LinkedIn ist das TikTok der Alten. Und wir merken es nicht mal.

Ein Mann in Business-Kleidung sitzt konzentriert an einem Schreibtisch in einem modernen Büro und starrt auf sein Smartphone. Im Hintergrund sind Social-Media-Symbole wie ein Like-Button, ein Herz, ein Kommentarfeld und ein Benutzerprofil an die Glaswand projiziert. Ein zweiter Mann im Anzug nutzt ebenfalls sein Handy. Auf dem Tisch liegen Visitenkarten, ein Notizbuch und ein Tablet mit geöffneten Social-Media-Apps. Die Szene symbolisiert die Abhängigkeit von Social Media im beruflichen Kontext und die Illusion von Produktivität.

Nach meinem Beitrag von gestern zum Thema Social Media Verbot für Kinder & Jugendliche habe ich einige Reaktionen gelesen und meinen Gedanken dazu weitergedacht.

Wir verbieten unseren Kindern TikTok. Oder wollen es. Oder diskutieren es zumindest mit der Ernsthaftigkeit von Menschen, die sich dabei vollkommen im Recht fühlen. Gleichzeitig sitzen wir selbst täglich auf einer Plattform, die sich mit beeindruckender Konsequenz in ein Paralleluniversum aus Selbstbeweihräucherung, Motivationspornografie und bezahlter Aufrichtigkeit verwandelt hat. LinkedIn. Das TikTok für Leute, die sich einreden, sie seien dabei aus beruflichen Gründen.

Ich habe mich gefragt, ob das nicht das eigentliche Thema ist.

Nehmen wir LinkedIn einmal ernst und schauen hin, was dort tatsächlich passiert. Da ist der Kollege, der um sieben Uhr morgens einen Post absetzt, in dem er erklärt, dass Scheitern das neue Gewinnen sei, garniert mit einem Selfie vor einem Konferenzraum. Da ist die Managerin, die ihren Urlaub mit «Ich lade meine Batterien auf, um danach wieder 110 Prozent zu geben» kommentiert, als sei das eine strategische Pressemitteilung. Da sind die sogenannten «Brand Influencer», die Firmen tatsächlich auf die Piste schicken, damit sie authentisch wirken. Firmen zahlen dafür. Echtes Geld. Für bezahlte Authentizität. Das ist die Kulturleistung, für die wir unsere Kinder von TikTok fernhalten wollen.

Das Argument lautet natürlich: LinkedIn sei anders. LinkedIn sei Business. Man pflege dort berufliche Kontakte, halte Netzwerke am Leben, positioniere sich im Markt. Das stimmt. Stimmt auch für TikTok, wenn man so will: Man pflegt dort soziale Kontakte, hält Netzwerke am Leben, positioniert sich in seiner Peer Group. Der Unterschied ist im Wesentlichen einer des Dresscodes.

Was passiert auf LinkedIn wirklich? Der Algorithmus belohnt Emotionen. Wer eine Geschichte über seinen krebskranken Vater erzählt und daran eine Lektion über Leadership knüpft, bekommt Reichweite. Wer sachlich über ein Thema informiert, verschwindet im Feed. Das ist kein Vorwurf, das ist Mechanik, die gleiche Mechanik, die TikTok antreibt, nur in Anzug und mit Visitenkarte. Dopamin ist Dopamin, ob das Kurzformat tanzende Teenager oder weinende Gründer zeigt.

Mir wurde irgendwann klar, dass wir uns als Gesellschaft eine bemerkenswerte Selbstlüge erlaubt haben. Wir haben Social Media in zwei Kategorien aufgeteilt: die ernsthafte, berufliche, legitime Nutzung und den verkommenen Zeitfresser für Leute ohne bessere Optionen. LinkedIn gehört zur ersten Kategorie. Deshalb darf man dort vier Stunden am Tag verbringen, ohne dass jemand fragt, ob das gesund ist. Deshalb gibt es keine Eltern, die sagen: «Kasten aus», wenn jemand zum dritten Mal am Tag seinen Feed checkt. Deshalb wird der Suchtmechanismus nicht einmal als solcher erkannt.

