Es war einer dieser Nebensätze, die man normalerweise überhört. Ich hatte Hotel Matze im Ohr, Matze Hielscher im Gespräch mit dem Philosophen Hanno Sauer. Die beiden sprachen über Klasse. Über Fake-Rolex und Louis Vuitton, über Statussymbole und die Frage, was Klasse heute überhaupt noch heißt. Und irgendwo zwischen zwei Gedanken fiel der Name Thorstein Veblen. Beiläufig, fast im Vorbeigehen, so wie man eine Straße erwähnt, durch die man früher oft gefahren ist.
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- Texttyp
- Essayistische Buchbesprechung mit Gesellschaftskritik
- Besprochenes Werk / Thema
- Token Class: Moderne Klassenstrukturen durch KI und Automatisierung
- Zentrales Argument
-
Digitale Technologien reproduzieren historische Klassenhierarchien: Kontrolle über KI-Systeme schafft neue Eliten, während Care-Arbeit unsichtbar bleibt.
- Kernthese
- Wer Tokens kontrolliert, genießt moderne Muße; echte Macht liegt in Besitz, nicht Sichtbarkeit.
- Relevante Konzepte
- Empfohlen für
- Philosophie-, Gesellschaftswissenschafts- und Technologieinteressierte
- Einordnung durch den Autor
- Zeitgenössische Gesellschaftskritik, Anwendung klassischer ökonomischer Theorie auf Gegenwart
- Verweise im Text
- Entitäten
Ich bin trotzdem abgebogen.
Veblens «The Theory of the Leisure Class» erschien 1899. Ein Buch über eine Oberschicht, die sich nicht durch das definiert, was sie tut, sondern durch das, was sie sichtbar nicht tun muss. Krieger, Priester, Adel: Ihre Ehre lag darin, von der alltäglichen Produktion befreit zu sein und diese Befreiung auch zu zeigen. Mit Muße, die man sehen konnte. Mit Verschwendung, die man sehen sollte. Mit Kleidung, in der man unmöglich hätte arbeiten können.
Das Irritierende beim Lesen war nicht, wie alt sich das anfühlte. Sondern wie wenig. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass da jemand über unsere Gegenwart schreibt, nur mit den falschen Requisiten. Statt Korsetts und Kutschen: Modelle, Rechenzentren, Tokens. Statt dem Adligen, der nicht pflügt, der Mensch im Wartezimmer, der einem Modell zuschaut, wie es seine E-Mail schreibt. Und ihr am Ende mit einem Nicken zustimmt, als hätte er einem Untergebenen etwas diktiert.
Daraus ist «Token Class» geworden. Keine Nacherzählung und schon gar kein Ersatz für Veblen, sondern der Versuch, seine Begriffe durch die Gegenwart zu ziehen und zu schauen, was hält und was reißt. Einiges hält erstaunlich gut. Wer die Tokens steuert, steht an einer völlig anderen Stelle als derjenige, der sie nur verbraucht, auch wenn sich beide beim Prompten gleich mächtig fühlen. Die Controllerin im Homeoffice, die in Sekunden eine Präsentation erzeugen lässt, genießt für einen Moment das Gefühl der Befreiung. Nur gehört ihr das Rechenzentrum nicht. Ihr Status ist gemietet, im Monatsabo.
Anderes reißt. Veblen hätte sich die Online-Sportwette nicht vorstellen können, bei der Modelle in Millisekunden Wahrscheinlichkeiten ausrechnen und der Mensch nur noch zusieht. Und er hätte vermutlich gestaunt, dass an der Spitze der neuen Klasse niemand mehr Seide trägt, sondern ein graues T-Shirt, das aussieht wie vom Wühltisch. Wer die Serverfarmen besitzt, muss den Reichtum nicht am Körper tragen. Die Macht ist abstrakt geworden.
Und dann ist da die Arbeit, die in keiner dieser Rechnungen auftaucht. Die Pflegerin in der Nachtschicht, die Erzieherin, der Haushalt, der kein eigenes Einkommen erzeugt. Diese Arbeit lässt sich nicht skalieren, nicht in Tokens übersetzen, nicht als Trophäe ins Regal stellen. Sie verlangt die Person. Sie schafft die Voraussetzungen, unter denen alles andere überhaupt laufen kann, und bleibt trotzdem unsichtbar. Dass ausgerechnet die knappe Handarbeit plötzlich wieder als Luxus gilt, während die Fürsorge am Boden bleibt, ist vielleicht der unbequemste Befund des ganzen Buchs.
