Über 80 Prozent wollen ein KI-Label, aber nur 21 Prozent wollen keine KI im Buch

Auf der Frankfurter Buchmesse sitze ich vor der Discovery Stage und höre einer Gesprächsrunde zu, die BoD unter dem Titel «KI, Genres und Formate: Trends in der Buchveröffentlichung» angesetzt hat. Auf dem Podium sitzen neben einem Moderator der BoD-Geschäftsführer Marko Kuck, der KI-Unternehmer Stephan Noller und die Autorin und Lektorin Lilly C. Ispas, die mit Lillyteratur Manuskripte vor allem aus Fantasy und Romance betreut. Die Reihen sind gut gefüllt. Dann wird eine Umfrage vorgestellt, und Ispas sagt, sie finde das Ergebnis ziemlich überraschend. Mir geht es genauso.

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Texttyp
Analyse/Reportage
Besprochenes Werk / Thema
KI-Kennzeichnung in der Buchbranche und Lesererwartungen
Zentrales Argument
Leser akzeptieren KI in Büchern, fordern aber Transparenz. Labels sind nur wirksam, wenn glaubwürdig.
Kernthese
Kennzeichnung von KI-Einsatz ist für Leser wichtig, aber nur wenn überprüfbar und aussagekräftig.
Relevante Konzepte
KI-KennzeichnungTransparenzVerbrauchervertrauenSelbstpublishingMedienkritik
Empfohlen für
Autoren, Verleger, Medieninteressierte, Buchbranche
Einordnung durch den Autor
Kritische Analyse von Marktforschung und Label-Systemen
Verweise im Text
Digital News ReportFrankfurter BuchmesseAppinio-Umfrage
Entitäten
Unternehmen: BoDAppinioPerson: Marko KuckStephan NollerLilly C. IspasOrt: DeutschlandKonzept: KI-Label

Ich hatte in meinem Beitrag «Das KI-Label macht skeptisch. Es macht Texte nicht automatisch unglaubwürdig» die Begründung geprüft, mit der Verlage auf eine Kennzeichnung verzichten: Leser würden einem gekennzeichneten Text weniger vertrauen. Das Ergebnis war, dass die Datenlage dünner ist, als das Argument vermuten lässt. Die Studien dazu betrafen vor allem Nachrichtentexte, kamen aus dem englischsprachigen Raum oder der Schweiz und arbeiteten teils mit sehr kleinen Gruppen.

Die Umfrage vom Podium stellt dieselbe Frage nun für Bücher und den deutschen Markt. Der Selfpublishing-Dienstleister BoD hat sie am 30. September 2026 veröffentlicht.

Was gefragt wurde

Das Marktforschungsunternehmen Appinio befragte nach Angaben von BoD vom 4. bis 7. September 2026 tausend Personen. Die Stichprobe soll für die deutsche Bevölkerung zwischen 16 und 69 Jahren repräsentativ sein.

Zur Lesehaltung: 49 Prozent würden Bücher kaufen und lesen, die mit KI-Unterstützung entstanden sind, etwa bei Covergestaltung oder Textkorrektur. Weitere 30 Prozent würden auch vollständig KI-generierte Bücher kaufen. Nur 21 Prozent wollen ausschließlich Bücher lesen, die ohne KI entstanden sind.

Zur Kennzeichnung: 83 Prozent halten ein Label für sinnvoll, das über den KI-Einsatz informiert, 17 Prozent sehen keinen Bedarf. In der Altersgruppe von 35 bis 44 Jahren liegt die Zustimmung bei 91 Prozent.

Was daraus folgt

Wunsch nach Kennzeichnung und Ablehnung von KI sind in dieser Umfrage zwei verschiedene Dinge. Vier von fünf Befragten würden Bücher lesen, bei deren Entstehung KI beteiligt war, und knapp ein Drittel auch solche, die ganz von KI stammen. Zugleich wollen mehr als vier von fünf wissen, was sie in der Hand halten. BoD-Geschäftsführer Marko Kuck fasst das so zusammen, dass Leser dem Wandel offen gegenüberstehen, aber wissen wollen, was sie lesen.

Das passt zu dem, was sich schon in den Studien zu Nachrichtentexten andeutete. Das Label ist dort nicht das Problem, sondern der Auslöser einer Haltung, die ohnehin vorhanden ist. Wer informiert werden will, verlangt damit nicht automatisch weniger KI.

Was die Zahlen nicht sagen

Eine Befragung misst Absichten und keine Käufe. Wer angibt, ein KI-gestütztes Buch zu lesen, muss es im Laden nicht tatsächlich tun, und das gilt für Zustimmung wie für Ablehnung.

Der Wortlaut der Fragen ist in der Mitteilung nicht wiedergegeben. Gerade bei Begriffen wie «KI-Unterstützung» entscheidet er darüber, was Befragte sich darunter vorstellen, die Rechtschreibkorrektur oder das Gerüst des Plots.

Auch der Absender ist nicht neutral. BoD bietet selbst Label für Buchcover an und nimmt Bücher, die ganz oder überwiegend mit KI erstellt wurden, nach eigenen Angaben nicht an. Das macht die Ergebnisse nicht falsch. Aber die Angaben zu Methodik und Repräsentativität stammen von denen, die das Ergebnis nutzen.

