Wie wir miteinander umgehen, ist gerade ein wahnsinnig aktuelles Thema. Man diskutiert darüber, ob Social Media für Kinder und Jugendliche verboten werden sollte – und ich finde, das ist eine vollkommen berechtigte Frage. Nicht, weil das Internet böse ist, sondern weil dort die Etikette täglich neu verhandelt wird, durch Trends, die meistens für Kopfschütteln sorgen, und durch eine Kurzlebigkeit der Aufmerksamkeit, die echten Gesprächen kaum noch Raum lässt. Was sich gehört und was nicht, ist im Netz eine Frage, die jede Generation neu verhandelt – meistens ohne den nötigen Abstand dazu.
Ein guter Grund, sich ins Archiv zu begeben. Aus der Zeit des «Leben nach Maß»-Podcasts habe ich ein Gespräch der besonderen Art hervorgekramt. Eines, in dem es um Stil und Etikette ging – nicht in der trockenen Weise eines Benimmbuchs, das auf dem Bürotisch der eigenen Großmutter verstaubt, sondern lebendig, manchmal provokant und voller unerwünschter Ehrlichkeit. Unsere Gesprächspartnerin war Salomé Balthus. Eine Frau, die weiß, was sich gehört und was nicht. Und die das, was sie weiß, in einem Milieu gelernt hat, das die wenigsten bereit sind, ernst zu nehmen.
Salomé ist Kurtisane. Berliner Kurtisane, um genau zu sein – eine eigene Kategorie, irgendwo zwischen Weltläufigkeit und einer Direktheit, die einem kurz den Atem verschlägt. Sie schreibt auch Kolumnen, und wenn ich ehrlich bin, schreibt sie über Würde klarer als die meisten Leitartikler, die sich das Wort auf die Fahne geschrieben haben, ohne jemals nachgedacht zu haben, was es im Alltag bedeutet.
Faszinierend an der Verbindung von Etikette und Sexarbeit ist, dass die scheinbare Unvereinbarkeit bei genauerem Hinsehen ein Irrtum ist. Beide Welten sprechen über dasselbe: Respekt. Klarheit. Die Frage, wie wir einander eigentlich begegnen wollen.
Zeit kaufen, nicht Menschen
Es gibt dieses hartnäckige Klischee vom Kunden, der glaubt, mit dem Honorar auch die Verfügungsgewalt über einen Menschen zu erwerben. Ein Mann, der das Geld auf den Tisch legt und damit meint, alles gekauft zu haben. Salomé nennt das einen Irrtum, der ziemlich genau erklärt, warum manche Männer sich im privaten Leben und im Beruf gleichermaßen unmöglich benehmen. Wer nicht versteht, was er kauft, versteht auch nicht, wie er sich verhalten soll.
«Die Männer, die meine Dienstleistung bezahlen, haben ein sehr klares Bewusstsein davon, dass sie damit nicht mich kaufen, sondern eine Zeit mit mir. Diese Zeit gestalten und die Bedingungen bestimmen wir gemeinsam.» Das sagt Salomé Balthus, und ich finde, das ist eine der präzisesten Beschreibungen von dem, was wir eigentlich von jeder Begegnung wollen sollten: gegenseitige Übereinkunft, keine Rätsel, keine ungesprochenen Erwartungen, die einem später wie Schulden um die Ohren fliegen.
Indem die geschäftliche Basis vorab geklärt ist, entfällt das soziale Taktieren. Der Kunde begreift sich nicht als Besitzer, sondern als Gast in einem definierten Zeitraum. Diese Transparenz schützt die Würde beider Parteien auf eine Art, die in der sogenannten normalen Welt des Datings und der Beziehungen offenbar wahnsinnig schwer zu erreichen ist.
Die Chemie-Prüfung im Café
Ein wesentliches Element guter Etikette ist die Vermeidung von Gesichtsverlust. Salomé folgt dabei einer Regel, die Kniggeexperte Markus sofort unterschreiben würde: Die erste Begegnung findet niemals im privaten Raum statt. Stattdessen gibt es ein Café, eine Bar, einen halböffentlichen Puffer, in dem beide Seiten die Situation noch einmal prüfen können. Stimmt die Chemie? Kann ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen? Und wenn nicht, gibt es einen würdevollen Ausweg?
Das ist keine Schwäche, das ist Empathie in ihrer praktischsten Form. Dem Gegenüber einen Rückzugsweg offen zu halten, die Intimsphäre erst zu betreten, wenn die Sympathie bestätigt ist. Ich habe mich gefragt, wie viele unangenehme Situationen im Leben vermieden werden könnten, wenn wir dieses Prinzip konsequent anwenden würden. Im Dating. Im Geschäftsleben. Überhaupt.
Die Kunst der Unauffälligkeit
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Adressatengerechtes Handeln – das ist Markus‘ Begriff dafür, dass Kleidung kein Selbstporträt ist, sondern eine Kommunikation. Und Salomé beschreibt dasselbe mit anderen Worten. Eine erstklassige Begleiterin erkennt man ironischerweise daran, dass man sie im Hotel nicht als solche erkennt. Ihr Ziel ist es, mit dem Raum zu verschmelzen, dem Kunden Diskretion und Sicherheit zu bieten. Das Kleine Schwarze als Werkzeug der Unauffälligkeit, nicht als Reizmittel.
