Wenn der Wein zu gut schmeckt: «Und hüte dich vor dem Bösen» auf Netflix

Man sitzt auf dem Sofa und schaltet nur mal kurz das TV-Gerät an und da im gebührenfinanzierten TV nur Soko Stuttgart mit Fällen aus der schwäbischen Großstadt-Provinz aufflackert taste ich mich zu Netflix vor und lande bei einer niederländischen Serie die «De Eetclub» heißt, international «The Perfect Lie» und auf Deutsch, mit dem Charme eines Konfirmationsspruchs, «Und hüte dich vor dem Bösen».

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Texttyp
Serienrezension/Kritik
Besprochenes Werk / Thema
Analyse der niederländischen Netflix-Serie 'The Perfect Lie' über Geheimnisse in wohlhabenden Kreisen
Zentrales Argument
Serie verbindet psychologisches Drama mit realistischer Darstellung von Sexualität und Heuchelei in der Oberschicht
Kernthese
Die Serie funktioniert als gehobenes Beziehungsdrama statt Thriller und bietet intelligente Unterhaltung.
Relevante Konzepte
GesellschaftskritikGeheimnisseEhedramaOberschichtAuthentizität
Empfohlen für
Serienfans, Liebhaber von Beziehungsdramen, anspruchsvolle Zuschauer
Einordnung durch den Autor
Zeitgenössische Kulturkritik/Medienkritik zu europäischen TV-Produktionen
Verweise im Text
Big Little LiesSaskia Noort
Entitäten
Serie: The Perfect LieOrt: BergenOrt: NordseeProduktion: NetflixPerson: Saskia NoortSerie: De Eetclub

Man ahnt es: Der Titel verspricht Moral, die Serie liefert schöne Innenansichten gehobener niederländischer Wohnkultur.

Ein Dorf, das nach Geld und Salzwasser riecht

Karen zieht mit ihrem Mann Michel und der Tochter nach Bergen, ein wohlhabendes Küstenstädtchen an der Nordsee. Kaum angekommen, wird die Familie in einen exklusiven Freundeskreis aufgenommen, den titelgebenden Dinnerclub. Es wird gegessen, getrunken und gefeiert, und zwar so, wie Menschen feiern, die nie auf die Kontoauszüge schauen müssen oder zumindst so tun, als ob sie das nicht müssten. Dann brennt eine dieser Villen, es ist die von Evert und Babette Struyck. Evert stirbt, und Karen beginnt Fragen zu stellen über die man sonst den Mantel des Schweigens legt.

Die Vorlage für die Serie stammt von Saskia Noort, ihr Roman erschien 2004 und wurde 2010 schon einmal verfilmt. Die Geschichte ist also älter als so mancher Streamingdienst, und das merkt man ihr an, auf die gute Art. Sie handelt von Menschen, die sich gegenseitig brauchen, belügen und beneiden, und dafür braucht es keine neue Technik, nur eine ordentliche Terrasse mit Blick auf die Nordsee.

Wer am Tisch sitzt

Ein Wort vorab: Wer noch nichts weiß, sollte an dieser Stelle vorsichtig weiterlesen, denn ohne ein paar Wendungen lässt sich diese Gesellschaft nicht beschreiben.

Am Tisch sitzen vier Paare, und jedes hat sein eigenes Ach unter dem Dach. Da sind zunächst Karen und Michel van der Made (Loes Haverkort und Teun Luijkx), die Neuen. Sie ziehen mit Tochter nach Bergen und werden vom Club so herzlich aufgenommen, dass man als Zuschauer schon nach zehn Minuten misstrauisch wird. Herzlichkeit in solchen Kreisen ist selten umsonst. Karen ist diejenige, die hinsieht, wo die anderen wegsehen, und nach dem Brand auf eigene Faust nach der Wahrheit sucht. Sie ist die Detektivin wider Willen, die Außenseiterin mit dem klaren Blick, den man eben nur hat, solange man noch nicht dazugehört.

Dann sind da Evert und Babette Struyck (Edwin Jonker und Noortje Herlaar), das etablierte Paar, nach außen das Vorzeigemodell der Clique. Hinter der Fassade ist die Ehe längst zerrüttet. Evert will sich trennen, und Babettes Eifersucht und Verlustangst machen daraus eine Geschichte mit fatalen Folgen für das gemeinsame Haus und die Familie. Everts Tod im Feuer setzt alles in Gang, und man merkt schnell, dass Babette danach nicht bloß trauert, sondern sich in Verstrickungen wiederfindet, aus denen kein Schmerz sie herausträgt.