Bleibt der Widerspruch, um den ich mich nicht herumschreiben will. Ich habe dieses Buch mit genau den Werkzeugen geschrieben, die ich darin beschreibe. Recherche, Übertragung, Prüfung der Thesen in einem Tempo, das vor kurzem noch völlig undenkbar gewesen wäre. Das geht nur, weil mir die Mittel dafür zur Verfügung stehen. Ich schaue also nicht von außen auf die Token Class. Ich sitze, zumindest mit einem Bein, mittendrin und schaue mir selbst beim Zuschauen zu. Man könnte das für eine Schwäche des Buchs halten. Ich halte es für seinen ehrlichsten Teil.
Das Buch erscheint demnächst bei Amazon. Bei Tolino soll es ebenfalls erhältlich sein, sobald sich dort der krankheitsbedingte Bearbeitungsstau gelöst hat. Auch eine Form von Arbeit, die sich offenkundig nicht skalieren lässt.
Unten gibt es Kapitel 5 als Leseprobe. Es heißt «Zuschauen als Statussymbol» und beginnt in einem Wartezimmer, in dem niemand zu warten scheint.
Und Matze Hielscher und Hanno Sauer schulde ich wohl einen Dank. Für einen Nebensatz, den sie vermutlich längst vergessen haben.
Leseprobe: Kapitel 5 – Zuschauen als Statussymbol
Am Nachmittag saß ich in einem Wartezimmer, in dem niemand zu warten schien. Die Leute hatten ihre Geräte vor sich, aber die meisten tippten nicht. Sie schauten zu, wie etwas anderes tippte. Ein Mann neben mir ließ ein Modell eine E-Mail formulieren, die er dann mit einem Nicken freigab. Eine Frau gegenüber ließ eine Kette von Bildern entstehen und wählte aus, ohne selbst zu zeichnen. Es war keine Langeweile. Es war die sichtbare Abwesenheit der eigenen Hand. Niemand musste mehr dastehen, um etwas zu erzeugen, das früher Stunden gekostet hätte. Die Abwesenheit war das, was man sah.
Wenn die geldliche Nachahmung nicht durch andere Kräfte gestört würde, wäre ihre unmittelbare Wirkung, die Menschen fleißig und sparsam zu machen. Bei den unteren Klassen, deren gewöhnliches Mittel des Erwerbs die produktive Arbeit ist, folgt das in gewissem Maße. Diese Klassen können der Arbeit nicht ausweichen, und der Makel der Arbeit ist ihnen innerhalb ihrer Klasse nicht besonders abträglich. Da Arbeit ihre anerkannte Lebensweise ist, nehmen sie sogar einen gewissen Stolz auf eine Reputation der Effizienz in ihrer Arbeit. Für diejenigen, denen Erwerb und Nachahmung nur im Feld der produktiven Effizienz und der Sparsamkeit möglich sind, arbeitet der Kampf um geldliche Reputation in gewissem Maße auf eine Steigerung von Fleiß und Sparsamkeit hin.
Anders verhält es sich mit der überlegenen Klasse. Auch für sie fehlt der Anreiz zu Fleiß und Sparsamkeit nicht. Doch seine Wirkung wird so stark durch die sekundären Forderungen der geldlichen Nachahmung eingeschränkt, dass jede Neigung in dieser Richtung praktisch überwältigt wird. Die zwingendste dieser sekundären Forderungen ist das Gebot der Enthaltung von produktiver Arbeit. Das gilt besonders für die barbarische Stufe der Kultur. Während der räuberischen Kultur wird die Arbeit in den Denkgewohnheiten der Menschen mit Schwäche und Unterwerfung unter einen Herrn assoziiert. Sie ist daher ein Zeichen der Unterlegenheit und gilt als eines Mannes in seiner besten Verfassung unwürdig. Kraft dieser Tradition wird Arbeit als erniedrigend empfunden, und diese Tradition ist nie ausgestorben.
Heute ist die produktive Arbeit, von der man sich enthält, nicht mehr allein die der Fabrik oder des Feldes. Sie ist die Arbeit, die sich nicht in Tokens verwandeln lässt und die die eigene Anwesenheit verlangt. Die Token Class enthält sich ihrer. Ihr Status liegt darin, dass Modelle und Ergebnisse weiterlaufen, ohne dass sie selbst noch die Hand heben muss. Die sichtbare Abwesenheit der eigenen Arbeit ist das, was man sieht. Die Care-Arbeit der Pflegerin oder der Erzieherin bleibt dabei die Arbeit, die sich nicht enthalten lässt. Sie verlangt die Person. Sie lässt sich nicht als auffällige Muße darstellen.
