Die Grenze als Schutzwall

Warum wir uns gegenseitig nur noch framen und was Dark Romance damit zu tun hat

Es ist einer dieser Abende, an denen ich mir vornehme, nur kurz noch etwas nachzuschauen, und dann sitze ich eine halbe Stunde später immer noch mit dem Telefon in der Hand auf dem Sofa und wische mich durch Instagram. Zwischen einem Rezept für Ofengemüse und einer Werbung für Laufschuhe taucht ein Carousel auf, schlichte Kacheln, weiße Schrift, ein Rhetorik-Coach namens Michael Ehlers. Er erzählt eine Szene aus dem Büro. Ein Vorgesetzter spricht eine Mitarbeiterin, nennen wir sie Lena, 29 Jahre alt, auf falsche Zahlen in einer Kundenpräsentation an. Nicht zum ersten Mal. Er sagt es klar und ohne Umschweife. Und Lena antwortet, ruhig, gefasst, beinahe sanft:

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Texttyp
Essayistischer Meinungsbeitrag
Besprochenes Werk / Thema
Therapeutische Sprachkonzepte in alltäglicher Kommunikation und ihre Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen
Zentrales Argument
Therapeutische Begriffe wie 'Trigger' und 'Grenze' werden in alltäglichen Kontexten umdefiniert und nutzen therapeutisches Vokabular zur Vermeidung von Verantwortung.
Kernthese
Die Ausdehnung therapeutischer Konzepte ('Concept Creep') verwandelt Verhaltensbeschreibungen in Wesensdiagnosen und erstickt echte Kommunikation.
Relevante Konzepte
Concept CreepTherapy-SpeakTriggerGrenzeFraming
Empfohlen für
Erwachsene, Führungskräfte, Kommunikationsinteressierte
Einordnung durch den Autor
Kulturkritik, Medienkritik, Psychologiekritik, Generationenanalyse
Verweise im Text
Nick Haslam Concept Creep 2016Dark Romance
Entitäten
Person: Michael EhlersPerson: Nick HaslamPlattform: InstagramPlattform: TikTokKonzept: Gen ZKonzept: Therapy-Speak

«Ich merke, dass mich dieser Ton gerade triggert. Ich möchte das Gespräch hier beenden. Das ist für mich eine Grenze.»

Ich wische weiter. Dann wische ich zurück.

Denn dieser Satz ist, rein handwerklich betrachtet, ein kleines Meisterstück. Er ist höflich. Er ist in der Ich-Form gehalten, so wie es jedes Kommunikationsseminar seit den Neunzigern empfiehlt. Er klingt reflektiert, achtsam, erwachsen. Und er bewirkt in drei Sätzen etwas, wofür früher ganze Abteilungsleiterrunden nötig waren: Die falschen Zahlen sind verschwunden. Übrig bleibt ein Chef, der plötzlich selbst auf der Anklagebank sitzt, weil sein Ton offenbar eine Grenze verletzt hat. Und wenn er jetzt noch weiterredet, dann überschreitet er sie ein zweites Mal, und zwar mit Ansage.

Wenn Wörter aus der Praxis auswandern

Die Begriffe, die Lena da benutzt, haben eine Herkunft. «Trigger» kommt aus der Traumatherapie und bezeichnet einen Reiz, der bei Menschen mit einer posttraumatischen Belastung eine Erinnerung so wach werden lässt, dass sie sich anfühlt wie Gegenwart. Das ist ein ernster, präziser, klinischer Begriff. Er beschreibt etwas, das Menschen den Boden unter den Füßen wegzieht. «Grenze» ist ein Wort aus der therapeutischen Arbeit, mit dem Menschen lernen sollen, sich vor Übergriffen zu schützen, oft nachdem sie genau das jahrelang nicht konnten.

