Ein Buch, das sich nicht entschuldigt – Begabung, usw.

Irgendwann landet man als Leser bei einem Buch, das man eigentlich gar nicht lesen wollte. Kein Feuilleton hat es empfohlen, kein Algorithmus hat es mir serviert. Ich habe es bestellt, weil ich die Frau dahinter kenne und schätze — und weil sie mich, soweit ich das beurteilen kann, noch nie gelangweilt hat.

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Texttyp
Buchrezension
Besprochenes Werk / Thema
Rezension des Romans "Begabung usw." von Hanna Lakomy und Florian Havemann, der das Leben einer Escort im Berlin der späten 2000er Jahre erzählt.
Zentrales Argument
Das Buch bietet ehrliche und erhellende Einblicke in das Leben einer Sexarbeiterin ohne dabei in Opfernarrativ oder Empowerment-Klischees zu verfallen. Es ist literarische Arbeit ohne Entschuldigungsgesten, die sich formal ambitioniert präsentiert, sich aber schwer in etablierte literarische Kategorien einordnen lässt.
Kernthese
Das Werk verdient Beachtung, weil es sich weigert, sich literarisch zu entschuldigen und dabei Fragen zu Sexarbeit, Subjektivität und literarischer Form intellektuell redlich behandelt.
Relevante Konzepte
SexarbeitEscortSugarbabeHetäreBerliner MilieuTagebuchBriefromanunzuverlässige ErzählerFeuilletonLiterarische FormEmpowerment-Narrative
Empfohlen für
Literaturinteressierte, Leser von Gegenwartslit, Personen mit Interesse an Geschlechterdebatten und Sexarbeitsrechten, Unterstützer unabhängiger Verlage
Einordnung durch den Autor
Zeitgenössische Literaturkritik, deutschsprachiger Literaturdiskurs, Kulturjournalismus
Verweise im Text
Hanna Lakomy (Salomé Balthus)Florian HavemannVerlag Freunde & FriendsClaas Relotius

Hanna Lakomy, als Escort bekannt unter dem Namen Salomé Balthus, hat gemeinsam mit dem Autor Florian Havemann ein Buch geschrieben und es im eigenen Verlag herausgebracht: «Begabung usw.», erschienen 2023 bei Freunde & Friends in Berlin. Ein Titel, der schon grammatikalisch eine Haltung einnimmt. Das usw. am Ende ist keine Bescheidenheit. Es ist eine Geste der Erschöpfung gegenüber allen Erwartungen, die man an ein solches Buch mitbringen könnte.

Vorab, weil es zur Ehrlichkeit gehört: Ich schätze Salomé Balthus und ihre Arbeit für Sexarbeiterinnen und gegen die immer weiter ausgreifenden Einschränkungen des ältesten Gewerbes der Welt außerordentlich. Sie ist eine der wenigen, die in dieser Debatte mit Haltung und ohne Anbiederung auftritt. Das färbt, natürlich, auf die Lektüre ab.

Das Buch kommt als Paperback daher, in der klaren CI des neuen Verlags. Es hat eher die Erscheinung eines Fachbuchs als die eines Romans — was zunächst überrascht, bei einer Autorin, von der man vielleicht insgeheim etwas Sinnlicheres erwartet hätte. Aber das ist dann auch schon mein Problem, nicht ihres. Und im Grunde ein schönes Lehrstück über mitgebrachte Vorstellungen.

Auf knapp über dreihundert Seiten folgt der Leser einer jungen Frau in das Leben als Escort, vom Sugarbabe zur Hetäre der Neuzeit, wie Lakomy es selbst nennen würde. Das Buch spielt im Berlin der späten Nullerjahre, in Luxushotels, auf Partys, in Milieus, die man aus dem Feuilleton kennt, ohne sie wirklich zu kennen. Im Zentrum steht eine Erzählerin in Geldnot, die eine vertraglich gerahmte Beziehung mit einem Mann namens Manfred eingeht. Klingt nach Skandalon. Ist es aber nicht — oder zumindest nicht nur.

