Die Rächerin vom Ruhrgebiet kommt nach München — und die Carbonara gerinnt fast

Die Eier dürfen auf keinen Fall gerinnen.

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Texttyp
Rezension
Besprochenes Werk / Thema
Rezension des Debütromans «Hustle» von Julia Bähr über eine junge Frau aus dem Ruhrgebiet, die nach München zieht und im Internet Racheaufträge für andere übernimmt.
Zentrales Argument
Der Roman hat eine interessante Grundidee und verdient Anerkennung dafür, dass er eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme moderner Prekarität leistet, verfehlt aber in der Umsetzung die notwendige Konsequenz und Tiefe. Die Charakterzeichnung und Handlungsentwicklung bleiben oberflächlich und erreichen nur Vorabendserien-Niveau.
Kernthese
Bährs «Hustle» scheitert daran, sein eigenes vielversprechendes Konzept literarisch angemessen auszuarbeiten und umzusetzen.
Relevante Konzepte
Prekariatmoderne PrekaritätGesellschaftsbestandsaufnahmeOutsider-PerspektiveRache als Serviceurbane Perspektive
Empfohlen für
Literaturinteressierte, Leser von Gegenwartsliteratur, Debüt-Roman-Leser
Einordnung durch den Autor
Literaturkritik, deutschsprachige Gegenwartsliteratur, kulturjournalistischer Diskurs
Verweise im Text
Julia Bähr (Autorin)Sophie Passmann (Vergleichsautor)

Das ist der Gedanke, der mich beim Kochen begleitet, während ich mir überlege, was ich von Julia Bährs Debütroman «Hustle» halten soll. Pancetta in der Pfanne, Pecorino gerieben, Eigelb temperiert, und irgendwo zwischen Bahnsteig und Sahneverbot taucht die eigentliche Frage auf: Ist das hier ein gutes Buch oder hat mir der Klappentext wieder mehr versprochen als drin ist?

Ich tendiere zu letzterem.

Dabei ist die Grundidee nicht schlecht. Eine junge Frau aus dem Ruhrgebiet zieht nach München, kommt mit dem Schnee nicht zurecht, mit der Stadt auch nicht, und findet irgendwann heraus, dass man im Internet für andere Leute Rache üben kann. Das ist ein Stoff, der funktionieren könnte. Das Internet ist voll von enttäuschten Menschen, die sich nicht trauen, zurückzuschlagen. Jemanden dafür zu bezahlen, das zu übernehmen, klingt nach einer ehrlichen Bestandsaufnahme unserer Zeit.

Nur arbeitet die Autorin diesen Stoff nicht wirklich aus.

München zum Beispiel. Wer über München schreibt, muss verstehen, dass Bayern in Bayern Bayern sind, in München aber Münchner. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied, und er erklärt sehr viel von dem, was an dieser Stadt so erdrückend schön und gleichzeitig so anstrengend ist. Diese Erkenntnis fehlt dem Buch. Die Perspektive auf München bleibt eine von Vorteilen geprägte Außensicht: viel Wohnungsnot, viel Schnee, viel Überfordertheit. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht besonders.

Wohnungsnot gibt es übrigens überall. Man muss dafür nicht Immoscout auf- oder ausschalten.

Was Julia Bähr in ihrem Buch eigentlich zeichnet, ist eine Bestandsaufnahme der gesamtbundesrepublikanischen Situation, in der ein normaler Job alleine nicht mehr reicht für ein normales Leben. Die Protagonistin und ihre drei Freundinnen sind kein klassisches Prekariat. Sie sehen nicht danach aus, kaufen vielleicht nicht mal beim Discounter ein. Aber sie kommen trotzdem nicht über die Runden (Ausnahmen sind lesbisch), nicht wirklich, nicht ohne Nebenjobs und kleine Illegitimitäten. Das ist das Ehrliche an diesem Buch. Das Prekariat zeigt sich eben nicht mehr als Prekariat. Es zeigt sich nur in dem, was es tut.

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Und dann dieser Kreis von Figuren.

Wir haben eine Lesbe mit gutem Einkommen, eine Migrantin die den Namen ihres Mannes angenommen hat und ihren eigenen am besten mit J statt mit Y, und eine die ganz am Ende des Buchs Dark-Romance-Bücher schreibt und sich dafür schämt. Die Schande gilt dabei weniger dem Genre als dem Verdacht, sich verkauft zu haben. Ob das Absicht ist oder einfach ein gut gewähltes Keyword für die Amazon-Metadaten, lasse ich offen.

Man hätte auch jedes andere Genre nehmen können.

Sophie Passmann hat kürzlich wieder ein Buch veröffentlicht, das ich besprochen habe und das im Wesentlichen von Sophie Passmann handelt. Das ist ihr gutes Recht. «Hustle» ist das Gegenteil davon. Julia Bähr schreibt nicht über sich, sondern über eine Gesellschaft. Das verdient Anerkennung. Nur fehlt dem Buch am Ende die Konsequenz, die aus dieser Haltung entstehen könnte. Die Protagonistin macht Fehler, wird fast erwischt, fälscht Lohnabrechnungen, klammert sich an einen Jugendfreund, der längst vergeben ist, und fährt sogar mit ihm in den Urlaub, weil der «Rache-Job» genug abwirft.

Das ist Vorabendserien-Niveau. Irgendwie würde sie verhaftet werden zwischen Tena Men und Kukident.

Ich will das Buch nicht schlechtreden. Man kann es lesen. Man kann erstaunt sein, dass jemand die Schneeunterschiede zwischen dem Ruhrgebiet und München so sorgfältig herausarbeitet. Man kann die Grundkonstellation interessant finden und sich denken, dass da eigentlich mehr drin gewesen wäre.

Aber mehr drin ist eben nicht.

Die Carbonara war gut.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Julia Bährs Debütroman 'Hustle' löst das Versprechen seines Klappentexts nicht ein und arbeitet seinen eigentlichen Stoff — das Rache-als-Dienstleistung-Konzept und die gesellschaftliche Diagnose — nicht konsequent aus.

gilt  ·  seit 16.04.2026

'Hustle' leistet eine ehrliche Bestandsaufnahme des modernen Prekariats in Deutschland, das sich nicht mehr äußerlich als solches zu erkennen gibt, sondern nur noch durch sein Verhalten — Nebenjobs, kleine Illegitimitäten — sichtbar wird.

gilt  ·  seit 16.04.2026

Die München-Darstellung in 'Hustle' bleibt eine klischeehafte Außenperspektive, weil das Buch den entscheidenden Unterschied zwischen Bayern und Münchnern nicht erfasst und Wohnungsnot als stadtspezifisches Merkmal behandelt, obwohl sie ein gesamtdeutsches Phänomen ist.

gilt  ·  seit 16.04.2026

Die dramatischen Handlungselemente in 'Hustle' — Urlaub mit vergebenem Jugendfreund, gefälschte Lohnabrechnungen, beinahe-Verhaftung — erreichen nicht mehr als Vorabendserien-Niveau und unterlaufen den gesellschaftskritischen Anspruch des Romans.

gilt  ·  seit 16.04.2026

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