Wer die KI für die Zukunft des Planeten verantwortlich macht, verschickt den Vorwurf meist selbst über einen Server.
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- Texttyp
- Essay/Kolumne
- Besprochenes Werk / Thema
- Heuchelei bei der Kritik an KI-Energieverbrauch gegenüber Social Media
- Zentrales Argument
-
KI-Kritiker ignorieren den höheren Energieverbrauch ihrer eigenen Social-Media-Nutzung und betreiben damit Greenwashing
- Kernthese
- Selektive Umweltkritik an KI, während man selbst energieintensive Social-Media-Infrastruktur nutzt, ist heuchlerisch
- Relevante Konzepte
- Empfohlen für
- KI-Kritiker, Social-Media-Nutzer, Technologie-bewusste Leser
- Einordnung durch den Autor
- Kritische Reflexion über Widersprüche in Nachhaltigkeitsdiskursen
- Verweise im Text
- Entitäten
Es ist eigentlich Mittagszeit und die ist bekanntlich heilig, als mein Handy zum dritten Mal in dieser Stunde aufleuchtet. Jemand hat meinen letzten Text über den Energieverbrauch von KI und Social Media in die eigene Story geteilt, garniert mit zwei Flammen-Symbolen und dem Satz: «KI verbrennt buchstäblich unseren Planeten. Ich nutze das Zeug bewusst nicht.» Die Nachricht kommt von einer Bekannten aus diesem einen Businessnetzwerk, die sich selbst gern als «technikkritische Stimme» bezeichnet.
Ich lese den Satz zweimal. Beim zweiten Mal sehe ich, was mich daran stört: Die Story, in der mein Text zitiert wird ist ein Reel. Fünfzehn Sekunden, mit Musik unterlegt, automatisch abgespielt für jeden, der ihr folgt, gespeichert in mehrfacher Redundanz in diversen Rechenzentren verteilt über die ganze Welt. Ihre Ablehnung der KI erreicht mich über genau die Infrastruktur, die sie der KI vorwirft.
Es ist nicht die Ablehnung selbst, die mich stört. Jeder darf KI ablehnen, aus welchem Grund auch immer. Was mich stört, ist die Selektivität, mit der das Umweltargument ausgerechnet dort endet, wo es unbequem würde. Wer den Server hinter dem Sprachmodell verurteilt, aber den Server hinter dem eigenen Instagram-Account, der eigenen Website, dem eigenen Newsletter-Tool stillschweigend weiterlaufen lässt, betreibt keine ökologische oder nachhaltige Techstruktur für seinen privaten Kommunikationsapparat. Er betreibt Greenwashing mit Empörungsschleifchen.
Man könnte einwenden, es gehe nicht um die einzelne Handlung, sondern ums Prinzip. KI, so das Argument, skaliere anders, wachse schneller, ziehe mehr Investment und damit mehr neue Rechenzentren nach sich als die längst ausgereizte Social-Media-Infrastruktur. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Aber es ist auch keine Rechtfertigung dafür, sich aus einem Prinzip die bequeme Ausnahme für das eigene Verhalten herauszuschneiden, solange man selbst auf der komfortablen Seite der eigenen Weltanschauung steht.
Und die Statistik ist eindeutig, ich habe sie in dem o.g. Beitrag einmal vorgerechnet, deshalb hier nur die Kurzfassung. Eine Stunde Social Media, intensiv gescrollt und gestreamt, verbraucht etwa 250 Wattstunden. Zehn ausführliche KI-Anfragen am selben Tag kommen zusammen auf 15 bis 30 Wattstunden. Wer täglich zwei Stunden durch Feeds wischt, wie es der Durchschnitt tut, produziert allein dadurch, addiert über alle Plattformen, gut 350 Kilogramm CO2 im Jahr. Nur durchs Scrollen, Liken, Kommentieren. Die moderate KI-Nutzung derselben Person liegt weit darunter. Wer angesichts dieser Zahlen ausgerechnet die KI als größeren Klimasünder benennt und dabei fröhlich weiterscrollt, hat keine ökologische Position. Er begeht einen Sofortirrtum, vorgetragen mit der Zuversicht einer Tatsache.
Ich sehe das Muster auch in meiner eigenen Branche. Autorinnen und Autoren, die sich stolz ein «KI-frei» aufs Cover schreiben, pflegen parallel einen Kanal mit täglichen Reels, einen Newsletter über einen amerikanischen Anbieter mit eigenen Rechenzentren, eine Website mit eingebetteten Videos und einem Cloud-Backup der gesamten Werkgeschichte. Das ist keine Heuchelei im moralischen Sinn, dafür ist das Wort zu groß. Es ist eher eine blinde Stelle. Man sieht die neue Technologie, weil sie neu ist. Man übersieht die alte, weil sie längst zum Alltag geworden ist und genau dadurch unsichtbar wirkt.
