Eine Buchkritik
In diesem Sommer durfte Laura Karasek das Sommerloch von Jan Böhmermann füllen. Er gönnte sich – und seinem erhobenen Zeigefinger – eine Pause vom „royalen Magazin“. Sie übernahm.
In ihrer Sendung „Zart am Limit“ diskutierte die Autorin und Anwältin aus Frankfurt durchaus interessante Themen. In Folge Nummer fünf ging es unter dem Motto „(Offene) Beziehungen und (falsche) Alibis“ um Treue, Liebe, Sex – und um die kleinen wie großen Lügen, mit denen Menschen einander vor Enttäuschungen schützen. Oder es zumindest versuchen.
Mit dabei: Anna Zimt, Autorin des Buches In manchen Nächten habe ich einen anderen.
Drei sind keiner zu viel
Anna Zimt lebt mit ihrem Ehemann Max in einer offenen Beziehung. Eine Lebensform, die für Schauspielerin Lilli Hollunder – ebenfalls Gast der Sendung – nicht infrage kommt. Ihr Mann ist Torwart. Beide halten gemeinsam den Beziehungskasten sauber.
Das Bild ist schief, aber eingängig. Und nein: Eine offene Beziehung ist nicht per se unsauber. Nur spielen hier eben mehr als zwei mit. Und die meisten von uns wissen, wie schnell eine dritte Person zu viel sein kann.
Für Anna und Max allerdings ist diese dritte Person kein Störfaktor, sondern Würze. Während es bei Lilli Hollunder und René Adler wohl die rote Karte gäbe, wird bei Zimt ohne Videobeweis gespielt.
Die beiden haben klare Regeln. Transparenz. Kommunikation. Ehrlichkeit. So zumindest klingt es bei „Zart am Limit“. Und so entsteht Neugier.
You Me Her – nur in echt?
Offene Beziehungen oder ihre komplexere Variante, die Polyamorie, sind längst kein Randthema mehr. Selbst Netflix widmete dem Modell mit „You Me Her“ eine eigene, durchaus unterhaltsame Serie. Frauenmagazine greifen es auf. Talkshows ebenfalls. Und ja, auch meine Facebook-Timeline kennt Menschen, die dieses Modell leben.
Ich hatte mir für diesen Sommer vorgenommen, jede Woche ein Buch zu lesen. Es hat funktioniert. Also bestellte ich Zimts Buch klimaneutral mit dem Rad beim Buchhändler um die Ecke. Die Lieferung dauerte genauso lange wie beim amerikanischen Kartonagenversender.
Meine leise Hoffnung: Als zweifach geschiedener Mittvierziger vielleicht noch etwas zu lernen. Eine neue Perspektive. Eine Gebrauchsanleitung für ein Beziehungsmodell, das scheinbar funktioniert.
Es ist keine Gebrauchsanleitung.
Der mentale Kater der Sehnsucht
Natürlich gibt es sie nicht, die Anleitung für Liebe. Gefühle lassen sich nicht vertraglich regeln. Genau deshalb hatte Anna Zimt mein Interesse geweckt. In der Talkshow klang es, als hätten sie und Max einen Weg gefunden, mit dieser Unplanbarkeit umzugehen.
Spoiler: Auch sie sind nur Menschen.
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Es gibt Regeln. Etwa die, Affären frühzeitig klarzumachen, dass daraus keine Beziehung wird. Dass Liebe exklusiv bleibt. Dass Sex zwar wiederholt stattfinden darf – aber nicht ins Eheleben hineinwuchern soll. Wenn Anna und Max sich treffen, gehen sie frisch geduscht ins gemeinsame Bett. Keine Spuren. Keine Wanzen in weißen Laken.
Und doch beschreibt Zimt einen „mentalen Kater der Sehnsucht“. Eine schöne Formulierung. Gemeint ist das, was andere schlicht Liebeskummer nennen würden. Gefühle halten sich selten an Vereinbarungen.
Am Sex gescheitert. Schade. Eigentlich.
Hier beginnt mein Problem mit dem Buch.
Denn zwischen klugen Reflexionen über Beziehungsregeln, Eifersucht und Freiheit mischen sich immer wieder sehr detailreiche Schilderungen sexueller Begegnungen. Zu detailreich. Zu ausgestellt.
Was als ernsthafte Auseinandersetzung mit einer alternativen Lebensform beginnt, kippt stellenweise in etwas, das eher nach mittelmäßigem Softporno klingt. Das mag Aufmerksamkeit erzeugen. Dem Anliegen des Buches hilft es nicht.
Im Gegenteil.
Die Seriosität, die an vielen Stellen aufscheint, wird unterlaufen. Die offene Ehe wirkt plötzlich weniger wie ein durchdachtes Modell – und mehr wie eine gut begründete Dauer-Affäre. Eine rhetorisch abgesicherte Erlaubnis, ohne schlechtes Gewissen mit anderen zu schlafen.
Auf meinen Artikel schrieb mir Bille einen Kommentar, der mich länger beschäftigte als manche Passage des Buches. Für sie ist „guter Sex“ nur mit einem Menschen schön, für den sie Gefühle hat. Anderer Sex kann ebenfalls gut sein – dann aber eher wie eine Sporteinheit. Wertvoll vielleicht. Mit einer Prise Humor. Eine Übung.
Sex sei eines der schönsten Dinge im Universum, schrieb sie. Mit Liebe im Spiel. Oder eben ohne – als körperliche Erfahrung.
Vielleicht liegt genau hier der Kern. Nicht in der Frage, ob offene Beziehungen funktionieren. Sondern darin, was wir persönlich unter Nähe verstehen. Für den einen ist Sex Ausdruck von Liebe. Für den anderen ein eigenständiger Wert. Für manche beides.
Das Buch hätte diese Unterschiede stärker ausloten können. Weniger Beschreibung. Mehr Einordnung. Mehr Tiefe.
So bleibt bei mir der Eindruck einer vertanen Chance.
Schade.
Eigentlich.
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