Unfamiliar: Endlich deutsche Serienkunst, die mithalten kann

Kinder, was eine Serie. Ehrlich – ich bin ja selten so begeistert, dass ich hier was raushaue, aber Unfamiliär von Netflix ist wirklich großer Stoff.

Deutsche Schauspieler, die richtig gut schauspielern. Allein das ist schon eine Erwähnung wert. Susanne Wolff und Felix Kramer als Ex-BND-Agenten Meret und Simon Schäfer – die beiden tragen diesen Sechsteiler mit einer Intensität, die man bei deutschen Produktionen viel zu selten sieht. Endlich mal Figuren jenseits der 50, die glaubwürdig sind, menschlich, nicht diese üblichen Superhelden-Klischees.

Worum geht’s?

Die Story sitzt einfach: Meret und Simon haben sich aus dem Agentenleben zurückgezogen, betreiben in Berlin ein kleines Restaurant und führen nebenbei ein Safe House namens “The Nest”. Alles schön bürgerlich, Familienleben mit 16-jähriger Tochter Nina. Bis am Geburtstag besagter Tochter ein schwer verletzter Spion vor der Tür steht und plötzlich die Vergangenheit wieder zuschlägt.

Ein alter Feind aus Belarus – ja, wo Belarus, da auch Russland – will nach 16 Jahren alle losen Enden beseitigen. Auftragskiller, russische Agenten, gefährliche Ex-Liebhaber, sogar der eigene ehemalige Arbeitgeber BND, alle auf einmal hinter dem Ehepaar her. Und mittendrin die Familie, die jahrelang im Lügengerüst gelebt hat.

Klar, ein bisschen klischeebeladen ist es schon: die Russen und Weißrussen alle irgendwie böse, der BND sehr bürokratisch, wie es sich gehört. Blonde Frauen, dunkelblonde Frauen, alles dabei. Und das Ganze natürlich in Berlin. Ja, wo sonst? Da sitzt ja schließlich auch der BND.

Was die Serie anders macht

Aber genau das macht es ja auch aus: Die Serie weiß, was sie tut, spielt mit den Erwartungen und liefert trotzdem – oder gerade deshalb – erstklassige Unterhaltung. Unfamiliär nimmt sein Agenten-Milieu ernst, und das tut der Serie verdammt gut. Keine unrealistischen Actionszenen, in denen die Ü50-Agentin zur Ein-Frau-Armee wird. Stattdessen glaubwürdige Kampfsequenzen, die altersgerecht inszeniert sind.

Die Serie wechselt geschickt zwischen Thriller-Spannung und persönlichen Momenten. Die Eheprobleme von Meret und Simon, das Familienleben mit der Teenager-Tochter – das wird nicht nebenbei abgehandelt, sondern ist integraler Bestandteil der Handlung. Eine düstere Berliner Version von Mr. & Mrs. Smith, wenn man so will, aber mit mehr Tiefgang.

Durch Dialoge und Rückblenden kommen nach und nach die geheimen Hintergründe ans Licht. Unbequeme Wahrheiten, die sich Meret und Simon jahrelang verschwiegen haben. Diese Mischung aus intensiver Beziehungsgeschichte und hochspannender Spionage-Handlung – genau das ist der Reiz.

Starkes Ensemble

Neben Wolff und Kramer hat Netflix ein richtig gutes Ensemble zusammengebracht: Samuel Finzi als rachsüchtiger Ex-Agent Josef Koleev, Seyneb Saleh als BND-Analystin auf Maulwurfjagd, Andreas Pietschmann in einer Rolle, die zu spoilern sich nicht gehört. Dazu Henry Hübchen, Natalia Belitski, Genija Rykova, Laurence Rupp – alles Namen, die für Qualität stehen.

Was die Kritiker sagen

Die Fachkritiken fallen gemischt bis positiv aus. Gelobt werden die schauspielerischen Leistungen, die dichte Atmosphäre, die hohe Spannung. Quotenmeter schreibt, dass die Serie ihr Agenten-Setting ernst nimmt und ihr das “verdammt guttut”. Die internationale Seite Heaven of Horror bezeichnet Unfamiliär als “wirklich gute” Serie mit viel Action und Twists.

Kritische Stimmen bemängeln die wenig originelle Handlung. Die Story verlaufe vorhersehbar, biete “nichts, was man nicht schon oft gesehen hat”. Spannend und gut gespielt, aber storymäßig auf vertrautem Terrain, heißt es. Die Serie traue sich nicht aus der Komfortzone des Genres heraus.

Auf IMDb liegt die Bewertung bei soliden 6,5–7 von 10 Punkten. Viele Zuschauer loben die packende Handlung und die Balance zwischen Thriller und Familiendrama. Einzelne kritisieren das “übliche Sentimentalfamilien-Drama” oder typische Schwächen deutscher Produktionen wie undeutliches Dialogsprechen.

Mein Fazit

Ja, Unfamiliar erfindet das Rad nicht neu. Aber muss es das? Die Serie macht verdammt vieles richtig: glaubwürdige Charaktere, spannende Inszenierung, eine Story, die trägt. Sie überzeugt mehr durch Umsetzung als durch Originalität – und das ist völlig in Ordnung.

Deutsche Serienmacher haben oft das Problem, dass sie entweder zu gewollt “innovativ” sind oder zu sehr auf Nummer sicher gehen. Unfamiliar findet eine gute Balance. Die Serie weiß, was sie ist, und macht daraus das Beste.

Meine Empfehlung: Reinziehen, die Serie. Sofort.

Sechs Folgen, die sich lohnen. Spannend, gut gespielt, mit einem menschlichen Kern, der über die Action hinausgeht. Endlich mal eine deutsche Produktion, die international mithalten kann – ohne sich dafür verbiegen zu müssen.

Bild: patrick meier

(Visited 1 times, 1 visits today)