Der Thermomixknecht und der Ratatouille-Traum

A cluttered kitchen counter at night, lit by a single warm pendant lamp, where a humming kitchen appliance sits with its bowl

Über Menschen, die Schaufeln aus Pappe an Goldgräber verkaufen

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Texttyp
Kolumne/Essayistische Kritik
Besprochenes Werk / Thema
Kritik an betrügerischen KI-Geschäftsmodellen für Selbstpublishing
Zentrales Argument
KI-generierte Bücher als Schaufeln aus Pappe verkauft, während echtes Handwerk durch maschinelle Produktion ersetzt wird
Kernthese
KI-Tools sind Werkzeuge wie Thermomix, doch Coaches verkaufen ihre Kunden als Linguini statt als Remy.
Relevante Konzepte
KI-MissbrauchCoaching-BetrugSelf-PublishingAd FraudGeschäftsmodelle
Empfohlen für
Autoren, Selbstpublizierer, digitale Literacy-Interessierte
Einordnung durch den Autor
Kritische Konsumkritik/Medienbeobachtung zu digitalen Betrügereien
Verweise im Text
Ratatouille-FilmAd FraudKI-Kochbücher
Entitäten
Produkt: ThermomixProdukt: Self-Publishing-PlattformOrt: PotsdamFilm: RatatouilleKonzept: Ad Fraud

Der Thermomix läuft, Linkslauf, Stufe eins, ein Risotto, das in zwanzig Minuten fertig sein will. Daneben vibriert das Handy. Kurz nach neun, also ist er es wieder.

Seit August schreibt mir ein Mann aus Potsdam. Nicht täglich, aber zuverlässig. Meistens abends, einmal schon um sieben Uhr morgens, als hätte er die Nacht damit verbracht, an mich zu denken. Er duzt mich, er wünscht mir «Erfolg», und er hat eine einzige Botschaft, die er in immer neuen Varianten vorträgt: Ich könnte reich werden. Mit Büchern. Die ich nicht schreiben muss.

Ich habe mich auf seiner Homepage selbst eingetragen, aus beruflicher Neugier. So wie ein Sternekoch sich gelegentlich eine Tütensuppe aufreißt, um zu verstehen, was die anderen essen. Jetzt habe ich die Tütensuppe gelöffelt. Acht Mails, zehn Wochen. Sie schmeckt nach Glutamat und Hoffnung.

Die Speisekarte der Versprechungen

Im August ging es los mit einem Bericht in einem «Gewinnermagazin», im Betreff großzügig zu «den Zeitungen» befördert. Darin die Kernbotschaft: Nebeneinkommen ohne Technik, ohne das eigene Gesicht zu zeigen «und ohne Verkauf». Fünfstellige Umsätze pro Monat seien «kein Problem».

Im September dann der Countdown. 327 Menschen hätten sich in 24 Stunden das System gesichert, um sich ein zweites Einkommen von 1.000 bis 2.000 Euro im Monat aufzubauen. 47 statt 297 Euro, nur für die ersten 1.000 Käufer, nur 72 Stunden lang, und über 90.000 Menschen hätten diese Mail bekommen. Man spürt förmlich, wie die Plätze einem unter den Fingern wegschmelzen.

Im Oktober wird die Kurve steiler. 631 Euro an einem einzigen Tag mit KI-Kochbüchern. 2.000 Euro im Monat mit nur einem Buch, und das sei «der einzige Weg». 3.000 bis 5.000 Euro neben dem Job, mit etwa einer Stunde am Tag. Und schließlich die Krönung: Teilnehmer, die über 10.000 Euro im Monat machen. Keine Erfahrung, kein Verlag, keine Reichweite. Nur «simple Bücher», Rezepte, Rätsel, Ratgeber, von der KI erstellt, von einer großen Self-Publishing-Plattform gedruckt und verschickt. Obendrauf ein Beratungsgespräch, das «normalerweise» 100 Euro koste, mir aber geschenkt werde, weil man inzwischen rund 30 davon am Tag führe.

Man lege diese Zahlen nebeneinander und sehe zu, wie sie aufgehen wie ein Hefeteig auf Omas Ofen. Von 1.000 Euro im September auf 10.000 im Oktober, in sechs Wochen. Kein Teig der Welt geht so schnell. Nur Versprechen tun das.