Der australische Psychologe Nick Haslam hat 2016 einen Aufsatz veröffentlicht, der dieses Phänomen auf einen Begriff gebracht hat: «Concept Creep». Gemeint ist die schleichende Ausdehnung von Konzepten rund um Schaden und Pathologie. Begriffe, die einmal eng umrissene, schwere Phänomene beschrieben haben, wandern aus. Sie dehnen sich horizontal aus, indem sie auf immer neue Situationen angewendet werden, und vertikal, indem immer mildere Formen desselben Phänomens darunter fallen. Was einmal Trauma hieß, ist heute auch ein unangenehmes Meeting. Was einmal Gaslighting war, also das systematische Zermürben eines Menschen, bis er seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut, ist heute, wenn der Partner sich an einen Streit anders erinnert. Und toxisch ist inzwischen so ziemlich jeder, der einem widerspricht.

Man nennt das inzwischen «Therapy-Speak», Therapiesprache. Und ich will gleich vorab sagen, bevor mir jemand vorwirft, ich hätte ein Problem mit psychischer Gesundheit: Ich halte es für einen der großen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, dass wir überhaupt über diese Dinge sprechen können. Die Generationen vor uns hatten für vieles, was sie erlebt haben, schlicht keine Wörter. Sie haben es weggeschwiegen, weggearbeitet, weggetrunken. Dass eine Generation heute weiß, was eine Panikattacke ist, und sich nicht schämt, einen Therapeuten aufzusuchen, ist ein Gewinn. Aus eigener Erfahrung kann ich jedem nur dazu raten, denn psychische Erkrankungen sind Dinge, die ärztlich begleitet werden sollten.

Aber ein Werkzeug, das zum Schützen gebaut wurde, lässt sich auch zum Zuschlagen verwenden. Und genau das passiert in Lenas Satz.

Die moralische Umkehr in drei Zügen

Schauen wir uns an, was dort eigentlich geschieht. Erstens verschiebt sich das Thema. Es geht nicht mehr um das Ergebnis, sondern um den Ton. Zweitens kehrt sich die moralische Ordnung um: Wer Kritik geübt hat, steht nun als derjenige da, der etwas falsch gemacht hat. Drittens endet das Gespräch, und zwar auf eine Weise, die jede Fortsetzung zur Grenzüberschreitung erklärt. Die Tür ist zu, und wer klopft, ist der Täter.

Das Raffinierte daran ist, dass niemand lügt. Lena mag sich tatsächlich unwohl gefühlt haben. Kritik fühlt sich selten gut an, und wer einmal vor einem Chef gestanden hat, der einen vor Kollegen zusammenfaltet, weiß, wie sich das im Magen anfühlt. Nur: Unwohlsein ist kein Trauma. Und eine Grenze, die verhindert, dass über die eigene Arbeit gesprochen wird, ist keine Grenze mehr. Sie ist eine Mauer. Eine Grenze regelt, wie man miteinander umgeht. Eine Mauer sorgt dafür, dass man es gar nicht mehr tut.

Ehlers empfiehlt übrigens eine Antwort, die ich in ihrer Schlichtheit fast schön finde: das Gefühl kurz anerkennen, das Thema behalten. «Ich sehe, dass dich das trifft. Die Zahlen waren trotzdem falsch, und der Kunde hat es gesehen. Zehn Minuten Pause, dann reden wir weiter.» Und wenn der Ton weiter kritisiert wird, konkret nachfragen: «Welcher Satz war zu hart?» Dann drei Sekunden schweigen. Grenzen, so seine Pointe, gelten in beide Richtungen. Kritik an Ergebnissen gehört zum Job.