Das ist vollkommen konsequent. Wer gut gekleidet ist, ohne aufzufallen, wer den Raum liest und sich anpasst, ohne sich aufzugeben, der beherrscht eine Kunst, die in unserer Welt der permanenten Selbstdarstellung nahezu ausgestorben ist. Der Instagram-Logik, die alles sichtbar machen will, steht die Klugheit des Unsichtbaren gegenüber. Ich tendiere dazu, letztere für die elegantere Lösung zu halten.
Vom Schenken und seinen Grenzen
Großzügigkeit im Moment ist schön. Ein guter Champagner, ein unerwartetes Dessert, die kulinarischen Vorlieben des Gegenübers gekannt und berücksichtigt zu haben. Das sind Gesten, die den Moment heben, ohne eine Spur zu hinterlassen. Problematisch wird es, wenn Geschenke darauf abzielen, ins Privatleben der anderen Person einzudringen. Wenn aus einem Mitbringsel ein Anspruch wird.
«Immer wenn ich denke, jemand will mir etwas schenken und damit mein Privatleben beeinflussen, nehme ich es freundlich an, aber ich vergesse es im Taxi.» Das sagt Salomé, und ich finde, das ist einer der stilvollsten Umgangsweisen mit einem Übergriff, die ich je gehört habe. Keine Szene, kein Vorwurf. Einfach das souveräne Bewusstsein, dass nicht alles, was angeboten wird, auch angenommen werden muss.
Der Schatten der Scham
Markus sagt: Der Umgang mit anderen beginnt zwingend beim Umgang mit sich selbst. Wer sich für seine Wünsche schämt, neigt dazu, diesen Hass auf das Gegenüber zu projizieren. Das ist keine moralische Aussage, das ist Beobachtung. Ich kenne das aus dem Agenturalltag, wenn Menschen, die innerlich zerrissen sind, nach außen aggressiv oder kleinlich werden. Die Sticheleien, das Ignorieren klarer Abmachungen, die plötzliche Feindseligkeit ohne erkennbaren Anlass. Das ist fast immer jemand, der einen Krieg mit sich selbst führt.
Sexarbeit ist seit 2002 legal in Deutschland, das Prostituiertenschutzgesetz hat 2015 noch einmal nachgezogen. Dennoch bleibt die soziale Ächtung. Und mit ihr die Scham des Konsumenten, die sich in Feindseligkeit verwandelt. Es ist eine bittere Ironie unserer Gesellschaft, dass gerade dort, wo menschliche Bedürfnisse am direktesten verhandelt werden, der Anstand am meisten vermisst wird.
Respektvoller Egoismus
Wahre Etikette ist kein starres Korsett. Das sagt Markus. Sie ist die Fähigkeit, das Gegenüber als ebenbürtiges Wesen mit eigenen Grenzen wahrzunehmen. Was wir von Salomé Balthus lernen können, ist die Kunst dessen, was ich «respektvollen Egoismus» nennen möchte: die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen, ohne die Autonomie des anderen zu verletzen. Klingt simpel. Ist es offenbar nicht.
Ich habe mich gefragt, warum uns ein würdevoller Umgang oft erst dann gelingt, wenn eine geschäftliche Übereinkunft uns von den sozialen Lasten der Erwartbarkeit befreit. Wenn klar ist, was auf dem Tisch liegt und was nicht. Wenn niemand mehr raten muss, was der andere eigentlich will. Dennoch bleibt die Frage, warum wir diese Klarheit so selten in die Bereiche unseres Lebens übersetzen, in denen kein Honorar fließt. Im privaten Dating, im Büro, bei Familienessen. Vielleicht sagt uns das einfach etwas Unangenehmes darüber, wie schlecht wir gelernt haben, ohne Geld klar zu reden.
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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen
Die im Sexarbeits-Kontext erzwungene Transparenz über Erwartungen und Grenzen schützt die Würde beider Parteien effektiver als die unausgesprochenen Erwartungen in konventionellen Beziehungen und Dating-Situationen.
gilt · seit 19.02.2026
Wer sich für eigene Wünsche schämt, projiziert diesen inneren Konflikt als Feindseligkeit oder Kleinlichkeit auf das Gegenüber – soziale Ächtung von Sexarbeit erzeugt so beim Konsumenten genau jenes respektlose Verhalten, das gesellschaftlich der Branche angelastet wird.
gilt · seit 19.02.2026
Unauffälligkeit und adressatengerechtes Auftreten – also das Anpassen an einen Raum, ohne sich aufzugeben – sind der Instagram-Logik permanenter Selbstdarstellung überlegen und stellen die elegantere Form sozialer Kompetenz dar.
gilt · seit 19.02.2026
Das Prinzip, erste Begegnungen in halböffentlichen Räumen stattfinden zu lassen, um beiden Seiten einen würdevollen Rückzug zu ermöglichen, ist auf Dating und Geschäftsleben übertragbar und würde viele unangenehme Situationen verhindern.
gilt · seit 19.02.2026
Die Unfähigkeit, ohne monetären Rahmen klar über Erwartungen und Grenzen zu kommunizieren, verweist auf ein grundlegendes Defizit im sozialen Umgang, das sich in Privatleben, Beruf und Familie zeigt.
gilt · seit 19.02.2026
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