Hanneke Lemstra und Ivo Smit (Rifka Lodeizen und Remko Vrijdag) sind das nächste Kernpaar. Hanneke kennt die Dynamiken und Geheimnisse der Gruppe besser als die meisten, und als sie nach Everts Tod selbst Nachforschungen anstellt, wird es für sie gefährlich. Sie stürzt unter ungeklärten Umständen von einem Balkon, und spätestens da ist klar, dass hier niemand zum Vergnügen fragt.

Und schließlich Simon und Patricia de Jager (Matthijs van de Sande Bakhuyzen und Charlie-Chan Dagelet), das jüngere Paar, das gerne so tut, als sei es noch nicht ganz so verstrickt wie die Älteren. Simon steckt in dubiosen Geschäften, in der Ehe brodeln verheimlichte Konflikte, und ihre Wohnung spielt im Verlauf der Handlung eine zentrale Rolle. Die schönen Wohnungen sind in dieser Serie ohnehin selten neutral.

Was diese Menschen zusammenhält, ist bemerkenswert wenig Zuneigung. Es sind finanzielle Verflechtungen, gesellschaftlicher Status und die stille Vereinbarung, nichts auszusprechen. Man trifft sich regelmäßig zum Essen und Feiern, aber der Tisch ist weniger Ort der Freundschaft als Sicherheitsvorkehrung: Wer zusammen isst, kann schlecht zusammen auspacken. Erst der Feuertod von Evert und der Überlebenskampf seiner Familie sprengen dieses Geflecht. Danach hat plötzlich fast jeder ein Motiv, eine Affäre oder eine Leiche im Keller, finanziell oder persönlich, und die Loyalität wandelt sich Folge für Folge in paranoides Misstrauen und blanken Selbstschutz. Freunde sind eben nur so lange Freunde, wie das Geheimnis dicht hält.

Die schlüpfrigen Stellen, die keine Show sind

Was mir an der Serie gefällt, ist etwas, das in Kritiken erstaunlich selten vorkommt: der Umgang mit Sexualität. Sie ist da, ganz selbstverständlich, in Blicken, Affären, Andeutungen und Nächten, über die am nächsten Morgen niemand spricht. Aber sie steht nie im Mittelpunkt. Die Serie macht daraus keine Attraktion und keinen Skandal, sie erzählt es beiläufig, so wie es in echten Freundeskreisen eben auch passiert.

Das ist, wenn man so will, die realistischste Form von Erotik im Fernsehen: die, die nebenher läuft. Wer ehrlich hinsieht, weiß, dass Begehren in bürgerlichen Kreisen selten laut auftritt. Es sitzt mit am Tisch, trägt gutes Leinen und hat Geheimnisse. Man weiß davon, man nickt, man schenkt nach. Eine Gesellschaft, die Sexualität gleichzeitig überall ausstellt und im Alltag beharrlich beschweigt, findet hier ein erstaunlich genaues Spiegelbild.

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Themen: Analyse der niederländischen Netflix-Serie 'The Perfect Lie' über Geheimnisse in wohlhabenden Kreisen, Gesellschaftskritik, Geheimnisse, Ehedrama, Oberschicht, Authentizität, Die Serie funktioniert als gehobenes Beziehungsdrama statt Thriller und bietet intelligente Unterhaltung., Serienfans, Liebhaber von Beziehungsdramen, anspruchsvolle Zuschauer, Zeitgenössische Kulturkritik/Medienkritik zu europäischen TV-Produktionen

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Und genau deshalb funktionieren die Affären der Serie: Sie sind nicht Würze, sondern Statik. Nimmt man sie weg, fällt das Haus zusammen, ganz ohne Feuer.

Thriller? Eher Telenovela mit Stilgefühl

Fairerweise muss ich die Kritiken erwähnen, denn die sind gemischt. Wer einen nervenzerfetzenden Pageturner erwartet, wird laut mancher Besprechung phasenweise enttäuscht. Die Serie ist eher Beziehungs- und Ehedrama als Krimi, eine gehobene Telenovela vor schöner Kulisse, in der die Thriller-Momente dosiert sind wie der Aperitif vor dem eigentlichen Abendessen. Manchen Zuschauern sind sieben Folgen für die Geschichte außerdem zu viele, und die Tonmischung hat, wie bei europäischen Produktionen gelegentlich, ihre Momente, in denen man die Fernbedienung als Hörgerät benutzt.

