Memories of Heidelberg – Ein Strunk voll Heiterkeit

Heidelberg Stadtansicht mit Neckar, rotem Dachwerk und bewaldeten Hügeln unter blauem Himmel

Ich packe die Koffer nach der Sommerfrische wieder aus, und zwischen der noch feuchten Badehose und einem Strandtuch, das nie wieder ganz sandfrei werden wird, liegt es, fertig gelesen und mit Eselsohren versehen: «Memories of Heidelberg» von Heinz Strunk. Wer Strunk kennt, weiß, dass der Titel eine Falle ist. Wer romantische Neckarstadt-Nostalgie erwartet, bekommt stattdessen ein Ehepaar aus Oldenburg, das sich in Heidelberg gegenseitig zermürbt, während im Hintergrund in Dauerschleife der Peggy-March-Schlager läuft, der dem Buch seinen Namen leiht. Genau dieser Griff ins Groteske ist es, der mich schon nach den ersten Seiten in ein Rodeo der Irrwitzigkeit zieht, wie es sich in der deutschen Literaturszene wirklich nur einer ausdenken kann.

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Texttyp
Literaturkritik/Rezension
Besprochenes Werk / Thema
Rezension des Romans 'Memories of Heidelberg' von Heinz Strunk
Zentrales Argument
Strunk gelingt es durch genaue Beobachtung, Komik und Menschlichkeit zu verbinden, ohne dabei zu glätten oder zu verharmlosen
Kernthese
Strunk ist ein Meister darin, aus unbarmherziger Genauigkeit des Alltäglichen Komik zu gewinnen
Relevante Konzepte
MilieugenauigkeitTragik der LiebeBeobachtungsgabeGegenwartsliteraturGroteske
Empfohlen für
Literaturinteressierte, Strunk-Leser, Fans von psychologischen Romanen
Einordnung durch den Autor
Deutsche Gegenwartsliteratur; psychologischer Roman; Tragikomödie
Verweise im Text
Heinz Strunk'Ein Sommer in Niendorf'Adam Soboczynski (Die Zeit)

Bertram und Isolde sind kein Paar, sie sind ein Zustand. Ein chronischer Nörgler trifft auf eine Frau, die längst aufgehört hat zu hoffen, dass sich daran etwas ändert, und beide reiben sich in einer Stadt aneinander auf, die eigentlich für Romantik gebucht wurde. Der Kurzurlaub wird zur psychologischen Belastungsprobe, und Strunk erzählt das mit jener unbarmherzigen Milieugenauigkeit, die man aus «Ein Sommer in Niendorf» kennt. Es geht um Einsamkeit, verfehlte Lebensträume und die schmerzhafte Komik des Scheiterns, aber nie mit erhobenem Zeigefinger. Der Schlager läuft weiter, egal wie tief das Paar sinkt, und genau darin liegt die Pointe.

Die Kritik hat das Buch fast einhellig gefeiert, und interessant ist, wie unterschiedlich die Zugänge dabei sind. Adam Soboczynski empfiehlt es in der Zeit ausdrücklich als Urlaubslektüre und verspricht, die Laune werde sich während der Lektüre enorm verbessern, Strunk erweise sich einmal mehr als großer Tragiker des Sex und der Liebe. Tobias Becker fragt im Spiegel, ob man das noch eine Schauergeschichte nennen darf oder ob Strunk schlicht die «realistischsten Liebesgeschichten der deutschen Literatur» schreibt. Juliane Bergmann bringt es für NDR Kultur und SR Kultur auf eine knappe Formel, wenn sie den Roman als «sprachlich exquisit, erbarmungslos, unterhaltsam-trocken» beschreibt. Thomas Andre ordnet das Werk im Hamburger Abendblatt als große makabere Komödie ein, Tobias Wenzel lobt im Deutschlandfunk Kultur die virtuos auf die Spitze getriebene Beobachtungsgabe für das Zwischenmenschliche, und Rainer Hartmann urteilt für SWR1 am härtesten und nennt das Buch bretthart, komisch, böse, eines, das dahin geht, wo es wehtut, und Strunks bestes seit langem.

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Was mich an diesen Stimmen am meisten überzeugt, ist, dass keine von ihnen versucht, das Buch zu glätten. Strunk wird nicht als Unterhaltungsautor verharmlost und nicht als Sozialkritiker verklärt, er bleibt das, was er ist: einer, der genau hinsieht, wo andere wegschauen, und der aus dieser Genauigkeit Komik gewinnt, ohne seine Figuren zu verraten. Von der ersten bis zur letzten Seite ist «Memories of Heidelberg» einfach unterhaltsam, und das ist im Ernst gemeinter Gegenwartsliteratur kein kleines Kompliment. Für mich bleibt vor allem hängen, was für ein starker Strunk an Heiterkeit da für den sonnenhungrigen lesenden Publikum abgeliefert wurde, ein Autor, der sich seinen eigenen Namen offenbar als Verpflichtung genommen hat.

Am Ende bleibt bei mir vor allem ein Satz hängen, den ich mir selbst nicht ganz erklären kann und der trotzdem genau die richtige Tonlage trifft: Das Rodizio in Oldenburg möchte nach dieser Lektüre sicherlich jeder einmal besuchen. Man weiß nicht, warum, aber man will es. Und vielleicht ist genau das die beste Beschreibung dafür, was Strunk mit seinen Lesern macht.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Heinz Strunks Roman 'Memories of Heidelberg' gewinnt seine Komik aus unbarmherziger Milieugenauigkeit, ohne die dargestellten Figuren dabei zu verraten oder zu karikieren.

gilt  ·  seit 28.07.2026

'Memories of Heidelberg' ist trotz seines Anspruchs als ernstgemeinte Gegenwartsliteratur durchgehend unterhaltsam – eine Qualität, die der Rezensent als echtes Kompliment und keineswegs als Verharmlosung wertet.

gilt  ·  seit 28.07.2026

Die Rezeptionsgeschichte von 'Memories of Heidelberg' zeichnet sich dadurch aus, dass Heinz Strunk von keinem Kritiker auf eine eindimensionale Rolle reduziert wird – weder als reiner Unterhaltungsautor noch als Sozialkritiker.

gilt  ·  seit 28.07.2026

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