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Am Abend stand ich in einer Küche, in der ein Gerät die Schritte der Zubereitung übernommen hatte. Es wog, rührte, erhitzte, ohne dass jemand die Hand dauernd am Topf halten musste. Die Person, die davor stand, schaute zu. Sie hatte die Zutaten gewogen, die Reihenfolge gewählt, das Gerät gefüllt. Sie würde danach abwischen, servieren, die Reste wegräumen. Das Gerät hatte Arbeit abgenommen. Es hatte die Person nicht aus der Fürsorge, der Planung und dem Aufräumen gelöst. Die Anwesenheit blieb verlangt. Die Exemption blieb unvollständig. Was sich hier automatisieren ließ, war der Schritt, nicht die Beziehung. Die Muße, die man zeigen konnte, war begrenzt. Man konnte zuschauen, wie das Gerät arbeitete, aber man konnte nicht ganz weggehen, ohne dass die Arbeit unfertig blieb.
Die auffällige Muße ist der sichtbare Beweis der Exemption von der Arbeit, die die eigene Anwesenheit verlangt. Sie ist der Beweis des Besitzes, der weiterläuft. In der barbarischen Kultur war sie der Beweis der Exemption von der industriellen Arbeit. Heute ist sie der Beweis der Exemption von der nicht skalierbaren Arbeit. Die Manieren, die Formen des Anstands, die «gute Erziehung» dienen demselben Zweck. Sie sind Ausdrücke des Status. Sie zeigen, dass man Zeit und Aufmerksamkeit für Dinge aufwenden kann, die keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Höflichkeit des Alltags enthält Elemente der Rücksicht. Doch der Code der Anstandsformen ist Ausdruck des Status. Unser Verhalten gegenüber Untergebenen und Abhängigen ist das Verhalten des Überlegenen in einer Statusbeziehung. Unser Verhalten gegenüber Gleichen und Höheren drückt eine mehr oder weniger konventionelle Haltung der Unterordnung aus. Die selbstsichere Präsenz des wohlhabenden Mannes oder der Frau bezeugt so viel Dominanz und Unabhängigkeit von den wirtschaftlichen Umständen.
Im Zeitalter der Tokens findet diese Präsenz ihren Ausdruck darin, dass man nicht selbst tippen muss. Dass man zuschauen kann, wie etwas anderes erzeugt. Die auffällige Muße ist nicht mehr nur die sichtbare Abwesenheit von körperlicher Arbeit. Sie ist die sichtbare Abwesenheit der eigenen Hand bei dem, was früher die eigene Hand verlangt hätte. Was sich nicht automatisieren lässt, bleibt die Arbeit, die man nicht auffällig meiden kann. Und die Nachahmung verlangt weiterhin, dass man sie meidet, soweit es geht. Die Muße hat die Form gewechselt. Sie ist das Zusehen, wie etwas anderes arbeitet.
Die Chefetagen-Fassung
1️⃣ Klasse zeigt sich heute im Zuschauen.
Wer Macht hat, lässt andere arbeiten – und sich bedienen. Früher trug man Seide, heute tippt man nicht mal mehr selbst. Der Status liegt nicht im Tun, sondern im Delegieren. Die Token Class inszeniert ihre Freiheit durch Abwesenheit.
2️⃣ Reichtum trägt kein Logo mehr.
Die Serverfarmen der Mächtigen brauchen keine Kutschen oder Korsetts. Macht ist abstrakt, unsichtbar – und trotzdem greifbar. Wer die Infrastruktur besitzt, muss seinen Reichtum nicht mehr am Körper tragen. Das graue T-Shirt ersetzt die Krone.
3️⃣ Care-Arbeit bleibt unsichtbar.
Pflege, Erziehung, Haushalt – diese Arbeit lässt sich nicht skalieren. Sie verlangt Anwesenheit, nicht Algorithmen. Während Handarbeit plötzlich Luxus ist, bleibt Fürsorge unsichtbar. Das ist der blinde Fleck der Token Class.
4️⃣ Automatisierung befreit nicht von Verantwortung.
Geräte übernehmen Schritte, aber nicht die Beziehung. Wer zuschaut, wie der Topf rührt, bleibt trotzdem gefragt. Echte Muße entsteht nur, wenn die Arbeit ganz verschwindet. Doch die meisten Jobs verlangen noch immer Präsenz.
5️⃣ Wer Tokens kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.