Ich kann das alles nachvollziehen und finde es trotzdem nicht schlimm. Ich habe nie behauptet, dass ich einen Thriller sehen wollte. Ich wollte wissen, was passiert, wenn Menschen mit sehr schönen Häusern sehr hässliche Dinge voreinander verbergen. Der Vergleich mit «Big Little Lies» liegt nahe, nur eben im kleineren Maßstab und mit mehr Nordseewind. Das Auge bekommt jedenfalls einiges: Küste, Licht, Villen, ein Kontrast, der die Geheimnisse der Figuren fast ein bisschen schäbiger wirken lässt, als sie es in einer Großstadtkulisse täten. Vor Dünen sieht ein Betrug eben doch anders aus als vor einer Hinterhofmauer.

Was bleibt

Ich habe die Serie nicht zu Ende geschaut, weil sie mich atemlos gemacht hat. Ich habe sie mir angesehen, weil sie mich gut unterhalten hat, und das ist bei so vielen Seriencontent nicht immer der Fall.

Kann man getrost schauen.

Häufige Fragen zum Artikel

Worum geht es in der Serie 'The Perfect Lie' inhaltlich?

Die Serie handelt von Karen, die mit ihrer Familie in das wohlhabende Küstenstädtchen Bergen zieht und in einen exklusiven Dinnerclub aufgenommen wird. Nach einem Brand, bei dem der Hausherr Evert stirbt, beginnt Karen Fragen zu stellen und deckt dabei Affären, finanzielle Verflechtungen und Geheimnisse der Gruppe auf, die zu paranoidem Misstrauen und Selbstschutz führen.

Wer hat die Vorlage für diese Serie geschrieben und wann wurde sie ursprünglich veröffentlicht?

Die Serie basiert auf einem Roman von Saskia Noort aus dem Jahr 2004, der bereits 2010 verfilmt wurde. Die Geschichte ist daher älter als viele Streamingdienste und besticht durch ihre zeitlose Qualität.

Wie charakterisiert der Autor die Rolle von Sexualität und Affären in der Serie?

Der Autor lobt den realistischen Umgang mit Sexualität in der Serie: Sie ist präsent, aber unauffällig, in Blicken und Andeutungen, ohne im Mittelpunkt zu stehen. Die Affären sind nicht Würze, sondern strukturell notwendig – ohne sie würde das soziale Gefüge zusammenfallen.

Welche kritischen Punkte gibt es zu dieser Produktion?

Kritiker bemängeln, dass die Serie eher ein Beziehungs- und Ehedrama als ein nervenzerfetzender Thriller ist, die Thriller-Momente spärlich dosiert sind und sieben Folgen für manche Zuschauer zu lang wirken. Zudem gibt es gelegentliche Tonmischungsprobleme bei der Audioabmischung.

Wie unterscheidet sich diese Serie von 'Big Little Lies'?

Die Serie funktioniert wie eine gehobene Telenovela mit Stilgefühl im kleineren Maßstab als 'Big Little Lies', mit mehr Nordseewind. Die Geheimnisse wirken vor der Küsten- und Villenkulisse fast schäbiger als in einer urbanen Großstadtkulisse.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Die Netflix-Serie «Und hüte dich vor dem Bösen» ist kein Thriller, sondern ein gehobenes Ehedrama mit dosierten Krimi-Elementen, das eher mit «Big Little Lies» verglichen werden sollte als mit einem Pageturner.

gilt  ·  seit 01.10.2026

Die Serie behandelt Sexualität auf realistische Weise, indem sie Affären und Begehren beiläufig und ohne Sensationalisierung in die Handlung einbettet — und spiegelt damit genau, wie Erotik in bürgerlichen Kreisen tatsächlich funktioniert.

gilt  ·  seit 01.10.2026

Der soziale Zusammenhalt des Dinnerclubs in der Serie basiert nicht auf Zuneigung, sondern auf finanziellen Verflechtungen, Status und der gemeinsamen Vereinbarung, Geheimnisse zu wahren.

gilt  ·  seit 01.10.2026

Die nordseelandschaftliche Kulisse der Serie verstärkt die moralische Fallhöhe der Figuren: Verrat und Lüge wirken vor Dünen und Villen schäbiger als in einer anonymen Großstadtumgebung.

gilt  ·  seit 01.10.2026

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