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Und der Vergleich mit dem Digital News Report hinkt: Dort ging es um Nachrichten in 28 Märkten und um das Wohlbefinden mit KI-Einsatz, hier um Bücher in Deutschland und um Kaufbereitschaft.

Das Label selbst

Spannender als die Zahlen ist das, was BoD anbietet. Die Label sind kostenlos und freiwillig, auch für Bücher, die nicht bei BoD erschienen sind. Es gibt zwei Varianten: «100% Autor*in ohne KI» und «KI-unterstützt».

Die Zweiteilung beantwortet nicht, was ich im ersten Beitrag als wichtigsten Punkt gesehen habe: welche Aufgabe die KI hatte, wer geprüft hat und wer haftet. «KI-unterstützt» reicht von der Korrekturhilfe bis zum Gerüst ganzer Kapitel. Und das Label «100% ohne KI» ist eine Selbstauskunft. Von einer Überprüfung ist in der Mitteilung nicht die Rede.

Damit stellt sich ein Problem, das die Fälle aus dem Literaturbetrieb zeigen. Ein Siegel gilt, solange ihm niemand misstraut. Bei «Shy Girl», Falade und Orélien kam der Zweifel nicht durch die Auskunft der Autoren, sondern durch Dritte, und die Werkzeuge, auf die er sich stützte, sind selbst umstritten. Ein freiwilliges Label, das sich nicht prüfen lässt, hält diesem Zweifel nicht stand, sobald er einmal aufkommt.

Die Leser wollen offenbar nicht weniger KI, sondern mehr Auskunft. Ob ein Etikett diese Auskunft liefern kann, hängt davon ab, ob jemand ihm glaubt.

Quellen & Belege:BoD (30.09.2026): Umfrage: Über 80 Prozent der Leserinnen wünschen sich KI-Kennzeichnung von Büchern. Befragung durch Appinio, 4. bis 7. September 2026, 1.000 Teilnehmende.

Lillyteratur: Lektorat, Angaben zu Lilly Ispas und ihrem Angebot.

Meier, P. (02.10.2026): Das KI-Label macht skeptisch. Es macht Texte nicht automatisch unglaubwürdig. meiersworld.de.

Häufige Fragen zum Artikel

Wie viele Deutsche würden Bücher mit KI-Unterstützung kaufen und lesen?

Nach der Umfrage von BoD würden 49 Prozent Bücher kaufen und lesen, die mit KI-Unterstützung entstanden sind, etwa bei Covergestaltung oder Textkorrektur. Weitere 30 Prozent würden auch vollständig KI-generierte Bücher kaufen.

Welche zwei Varianten von KI-Labels bietet BoD an?

BoD bietet zwei kostenlose und freiwillige Label-Varianten an: «100% Autor*in ohne KI» und «KI-unterstützt». Diese Labels können auch für Bücher verwendet werden, die nicht bei BoD erschienen sind.

Ist der Wunsch nach KI-Kennzeichnung dasselbe wie die Ablehnung von KI-Büchern?

Nein, die Umfrage zeigt, dass diese zwei verschiedene Dinge sind. Vier von fünf Befragten würden Bücher mit KI-Beteiligung lesen, aber gleichzeitig wollen mehr als vier von fünf wissen, was sie in der Hand halten. Die Leser wollen also eher Transparenz statt grundsätzliche Ablehnung von KI.

Was sind die Schwächen des BoD-Labels «100% Autor*in ohne KI»?

Das Label basiert auf einer Selbstauskunft der Autoren, von einer Überprüfung ist laut der Mitteilung nicht die Rede. Ein freiwilliges Label, das sich nicht prüfen lässt, kann dem Zweifel nicht standhalten, sobald dieser aufkommt.

Was misst die BoD-Umfrage nicht ab?

Die Befragung misst Absichten und keine tatsächlichen Käufe. Wer angibt, ein KI-gestütztes Buch zu lesen, muss es im Laden nicht tatsächlich erwerben, und das gilt für Zustimmung wie für Ablehnung.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Das Argument von Verlagen, auf KI-Labels zu verzichten, weil diese das Vertrauen der Leser automatisch senken, ist empirisch zu dünn belegt: Der Vertrauensverlust durch ein Label hängt stark von Formulierung, Kontext und Thema ab und ist nicht universell quantifizierbar.

gilt  ·  seit 02.10.2026

Die Ablehnung von KI im Buch und der Wunsch nach einer Kennzeichnung des KI-Einsatzes sind zwei voneinander unabhängige Haltungen: Laut einer repräsentativen BoD-Umfrage (2026) wollen 83 Prozent der Deutschen ein KI-Label, während nur 21 Prozent Bücher ohne jeglichen KI-Einsatz verlangen.

gilt  ·  seit 08.10.2026

Das von BoD angebotene freiwillige KI-Label ist unzureichend, weil die Kategorie 'KI-unterstützt' zu vage ist und weder offenlegt, welche Aufgabe die KI übernahm, wer die Angaben geprüft hat noch wer die Verantwortung trägt.

gilt  ·  seit 08.10.2026

Ein freiwilliges, nicht überprüfbares KI-Label verliert seinen Wert, sobald externer Zweifel aufkommt, weil es allein auf der Selbstauskunft der Autoren beruht und keine unabhängige Verifikation ermöglicht.

gilt  ·  seit 08.10.2026

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