19.11.2014

Im Krimi-Genre schadet eine wachsende Zahl guter Autorinnen und Autoren dem Einzelnen nicht, sondern nutzt allen Lesern – Konkurrenzdenken unter Autoren ist deshalb unbegründet.

gilt  ·  seit 19.11.2014

Schreiben ist ein erlernbares Handwerk, das praktische journalistische oder handwerkliche Ausbildung erfordert; naives Autodidaktentum ohne Lernbereitschaft führt zu dilettantischen Ergebnissen.

gilt  ·  seit 19.11.2014

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