Erfolg heißt: Besitz der Infrastruktur. Fehler heißt: nur Konsument sein. Die Token Class schreibt die Regeln – während alle anderen zuschauen. Macht euch lieber zu Eigentümern als zu Zuschauern.
Dieser Text im CEO-Sprech (5 Regeln) wurde am 29.10.2026 mit mistral-large-latest erzeugt und eingefügt.
Häufige Fragen zum Artikel
Was ist Token Class und worauf basiert das Konzept?
Token Class ist ein Konzept, das Thorstein Veblens Theorie der Leisure Class aus dem Jahr 1899 auf die heutige Zeit mit KI-Modellen überträgt. Der Autor versucht, Veblens Begriffe durch die Gegenwart zu ziehen und zu untersuchen, wie sich die Definition von Status und Klasse durch Technologie verändert hat.
Wie unterscheidet sich der Status in der Token Class von traditionellem Wohlstand?
In der Token Class zeigt sich Status nicht mehr durch sichtbare Luxusgüter wie Kleidung oder Schmuck, sondern durch die Fähigkeit, Modelle und Rechenressourcen zu kontrollieren und zu nutzen. Die Controllerin, die mit KI-Tools arbeitet, genießt ein Gefühl der Befreiung von Handarbeit, aber dieser Status ist gemieteter Natur und nicht eigentümerisch.
Welche Arbeit bleibt nach Ansicht des Autors unsichtbar und kann nicht skaliert werden?
Care-Arbeit wie Pflege, Erziehung und Haushaltsarbeit lässt sich nicht in Tokens übersetzen und verlangt ständig die persönliche Anwesenheit. Diese Arbeit bleibt unsichtbar und schafft trotzdem die Voraussetzungen, unter denen alles andere überhaupt laufen kann.
Was ist das Paradoxon, das der Autor bei der Entstehung des Buchs beschreibt?
Der Autor hat das Buch mit denselben KI-Werkzeugen geschrieben, die er darin kritisiert. Er sitzt also selbst innerhalb der Token Class und schaut sich beim Zuschauen zu, was er als den ehrlichsten Teil des Buches betrachtet, nicht als eine Schwäche.
Wie zeigt sich Muße oder Freiheit von Arbeit in der Gegenwart?
In der Gegenwart liegt die auffällige Muße darin, dass man KI-Modellen zuschauen kann, wie sie arbeiten, ohne selbst die Hand zu heben. Die sichtbare Abwesenheit der eigenen Arbeit wird zum Statussymbol, unterscheidet sich aber von echter Befreiung, da Care-Arbeit sich nicht automatisieren lässt und weiterhin Anwesenheit verlangt.
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In der gegenwärtigen KI-Ökonomie hat sich die Unterscheidung zwischen 'Token-Besitzern' und 'Token-Nutzern' als neue Klassengrenze etabliert: Wer die Rechenzentren und Modelle kontrolliert, steht strukturell an einer fundamental anderen gesellschaftlichen Position als derjenige, der die Dienste lediglich im Abonnement nutzt, auch wenn sich beide beim Prompten gleich mächtig fühlen.
gilt · seit 29.10.2026
Care-Arbeit wie Pflege und Erziehung bleibt strukturell unsichtbar und statuslos, weil sie sich weder skalieren noch automatisieren noch als Trophäe darstellen lässt — obwohl sie die unverzichtbare Voraussetzung für alle anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse schafft.
gilt · seit 29.10.2026
Die äußere Bescheidenheit der neuen Technologieeigentümer — etwa das graue T-Shirt anstelle sichtbaren Reichtums — ist kein Gegenbeweis zu Veblens Statustheorie, sondern deren Weiterentwicklung: Wer Serverfarmen besitzt, muss Macht nicht mehr am Körper tragen, weil sie abstrakt geworden ist.
gilt · seit 29.10.2026
Das Konzept der 'auffälligen Muße' aus Thorstein Veblens 'The Theory of the Leisure Class' (1899) lässt sich auf die Gegenwart übertragen: Statussymbol ist heute nicht mehr die Abwesenheit körperlicher Arbeit, sondern die sichtbare Abwesenheit der eigenen Hand bei jeder Tätigkeit, die früher menschliche Arbeit verlangt hätte.
gilt · seit 29.10.2026
Dass handwerkliche Knappheit zunehmend als Luxusgut gilt, während Fürsorgearbeit gesellschaftlich und wirtschaftlich am Boden bleibt, ist ein zentraler und unbequemer Widerspruch der gegenwärtigen KI-Ökonomie.
gilt · seit 29.10.2026
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