Das Kleingedruckte in Großbuchstaben

Was mir mehr verraten hat als jede Zahl, ist ein typografisches Detail. «1O.OOO» steht da, mit dem Buchstaben O statt der Ziffer Null. «KostenIos» mit großem I statt kleinem l. Das ist kein Tippfehler, das zieht sich durch alle Mails. Wer wie ich lange genug im Umfeld von Ad Fraud gearbeitet hat, kennt den Trick: Man verkleidet genau die Wörter, auf die Spamfilter anspringen. Ein Mann, der mir beibringen will, wie man Bücher macht, denen Menschen vertrauen sollen, tarnt schon seine eigenen Nullen.

Dazu die schöne Formel «ohne Verkauf», geschrieben in einer Mail, die aus nichts anderem besteht als Verkauf. Und die 631 Euro «an EINEM Tag». Das ist Umsatz, kein Gewinn, und es ist ein Tag. Über die anderen 29 im Monat schweigt die Mail mit der Diskretion eines Beichtvaters.

Was mein Thermomix kann und was nicht

Der Thermomix ist übrigens nicht der Gegner. Ich mag ihn. Er ist ein großartiger Knecht. Er wiegt auf das Gramm, er rührt, ohne müde zu werden, er hält die Temperatur, während ich mit dem Kopf längst beim Wein bin. Mit Guided Cooking führt er mich Schritt für Schritt durch Rezepte, die ich allein nie angefasst hätte. Und trotzdem macht er aus mir keinen Koch. Er weiß nicht, ob das Risotto nach etwas schmeckt. Er hat nie geschmeckt. Er kennt den Unterschied zwischen fertig und halbfertig nicht.

Mit der KI ist es nicht anders. Sie ist ein Werkzeug, und sie macht vieles leichter. Aber sie macht aus niemandem einen Autor, der vorher keiner war.

Genau diesen Unterschied verkaufen die Herren aus den Coaching-Funnels als überflüssig. Ein KI-Kochbuch ist in ihrem Modell ein Rezept, das niemand gekocht hat, erzeugt von einer Maschine, die nie probiert hat, veröffentlicht von jemandem, der anonym bleiben will, damit ihn niemand fragen kann, warum das Brot nicht aufgeht. Das ist nicht Kochen. Das ist Knöpfe drücken mit Verkaufsabsicht.

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Linguini ist nicht Remy

In «Ratatouille» gibt es diesen Satz des großen Gusteau: «Jeder kann kochen.» Gemeint ist nicht, dass jeder ein großer Koch wird. Gemeint ist, dass ein großer Koch von überall herkommen kann, sogar aus der Pariser Kanalisation. Remy, die Ratte, riecht, schmeckt, verwirft, setzt neu an. Er ist der Held, weil er Geschmack hat. Linguini, der junge Mann am Herd, ist die Marionette, an deren Haaren die Ratte zieht.

Die Coaches haben den Satz umgedreht. Bei ihnen heißt er: Jeder kann kassieren. Und sie verkaufen ihren Kunden die Rolle von Remy, während sie ihnen in Wahrheit die Rolle von Linguini zuweisen. Die KI zieht an den Haaren, der Mensch steht am Herd und lächelt in eine Kamera, die er nicht einmal einschalten muss. Aus einem Thermomixknecht wird so kein Ratatouille-Held. Es wird ein Knecht mit Gewerbeschein.

Und dann gibt es da noch Anton Ego, den gefürchteten Kritiker, der beim ersten Bissen Ratatouille in die Küche seiner Kindheit zurückfällt. Das ist der Moment, um den es beim Kochen und beim Schreiben eigentlich geht. Ein KI-Kochbuch hat keine Kindheit. Es hat einen Prompt.

Schaufeln aus Pappe

Der klassische Scharlatan stand auf dem Jahrmarkt, mit einem Wagen voller Fläschchen, und pries Tinkturen gegen Gicht, Liebeskummer und Haarausfall. Das Entscheidende war nie die Tinktur. Das Entscheidende war die nächste Stadt, in die er weiterzog, bevor jemand merkte, dass die Gicht geblieben war.

Das moderne Modell ist eleganter, aber nicht ehrlicher. «Das ist unser Geschäftsmodell», schreibt mein Potsdamer Brieffreund über die Bücher. Ich glaube ihm nicht. Das Geschäftsmodell sind die 47 Euro, die 297 Euro und das Beratungsgespräch, in dem man vermutlich erfährt, was das große Coaching kostet. Im Goldrausch haben bekanntlich die Schaufelverkäufer verdient. Hier werden Schaufeln aus Pappe verkauft, an Menschen mit einer Stunde Zeit am Tag und der Hoffnung auf ein paar tausend Euro mehr. Wer das tut und es Ausbildung nennt, verkauft eine Tinktur.