Die Geschichte aus der Instastory ist mir im Gedächtnis geblieben, und mir ist aufgefallen, wie oft ich diesem Muster inzwischen begegne. Nicht nur bei Instagram-Coaches, die naturgemäß davon leben, Probleme zu beschreiben, für die sie anschließend eine Lösung verkaufen. Sondern auch dort, wo ich es nicht erwartet hätte: Ein HR-Coach, auf den ich bei meiner Recherche gestoßen bin, beschreibt, dass das Thema längst in der Wirtschaft angekommen ist und Feedbackgespräche mit jüngeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zunehmend wie ein Gang über Glatteis sind. Man formuliert vorsichtiger, als es die Sache verlangt, man umschifft, man polstert, und am Ende ist die eigentliche Botschaft so weich verpackt, dass sie nicht mehr ankommt. Das ist nicht Rücksicht. Das ist eine Kapitulation.

Ist das jetzt ein Gen-Z-Problem?

An dieser Stelle muss ich vorsichtig sein, denn der Satz «Die jungen Leute heute» ist ungefähr so alt wie die jungen Leute selbst, und er war noch nie besonders klug. Lena ist 29. Sie gehört damit gerade so zur Generation Z oder schon nicht mehr, je nachdem, wen man fragt. Und ich kenne genug Männer in meinem Alter, die mit einem ähnlich gelagerten Abwehrmechanismus durchs Leben gehen, nur dass ihnen dafür das Vokabular fehlt und sie stattdessen laut werden oder beleidigt die Tür zuknallen. Die Abwehr von Verantwortung ist keine Erfindung einer Generation. Neu ist nur die Sprache, in der sie sich nun kleidet.

Und trotzdem lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die Generation, die mit Instagram und TikTok groß geworden ist, diese Sprache flüssiger spricht als jede vor ihr. Sie hat sie nicht in der Therapiesitzung gelernt, sondern im Feed. In Fünfzehn-Sekunden-Videos, in denen jemand mit Ringlicht im Gesicht erklärt, an welchen sieben Anzeichen man einen Narzissten erkennt. In Kommentarspalten, in denen «toxisch» das meistbenutzte Adjektiv nach «iconic» ist. Wer so aufwächst, für den ist es nur folgerichtig, sein Innenleben in diesen Kategorien zu sortieren. Und das Außenleben gleich mit.

Was mich daran wirklich beunruhigt, ist nicht die geschilderte Situation im Büro. Es ist das, was diese Sprache mit unserem Blick auf andere Menschen macht. Denn sie ist im Kern eine Sprache der Diagnose. Wer den anderen als toxisch, als narzisstisch, als übergriffig bezeichnet, der beschreibt nicht mehr ein Verhalten. Er beschreibt ein Wesen. Und mit einem Wesen verhandelt man nicht. Man schützt sich vor ihm. Man geht auf Abstand. Man setzt, natürlich, eine Grenze.

Vom Büro in die Talkshow

Ich bin jemand, der seit Jahrzehnten beruflich mit Kommunikation zu tun hat, und ich habe in dieser Zeit gelernt, dass sich Sprachmuster selten an einem Ort aufhalten. Was in einem Bereich funktioniert, wandert weiter. Und wenn ich mir anschaue, wie heute politisch gestritten wird, dann erkenne ich Lenas Satz wieder, nur in größerem Maßstab.

Die politische Debatte besteht inzwischen zu einem erschreckend großen Teil darin, den Gegner zu framen, bevor man ihm zugehört hat. Wer eine andere Position vertritt, wird nicht widerlegt, sondern eingeordnet. Er ist dann Rechter oder Linker, Schwurbler oder Gutmensch, Täter oder Teil des Problems. Ist die Einordnung einmal vollzogen, erübrigt sich jedes weitere Argument. Man muss sich mit dem Inhalt nicht mehr auseinandersetzen, weil der Absender bereits diskreditiert ist. Das ist exakt derselbe Mechanismus wie im Büro: Nicht mehr die Sache steht im Mittelpunkt, sondern die vermeintliche Verwerflichkeit dessen, der sie anspricht.

