#Neuland: Die Kanzlerin und die digitale Avantgarde

Ja, es geht wieder ein #aufschrei durch das Netz. Die digitale Avantgarde, oder was sich dafür hält, hat wenige Sekunden nach dem Angela Merkel das Internet als #Neuland bezeichnet hat, losgeschlagen und die Bundeskanzlerin in einem möglichst großem Umfang als Idiotin hinzustellen. Die SPD-Blogosphäre reagierte schnell mit Häme und selbst Sigmar Gabriel twitterte bevor er sein Hirn einschaltete.

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Texttyp
Blogbeitrag/Kommentar
Besprochenes Werk / Thema
Kritische Analyse der Reaktionen auf Merkels 'Neuland'-Aussage zum Internet und der digitalen Kluft in der deutschen Gesellschaft.
Zentrales Argument
Merkels Bezeichnung des Internets als 'Neuland' ist faktisch korrekt, da ein großer Teil der Bevölkerung das Internet erst kurz nutzt und nicht professionell damit umgeht. Die heftige Kritik der 'digitalen Avantgarde' spiegelt Arroganz und mangelnde Differenzierung wider. Eine ausgewogene Perspektive erfordert das Verständnis, dass die Gesellschaft noch nicht vollständig digitalisiert ist und traditionelle Mediennutzung dominant bleibt.
Kernthese
Das Internet ist für einen erheblichen Teil der deutschen Bevölkerung tatsächlich Neuland, und die pauschale Kritik an Merkels Aussage offenbart die Überheblichkeit einer digital-elitären Minderheit.
Relevante Konzepte
digitale AvantgardeNeulandSocial-Media-BeraterNetzgemeindedigitale KluftMedienvielfaltShitstormDigital NativesDigitalisierung
Empfohlen für
Medienfachleute, Blogger, Marketingprofis, Politikinteressierte, Digital-Skeptiker
Einordnung durch den Autor
Medienkritik, Politische Kommunikation, Gesellschaftsanalyse, Digitalisierungsdebatte
Verweise im Text
Johannes Kuhn (Süddeutsche Zeitung)Sigmar GabrielPrism-Debatteennomane.de

In meiner twitter-timeline fand ich wenig inhaltliches über die Neuland-Aussage, die üblichen schnellen Bilderwitzchen und wahnsinnig komischen Vergleichstweets überrollten das Netz in einer Geschwindigkeit, hinter der sich jede Hochwasserkatastrophe verstecken muss. Der Wasserstand der Dümmlichkeiten stieg so schnell an, dass fast schon die Überflutung der Kulturnation zu befürchten stand.

Jeder Social-Media-Berater der Republik hatte sofort eine Meinung parat und wir alle wussten sofort, dass hier ein Shitstorm der Häme über Angela Merkel losgebrochen ist, der selbst mit der sofortigen Versunken mehrerer alter Serverräume durch die Bundeswehr nicht mehr zu verhindern ist.

Doch dann tauchte ein Kommentar von Johannes Kuhn in der Süddeutschen auf. Dort wurde die Kanzlerin in Schutz genommen. Denn Johannes Kuhn hatte erst das Hirn eingeschaltet und dann die Tastatur seines Rechners benutzt. Eine Eigenschaft die manch professioneller Neulandrhetoriker schon kurz nach der Einführung der Tastatur hinter sich gelassen hat. Twitter & Co. verführen nun einmal zum vorzeitigen Meinungserguss, ein echtes Risiko mit oft ungeahnten Nebenwirkungen, vor denen keine Packungsbeilage warnt.

Johannes Kuhn weißt auf einen nicht zu widerlegenden Aspekt hin; das Netz ist für einen Großteil der deutschen Bevölkerung Neuland, denn sie benutzen es erst seit kurzer Zeit. 76% der Deutschen sind im Netz aktiv, aber das bedeutet doch nicht, dass es sich hier um Profis handelt. Nein! Das sind Menschen wie meine Großmutter, die verstanden hat, das es das Netz gibt und das ihre Enkel dort auf einer Seite mit anderen Freunden und Familienmitgliedern Bilder und Erfahrungen austauschen. Das hat es früher auch gegeben, hieß 70´er Geburtstag, aber dafür mussten eben alle an einen Ort kommen. Oma weiß jetzt zwar mehr von der ganzen Familie, sieht sie aber nicht unbedingt öfter. Sicherlich eine neue Erfahrung.

Mir ist durchaus klar, warum ein großer Teil der wichtigen Menschen der deutschen Netzgemeinde sofort in ein Wehklagen ausgebrochen ist, weil Frau Merkel die Wahrheit gesagt hat, und das steht nun einmal in einem krassen Widerspruch zu dem was viele Social-Media-Berater ihren Kunden in teuren Seminaren verkaufen (wollen).

Für viele dieser Menschen besteht Kommunikation nur noch aus facebook & Co, alles andere hat keine Berechtigung mehr, spielt keine Rolle und ist so alt und grau wie die Höhlenzeichnungen im Neandertal.

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Und genau das ist falsch! Unsere Gesellschaft ist noch nicht komplett digitalisiert, das Weltbild der SM-Berater ist zu einseitig (oft weil sie die zweite Seite nicht kennen, und/oder nicht verstehen) und daher leider eine Fata Morgana.

Neuland ist etwas was nicht sein kann, weil es für viele Menschen nicht sein darf. Die Wahrheit ist, dass Menschen dort draußen noch „Wetten dass“ und Tatort schauen ohne sich parallel am Second Screen mit Hintergrundfakten und der Meinung anderer Menschen abzulenken, die sehen sich einfach eine Sendung im TV an, und das in einer ziemlich großen Mehrheit!

Wer sich nur um sein Neuland kümmert und seine kleine Weltsicht zur vorherrschenden Meinung erklärt, wird sich irgendwann mal wundern warum ihn viele Menschen nicht mehr verstehen. Die Arroganz mit der heute über Angela Merkel hergefallen worden ist, sagt mehr über die aus die sich darüber ausgelassen haben, als über Frau Merkel und ihr Wissen um die Bedeutung des Internet.

Die meisten meiner Stammleser wissen, dass ich in einer Mediaagentur arbeite, und selber versuche die Klaviatur des Internet jeden Tag auf die ein oder andere Weise zu spielen, aber ohne dabei die gute alte Tageszeitung und die anderen Kanäle der Kommunikation zu vergessen. Wenn ich in den letzten Jahren eins wirklich verstanden habe, dann das wir nicht aufhören dürfen vernetzt zu denken und Dinge die für uns normal sind, wie die Smartphonedichte in der Marketingindustrie, als gegeben hinzunehmen, nur wer hinterfragt wird am Ende des Tages eine gute Idee abliefern.

Das Internet ist, für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung, Neuland, Wer das nicht glauben möchte, der kann ja weiterhin in seinem Berliner Digitaldorf vor sich hin stänkern und auf die nächste Sau warten die sich durchs Neulanddorf treiben lässt.

Gerade eben um 21.10 Uhr im Netz entdeckt: http://www.ennomane.de/2013/06/19/neuland-die-arroganz-der-digital-natives/

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