Den Schaden tragen nicht nur die Käufer. Er landet im Regal. Zwischen den Kochbüchern von Menschen, die ihre Rezepte zwanzigmal gekocht, verworfen und wieder gekocht haben, stapeln sich die Erzeugnisse einer Industrie, die nie gekostet hat. Wer dort nach einem Rezept für Ratatouille sucht, findet am Ende vielleicht eines, das niemand je gegessen hat.

Das Risotto ist übrigens fertig geworden. Der Thermomix hat gepiept, ich habe probiert und nachgesalzen. Abmelden werde ich mich nicht. Ich will wissen, wie hoch die Zahl im Dezember ist.

Häufige Fragen zum Artikel

Was sind die typischen Versprechungen, die in den Marketing-Mails des Potsdamer Mannes gemacht werden?

Der Mann verspricht Nebeneinkommen von 1.000 bis 2.000 Euro monatlich ohne Technik, ohne das eigene Gesicht zu zeigen und ohne Verkauf. Die Versprechungen steigern sich im Oktober bis auf 10.000 Euro monatlich, angeblich erreichbar durch KI-generierte Bücher wie Kochbücher, Rezepte, Rätsel und Ratgeber mit nur etwa einer Stunde Arbeitsaufwand täglich.

Welcher typografische Trick wird in den E-Mails verwendet und warum?

Es werden Wörter wie '1O.OOO' mit Buchstaben statt Ziffern oder 'KostenIos' mit großem I statt kleinem l geschrieben. Dies ist ein bekannter Trick aus dem Ad-Fraud-Bereich, um zu verhindern, dass Spamfilter die E-Mails blockieren, indem die Wörter verkleidet werden, auf die Filter reagieren.

Inwiefern unterscheidet der Autor KI-generierte Bücher von authentischen Werken?

Der Autor vergleicht KI mit dem Thermomix: Beide sind Werkzeuge, die vieles leichter machen, aber KI macht aus niemandem einen Autor, der vorher keiner war. Ein KI-Kochbuch ist ein anonymes Produkt, das niemand je gekocht oder probiert hat, während authentische Bücher von Menschen stammen, die ihre Inhalte vielfach überarbeitet haben.

Was ist das eigentliche Geschäftsmodell hinter den Angeboten des Potsdamer Mannes?

Das tatsächliche Geschäftsmodell sind nicht die KI-Bücher selbst, sondern die Kosten für Käufer: zunächst 47 oder 297 Euro für das System, dann ein angeblich kostenloses Beratungsgespräch (das normalerweise 100 Euro kostet), über das vermutlich teurere Coachings verkauft werden. Die Bücher sind nur Mittel zum Zweck, um Kunden anzulocken.

Welche Konsequenz hat die Verbreitung von KI-generierten Büchern laut dem Autor für den Buchmarkt?

Die Produkte einer Industrie, die nie gekostet oder überprüft hat, stapeln sich zwischen authentischen Büchern von Autoren, die ihre Werke vielfach überarbeitet haben. Leser, die nach einem bestimmten Rezept oder Ratschlag suchen, können am Ende auf etwas stoßen, das niemand je praktiziert oder validiert hat.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

KI-generierte Kochbücher, die von niemandem gekocht und von keiner Maschine je probiert wurden, schaden dem gesamten Buchmarkt, weil sie im Regal neben Werken stehen, die aus echter handwerklicher Erfahrung entstanden sind.

gilt  ·  seit 04.11.2026

KI macht das Erstellen von Texten leichter, macht aber aus jemandem, der kein Autor ist, keinen Autor — genauso wie ein Thermomix aus einem Nicht-Koch keinen Koch macht.

gilt  ·  seit 04.11.2026

Coaching-Angebote, die versprechen, mit KI-generierten Self-Publishing-Büchern fünf- bis sechsstellige Monatseinkommen zu erzielen, sind keine seriösen Geschäftsmodelle, sondern Verkaufsfunnels, deren eigentliches Produkt die Kurse und Beratungsgespräche selbst sind.

gilt  ·  seit 04.11.2026

Die typografische Verkleidung von Schlüsselwörtern wie '1O.OOO' (mit Buchstabe O statt Ziffer) in Marketing-Mails ist ein gezielter Trick zur Umgehung von Spamfiltern und verrät die Unseriosität der Absender.

gilt  ·  seit 04.11.2026

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