Und es funktioniert in beide Richtungen, das ist das eigentlich Bittere daran. Die eine Seite fühlt sich durch jede Kritik an ihrer Sprache verletzt und zieht sich in den geschützten Raum zurück. Die andere Seite fühlt sich durch jede Forderung nach Rücksicht bevormundet und erklärt die Gegenseite zu überempfindlichen Schneeflocken. Beide haben ihr Vokabular, beide haben ihre Grenzen, beide stehen hinter ihren Mauern und rufen hinüber. Was dabei verloren geht, ist das, was ich für den Kern jeder Demokratie halte: die Bereitschaft, den anderen für jemanden zu halten, mit dem man reden kann, obwohl er falsch liegen könnte.

Eine Grenze zu setzen ist leicht. Auf jemanden zuzugehen, der einem gerade auf die Nerven geht, ist schwer. Und eine Sprache, die das Erste adelt und das Zweite als Selbstverrat erscheinen lässt, macht uns nicht gesünder. Sie macht uns einsamer und unversöhnlicher.

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Die Bücher mit den Warnhinweisen

Bleibt die Frage, woher dieses Vokabular eigentlich seine enorme Verbreitung bekommt, denn Social Media allein kann es nicht sein. Und hier lande ich, auf einem Umweg, den ich selbst nicht erwartet hätte, in der Buchhandlung.

Wer in den letzten Jahren einmal vor dem Tisch mit den Bestsellern im Bereich Romance gestanden hat, kennt sie: Bücher mit dunklen Covern, Farbschnitt in Schwarz oder Blutrot, Titel, die nach Besessenheit und Verderben klingen. Dark Romance ist ein Subgenre der Liebesliteratur, das bewusst dorthin geht, wo es wehtut. Stalking, Machtgefälle, Gewalt, obsessive Beziehungen, Grauzonen der Einvernehmlichkeit. Groß geworden ist das Genre über BookTok, die Buchgemeinschaft auf TikTok, wo Millionen junger Leserinnen ihre Lektüre filmen, kommentieren und weiterempfehlen.

Und was mir beim Durchblättern immer wieder auffällt, ist nicht die Handlung. Es ist der Beipackzettel. Viele dieser Bücher beginnen mit einer ausführlichen Liste von Content- und Trigger-Warnungen, manchmal über mehrere Seiten. Die BookTok-Videos dazu tun dasselbe. Und in den Kommentaren wird der eigene Lektüreprozess in einem Vokabular geschildert, das direkt aus einer Therapiestunde stammen könnte: «Das hat mich so getriggert, aber ich konnte nicht aufhören.» «Ich musste nach Kapitel zwölf erst mal meine Grenzen checken.» «Dieses Buch hat mein Trauma geweckt, 5 Sterne.»

Ich will ausdrücklich nicht in die Falle tappen, die sich hier leicht auftun könnte. Dark Romance ist nicht schuld daran, dass Lena ihrem Chef eine Grenze vor die Nase setzt. Die Therapiesprache stammt aus einer viel breiteren kulturellen Entwicklung der letzten zehn, fünfzehn Jahre, aus Mental-Health-Kampagnen, aus Selbsthilfe-Influencern, aus Dating-Ratgebern, aus der Art, wie Social Media Gefühle in Content verwandelt. Wer nie ein solches Buch aufgeschlagen hat, lernt dieselben Wörter dennoch, aber auf anderen Kanälen. Und es wäre ein ziemlich alter, ziemlich verstaubter Reflex, wieder einmal das Lesen junger Frauen für den Verfall der Sitten verantwortlich zu machen. Das haben Moralisten schon bei Goethes «Werther» versucht, und es war damals schon albern.

Aber Dark Romance ist ein Katalysator. Ein Verstärker. Ein Trainingsplatz.