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Themen: Heuchelei bei der Kritik an KI-Energieverbrauch gegenüber Social Media, Greenwashing, Energieverbrauch, Infrastrukturkritik, Selektivität, Blinde Stelle, Selektive Umweltkritik an KI, während man selbst energieintensive Social-Media-Infrastruktur nutzt, ist heuchlerisch, KI-Kritiker, Social-Media-Nutzer, Technologie-bewusste Leser, Kritische Reflexion über Widersprüche in Nachhaltigkeitsdiskursen
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Die ehrliche Frage wäre also nicht «Nutzt du KI?», sondern «Wärst du bereit, auf die Infrastruktur zu verzichten, die deine Kritik überhaupt erst sichtbar macht?». Ich kenne bislang niemanden, der diese Frage mit Ja beantwortet hat. Das ist auch keine Anklage von außen. Ich verzichte selbst nicht darauf. Ich veröffentliche diesen Text auf einer Website, die rund um die Uhr auf einem Server läuft, ich teile ihn auf LinkedIn und Threads, ich lasse ihn von einer KI gegenlesen, bevor er online geht. Meine Kritik an der Selektivität ist selbst Teil der Infrastruktur, die sie beschreibt.
Ich schreibe der Bekannten nichts zurück. Stattdessen sehe ich, wie sie eine Stunde später ihre nächste Story hochlädt. Ein Sonnenuntergang über ihrem Balkon, in Zeitlupe, mit einem schönen Song unterlegt, das ich nicht kenne, aber der Algorithmus von Insta als passend befunden hat (vielleicht). Dreißig Sekunden lang, automatisch an alle ausgespielt, die ihr folgen. Irgendwo, in einem klimatisierten Rechenzentrum, das keiner von uns beiden je betreten wird, dreht sich in diesem Moment ein Lüfter eine Umdrehung schneller. Für den Sonnenuntergang. Nicht für die KI.
Häufige Fragen zum Artikel
Wie viel Energie verbraucht Social Media im Vergleich zur KI-Nutzung?
Eine Stunde intensives Scrollen und Streamen auf Social Media verbraucht etwa 250 Wattstunden, während zehn ausführliche KI-Anfragen am selben Tag nur 15 bis 30 Wattstunden benötigen. Wer täglich zwei Stunden durch Feeds wischt, produziert dadurch allein etwa 350 Kilogramm CO2 pro Jahr, während moderate KI-Nutzung weit darunter liegt.
Was versteht der Autor unter dem Begriff 'blinde Stelle' im Kontext von Technologiekritik?
Der Autor meint damit, dass neue Technologien wie KI wahrgenommen werden, weil sie neu sind, während alte Technologien wie Social-Media-Infrastruktur übersehen werden, weil sie längst zum Alltag geworden sind und dadurch unsichtbar wirken. Dies führt dazu, dass Menschen die ältere, etablierte Technologie moralisch nicht hinterfragen.
Ist es glaubwürdig, KI abzulehnen während man aktiv Social Media nutzt?
Der Autor argumentiert nein: Wer Server hinter KI-Systemen verurteilt, aber gleichzeitig Server für Instagram, Websites oder Newsletter-Tools weiterlaufen lässt, betreibt Greenwashing mit Empörung. Dies ist keine ökologische Position, sondern eine selektive Anwendung von Prinzipien, die sich an die eigenen Verhaltensweisen anpasst.
Was wäre die ehrliche Frage statt 'Nutzt du KI?' nach Meinung des Autors?
Die ehrliche Frage sollte lauten: 'Wärst du bereit, auf die Infrastruktur zu verzichten, die deine Kritik überhaupt erst sichtbar macht?' Der Autor gibt an, bisher niemanden zu kennen, der diese Frage mit Ja beantwortet hat, und stellt fest, dass auch er selbst nicht auf diese Infrastruktur verzichtet.
Praktiziert der Autor selbst das an, das er anderen vorwirft?
Ja, der Autor gibt zu, dass er seinen Text auf einem ständig laufenden Server veröffentlicht, ihn über Social Media teilt und von KI gegenlesen lässt. Er betont, dass seine Kritik an der Selektivität selbst Teil der Infrastruktur ist, die sie beschreibt, und sich somit einer ähnlichen Widersprüchlichkeit schuldig macht.
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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen
Die tägliche Nutzung sozialer Medien ist ökologisch um den Faktor 10 bis 20 energieintensiver als moderate KI-Nutzung, weil ein durchschnittlicher Nutzer fast zwei Stunden in sozialen Netzwerken verbringt, während er nur fünf bis zehn KI-Anfragen pro Tag stellt.
gilt · seit 13.02.2026
Wer KI aus ökologischen Gründen ablehnt, aber gleichzeitig ressourcenintensive Social-Media-Infrastruktur wie Reels, Newsletter-Dienste und Cloud-Backups unkommentiert weiternutzt, betreibt selektives Greenwashing statt einer konsistenten ökologischen Position.
gilt · seit 12.08.2026
Eine ehrliche ökologische Kritik an digitaler Infrastruktur müsste die gesamte genutzte Infrastruktur einschließen — auch jene, über die die Kritik selbst verbreitet wird — und ist daher für praktisch niemanden konsequent umsetzbar.
gilt · seit 12.08.2026
Die verbreitete Wahrnehmung, KI sei ein größerer Klimasünder als Social Media, ist ein kognitiver Irrtum, der dadurch entsteht, dass neue Technologien als sichtbare Bedrohung wahrgenommen werden, während die bereits normalisierte digitale Infrastruktur unsichtbar bleibt.
gilt · seit 12.08.2026
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