Und genau das ist das Problem mit unserer Vorbildfunktion.

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Wir können unseren Kindern nicht erklären, wie man gut mit Social Media umgeht, wenn wir selbst keinen blassen Schimmer haben, wie das aussehen soll. Wir haben uns lediglich eine Rechtfertigung gebastelt, warum unsere Form der Plattformabhängigkeit die akzeptable ist. Business. Netzwerk. Karriere. Das klingt erwachsener als «ich schaue mir lustige Videos an», hat aber mit gelingender Medienkompetenz ungefähr gleich viel zu tun.

Das Verbot für die Kinder ist also, wenn man ehrlich ist, auch ein Versuch, die eigene Hilflosigkeit zu kaschieren. Wir wissen nicht, wie wir wirklich gut mit diesen Plattformen umgehen. Wir wissen nicht, wann genug ist. Wir wissen nicht, wie man den Unterschied zwischen echtem Austausch und performativem Engagement erkennt. Wir haben das nie gelernt, weil es niemanden gab, der es uns hätte beibringen können. Wir waren die erste Generation, die sich damit arrangieren musste.

Aber anstatt das zuzugeben, zeigen wir auf die Kinder und ihre Plattformen.

Dabei wäre die eigentlich interessante Frage eine andere: Was würde es bedeuten, wirklich gut mit Social Media umzugehen? Nicht im Sinne von Reichweite und Algorithmus-Optimierung, sondern im Sinne eines gesunden, selbstbestimmten Verhältnisses zu Plattformen, die von Grund auf darauf ausgelegt sind, dass wir dieses Verhältnis nie wirklich entwickeln.

Ich habe keine abschließende Antwort darauf. Aber ich bin zunehmend sicher, dass sie nicht im Verbot liegt. Und noch sicherer bin ich, dass wir sie nicht finden werden, solange wir so tun, als sei LinkedIn etwas grundlegend anderes als das, was unsere Kinder auf ihren Bildschirmen machen.

«Kasten aus» würde für uns selbst anfangen müssen.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

LinkedIn nutzt dieselben algorithmischen Suchtmechanismen wie TikTok: Emotionale Inhalte werden mit Reichweite belohnt, sachliche Informationen verschwinden im Feed — der einzige Unterschied ist die berufliche Rahmung, nicht die psychologische Wirkung.

überholt  ·  seit 19.02.2026  bis 19.02.2026

Ersetzt durch: Die gesellschaftliche Unterscheidung zwischen 'legitimer beruflicher Nutzung' (LinkedIn) und 'verkommenem Zeitfresser' (TikTok) ist eine Selbstlüge, die den Suchtmechanismus von LinkedIn systematisch unsichtbar macht.

Erwachsene, die Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche fordern, kaschieren damit ihre eigene Hilflosigkeit im Umgang mit Plattformabhängigkeit, anstatt echte Medienkompetenz zu entwickeln oder vorzuleben.

präzisiert  ·  seit 19.02.2026  bis 19.02.2026

Präzisiert durch: Ein wirklich gesunder Umgang mit Social Media lässt sich nicht durch Verbote erreichen, sondern erfordert ein selbstbestimmtes Verhältnis zu Plattformen — das beginnt damit, dass Erwachsene dieses Verhältnis bei sich selbst entwickeln.

Ein wirklich gesunder Umgang mit Social Media lässt sich nicht durch Verbote erreichen, sondern erfordert ein selbstbestimmtes Verhältnis zu Plattformen — das beginnt damit, dass Erwachsene dieses Verhältnis bei sich selbst entwickeln.

gilt  ·  seit 19.02.2026

Die gesellschaftliche Unterscheidung zwischen 'legitimer beruflicher Nutzung' (LinkedIn) und 'verkommenem Zeitfresser' (TikTok) ist eine Selbstlüge, die den Suchtmechanismus von LinkedIn systematisch unsichtbar macht.

gilt  ·  seit 19.02.2026

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