Das liegt an der Passung. Ein Genre, das ganz bewusst von Gewalt und Grenzüberschreitung erzählt, braucht die Trigger-Sprache, um überhaupt konsumierbar zu bleiben. Sie ist die Lizenz, sich auf das Dunkle einzulassen, ohne sich selbst dabei verdächtig zu machen. Und es liegt an der Rückkopplung. Wer diese Sprache schon spricht, findet in der Community sofort Anschluss. Wer in der Community liest und diskutiert, spricht sie danach umso flüssiger. Man übt sie ein wie eine Fremdsprache im Auslandssemester: durch tägliche Anwendung, im geschützten Raum, unter Gleichgesinnten.

Der entscheidende Unterschied

Und doch gibt es einen Unterschied, der so wichtig ist, dass ich ihn nicht übergehen will, auch weil er mit meinem eigenen Argument ein Stück weit bricht.

Wer Dark Romance liest, tut das freiwillig. Die Leserin hat die Kontrolle, auch wenn die Figuren im Buch sie nicht haben. Sie kann das Buch zuklappen, sie kann Kapitel überspringen, sie kann die Warnungen vorab lesen und sich entscheiden. Die Trigger-Sprache dient hier der Rahmung eines Konsums, den man sich selbst ausgesucht hat. Das ist im Grunde eine sehr erwachsene Form, mit Fiktion umzugehen: Ich weiß, worauf ich mich einlasse, und ich lasse mich gerade deshalb darauf ein.

Im Büro ist das anders. Lena hat sich die falschen Zahlen nicht als Lektüre ausgesucht. Der Kunde auch nicht. Dort geht es nicht um Fiktion, sondern um reale Verantwortung mit realen Folgen. Und genau an dieser Stelle wird das Problem sichtbar: Wenn eine Sprache, die im fiktionalen Raum dazu dient, sich auf Unangenehmes einzulassen, in den realen Raum wandert, dann dient sie plötzlich dazu, sich dem Unangenehmen zu entziehen. Im Buch ist die Triggerwarnung eine Eintrittskarte. Im Büro ist sie ein Ausgangsschild.

Das ist der eigentliche Widersinn. Junge Leserinnen, die sich mit großem Mut durch Geschichten über Gewalt, Obsession und Grenzverletzung arbeiten, lernen dabei eine Sprache, die sie im echten Leben dazu benutzen können, einem Gespräch über eine fehlerhafte Excel-Tabelle aus dem Weg zu gehen. Man liest von Entführungen und erträgt keine Rückfrage im Feedbackgespräch mit dem Vorgesetzten.

Was bleibt

Ich glaube nicht, dass wir die Wörter aus der Sprache wieder verbannen können. Und ich glaube auch nicht, dass wir das sollten. Es ist gut, dass es sie gibt, für die Menschen, die sie wirklich brauchen. Für die, die tatsächlich traumatisiert sind, für die, deren Grenzen tatsächlich überschritten wurden, für die, die tatsächlich in einer toxischen Beziehung feststecken. Gerade für sie ist es fatal, wenn diese Begriffe durch inflationären Gebrauch ihre Schärfe verlieren. Wer jedes kritische Feedback zur Grenzverletzung erklärt, nimmt denen das Wort weg, deren Grenzen wirklich verletzt werden.

Was wir aber zurückgewinnen müssen, ist die Unterscheidung. Zwischen einem Gefühl und einer Verletzung. Zwischen einem Ton, der mir nicht gefällt, und einem Übergriff. Zwischen einem Menschen, der mir widerspricht, und einem Menschen, der mir schadet. Und zwischen einer Grenze, die mich schützt, und einer Mauer, hinter der ich mich verstecke.

Eins weiß ich: Wer jedes Gespräch beendet, sobald es unangenehm wird, gewinnt dadurch kein einziges. Er gewinnt nur Ruhe. Lena hat an diesem Tag ihre Ruhe bekommen. Die falschen Zahlen liegen trotzdem noch beim Kunden.

Häufige Fragen zum Artikel

Was versteht man unter dem Begriff 'Concept Creep' und wer hat ihn geprägt?