Was Lakomy und Havemann formal gebaut haben, ist ehrgeiziger als der Stoff vermuten lässt: Tagebuch, Briefroman und Dialog wechseln einander ab, zwei Erzählerinnen sprechen, keine von beiden ist zuverlässig. Die Figur Isolde — eine ältere lesbische Künstlerin, die dem Berliner Beziehungstheater mit vollkommen eigener Logik begegnet — ist das wirkliche Herz des Buchs. Und dem Ganzen ist Claas Relotius gewidmet. Das ist keine Fußnote. Das ist eine Ansage.

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Themen: Rezension des Romans "Begabung usw." von Hanna Lakomy und Florian Havemann, der das Leben einer Escort im Berlin der späten 2000er Jahre erzählt., Sexarbeit, Escort, Sugarbabe, Hetäre, Berliner Milieu, Tagebuch, Briefroman, unzuverlässige Erzähler, Feuilleton, Literarische Form, Empowerment-Narrative, Das Werk verdient Beachtung, weil es sich weigert, sich literarisch zu entschuldigen und dabei Fragen zu Sexarbeit, Subjektivität und literarischer Form intellektuell redlich behandelt., Literaturinteressierte, Leser von Gegenwartslit, Personen mit Interesse an Geschlechterdebatten und Sexarbeitsrechten, Unterstützer unabhängiger Verlage, Zeitgenössische Literaturkritik, deutschsprachiger Literaturdiskurs, Kulturjournalismus

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Jetzt zur ehrlichen Bilanz: Ein Abend mit Salomé ist, soweit ich das beurteilen kann, von guten Gesprächen, witzigen Momenten und einer Intensität geprägt, die das Buch nicht durchgehend erreicht. Es hat mich nicht die ganze Zeit so im Griff gehabt wie die Frau selbst. Mir fehlten die Momente, die mich unbedingt hätten weiterlesen lassen. Vielleicht hatte ich schlicht zu hohe Erwartungen. Vielleicht habe ich mich nie ganz in die Erzählweise der beiden eingefunden.

Kaufempfehlung ist es trotzdem, und zwar ohne Einschränkung. Die Einblicke, die das Buch gewährt, sind erhellend — wer Salomé Balthus in Medien und Öffentlichkeit verfolgt, versteht nach der Lektüre manche Argumentationskette deutlich besser. Und eine Verlagsneugründung verdient Unterstützung, erst recht, wenn sie mit einem solchen ersten Titel antritt.

Die Rezeption im Feuilleton ist, soweit ich das überblicke, überschaubar geblieben. Woran das liegt, lässt sich trefflich spekulieren. Das Buch lässt sich nicht sauber einordnen — kein Opfernarrativ, kein Empowerment-Roman, kein «mutiges Bekenntnis». Es ist Literatur, die sich nicht entschuldigt. Und das ist offenbar schwieriger zu verorten als alles andere.

Auf Goodreads hat es eineinhalb Sterne von zwei Bewertungen. Manche Bücher finden ihr Publikum eben nicht über die üblichen Kanäle.

https://freundeundfriends.de/buecher/begabung-usw

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Das Buch 'Begabung usw.' von Hanna Lakomy (Salomé Balthus) und Florian Havemann ist formal anspruchsvoller als sein Stoff vermuten lässt: Tagebuch, Briefroman und Dialog wechseln einander ab, und zwei unzuverlässige Erzählerinnen sprechen, wobei die Figur Isolde das eigentliche Herzstück des Werkes bildet.

gilt  ·  seit 31.12.2023

Die geringe Feuilleton-Rezeption von 'Begabung usw.' ist darauf zurückzuführen, dass das Buch sich keinem etablierten Narrativ — weder Opfergeschichte noch Empowerment-Roman noch Bekenntnis-Literatur — fügt und sich damit den üblichen Einordnungsmechanismen des Literaturbetriebs entzieht.

gilt  ·  seit 31.12.2023

Salomé Balthus ist eine der wenigen Stimmen in der öffentlichen Debatte um Sexarbeit, die mit Haltung und ohne Anbiederung auftritt.

gilt  ·  seit 31.12.2023

'Begabung usw.' verdient trotz seiner Längen eine uneingeschränkte Kaufempfehlung, weil es das öffentliche Auftreten und die Argumentationslinien von Salomé Balthus verständlicher macht und weil eine neue Verlagsneugründung Unterstützung verdient.

gilt  ·  seit 31.12.2023

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