Der australische Psychologe Nick Haslam hat 2016 den Begriff 'Concept Creep' eingeführt, um die schleichende Ausdehnung von Konzepten rund um Schaden und Pathologie zu beschreiben. Damit sind Begriffe gemeint, die einst eng umrissene, schwere Phänomene beschrieben haben, sich aber horizontal auf immer neue Situationen und vertikal auf immer mildere Formen ausgedehnt haben.

Wie unterscheidet der Artikel zwischen einer Grenze und einer Mauer im zwischenmenschlichen Kontext?

Eine Grenze regelt laut Artikel, wie man miteinander umgeht, während eine Mauer verhindert, dass man überhaupt noch miteinander spricht. Der Artikel argumentiert, dass eine Grenze, die beispielsweise Feedback über Arbeitsergebnisse verhindert, zu einer Mauer wird, die jegliche Kommunikation blockiert.

Welche konkrete Antwort schlägt Michael Ehlers als Alternative zu Lenas Reaktion vor?

Ehlers empfiehlt, zunächst das Gefühl kurz anzuerkennen, aber das Thema zu behalten: 'Ich sehe, dass dich das trifft. Die Zahlen waren trotzdem falsch, und der Kunde hat es gesehen.' Danach kann man zehn Minuten Pause machen und weitermachen, oder konkret nachfragen, welcher Satz zu hart war, und dann drei Sekunden schweigen.

Ist das Problem der Therapiesprache im Büro laut Artikel ein reines Gen-Z-Phänomen?

Nein, der Artikel warnt davor, dies als Gen-Z-Problem zu bezeichnen, da Abwehr von Verantwortung keine Erfindung einer Generation ist. Allerdings spricht die Generation, die mit Instagram und TikTok aufwuchs, diese Sprache flüssiger und hat sie nicht in der Therapiesitzung, sondern im Feed gelernt.

Warum beunruhigt den Autor die therapeutische Sprache in der alltäglichen Kommunikation besonders?

Der Autor ist beunruhigt, weil diese Sprache im Kern eine Sprache der Diagnose ist, die eine Person als Wesen beschreibt statt nur ein Verhalten zu kritisieren. Mit einem Wesen verhandelt man nicht, sondern setzt sich von ihm ab – dies verändert den Blick auf andere Menschen fundamental.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Therapeutische Begriffe wie 'Trigger', 'Grenze' und 'toxisch' werden zunehmend zweckentfremdet, um im Arbeits- und Alltagsleben sachliche Kritik abzuwehren und moralische Verantwortung zu verschieben — eine Praxis, die der australische Psychologe Nick Haslam als 'Concept Creep' beschrieben hat.

gilt  ·  seit 26.10.2026

Therapiesprache im Berufsleben bewirkt eine moralische Umkehr: Wer Kritik übt, wird zum Täter erklärt, während das eigentliche Sachproblem unbehandelt bleibt — das Gespräch endet nicht durch Einigung, sondern durch Kapitulation.

gilt  ·  seit 26.10.2026

Das Dark-Romance-Genre auf BookTok fungiert als Katalysator und Trainingsplatz für Therapiesprache, weil die Community diese Sprache täglich einübt und die Trigger-Warnungen als soziale Eintrittskarte in den Diskurs dienen.

gilt  ·  seit 26.10.2026

Therapiesprache, die im fiktionalen Raum dazu dient, sich bewusst auf Unangenehmes einzulassen, kehrt im realen Alltag ihre Funktion um und wird zum Werkzeug, um sich dem Unangenehmen — etwa beruflicher Kritik — zu entziehen.

gilt  ·  seit 26.10.2026

Die politische Debatte leidet unter demselben Mechanismus wie Lenas Bürogespräch: Argumente werden nicht widerlegt, sondern Personen werden vorab geframet und dadurch diskreditiert, was die demokratische Grundbereitschaft zur ergebnisoffenen Auseinandersetzung untergräbt.

gilt  ·  seit 26.10.2026

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