Nüchtern betrachtet: Mia Gatows «Rausch und Klarheit»

Junge Frau sitzt an einem gedeckten Restauranttisch und schaut nachdenklich zur Seite. Sie trägt ein schwarzes trägerloses Oberteil, einen breiten Strass-Choker am Hals und einen Diamant-Ohrstecker. Die Hände sind vor der Brust verschränkt, am Handgelenk ein Armreif. Auf dem Tisch stehen ein Wasserglas und Besteck. Im Hintergrund rosa Blüten und dunkle Holzregale. Warmes, gedämpftes Licht

Manche Texte schreibt man besser nüchtern. Wer einen Beitrag so beginnt hat sicherlich ein Thema damit nicht nüchtern zu sein, so könnte die Vermutung sein, wenn es um die legalste Droge der Welt geht; den Alkohol. Er wurde von Udo Jürgens besungen und damit negativ konnotiert, dass der Teufel den Schnaps gemacht habe. Marius Müller Westernhagen machte ihn zum besten Freund. Die Beispiele für alkoholhaltige Drinks in Songs sind so mannigfaltig, man könnte eine eigene Bibliothek mit Songtexten einrichten. Alkohol ist also immer da. Wer, wie ich, im Vertrieb beruflich sozialisiert wurde hat Alkohol ebenfalls als einen sehr normalen Begleiter des beruflichen, als auch privaten Alltags erleben dürfen. Messen, Termine, Events und Firmenfeiern sind für Menschen mit der klaren Ausrichtung dem Alkohol lieber den Rücken zu zukehren ein schwieriges Umfeld.

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Texttyp
Rezension/Buchbesprechung
Besprochenes Werk / Thema
Rezension des Buches 'Rausch und Klarheit' von Mia Gatow, das sich mit Alkoholkonsum, Sucht und Nüchternheit aus persönlicher und gesellschaftspolitischer Perspektive auseinandersetzt.
Zentrales Argument
Mia Gatows Buch bricht mit dem klassischen Sucht-Narrativ des Tiefpunkts und argumentiert stattdessen, dass Nüchternheit ein rebellischer, gesellschaftspolitischer Akt ist, da eine kollektiv betäubte Gesellschaft strukturelle Veränderungen nicht hinterfragt. Das Werk zeigt überzeugend, wie geschickt wir uns selbst belügen, wenn nach außen hin alles funktioniert.
Kernthese
Nüchternheit ist ein rebellischer Akt, der es ermöglicht, gesellschaftliche Strukturen kritisch zu hinterfragen, statt sich durch Alkohol gefügig machen zu lassen.
Relevante Konzepte
SuchtNüchternheitAlkoholkonsumGenerationendynamikenFeminismusSober-Curious-Bewegunggesellschaftliche Betäubungblind spotsstrukturelle Gewalt
Empfohlen für
Leser interessiert an kritischer Selbstreflexion, Suchtthematik ohne moralisierenden Zeigefinger, Feminismus, gesellschaftspolitische Analyse
Einordnung durch den Autor
Literarische Rezension mit sozialwissenschaftlicher und gesellschaftskritischer Dimension; Selbsthilfediskurs und Frauenforschung
Verweise im Text
Mia Gatow'Rausch und Klarheit'Podcast 'SodaKlub' (Gatow/Döring)Sober-Curious-BewegungAnonyme AlkoholikerSex and the CitySpice Girls

Mit dem Eintritt in die Lebensphase ü50 habe ich begonnen mich intensiver mit meiner Gesundheit auseinanderzusetzen. Verstärkt durch die Gürtelrosenepisode rückte das Thema Gesundheit noch einmal stärker in den Fokus meines Interesses. Dass Alkohol und Gesundheit keine besonders guten Tinderpartner sind ist kein Geheimnis, aber Wein ist ein schöner Untermaler für genussvolle Momente, so erzählt es uns zumindest die von Dopamin getriggerte Nervenbahn zum Thema Glücksgefühl. Happy mögen wir sein, wenn wir trinken, aber eben nicht immer auf der Höhe.

Für mich ein Anlass das Buch «Rausch und Klarheit» von Mia Gatow zu lesen. Eine Empfehlung aus meiner Sicht für alle die sich mit dem Thema ohne den erhobenen Zeigefinger beschäftigen wollen und dabei auch noch den einen oder anderen Schmunzler erleben wollen.

Worum geht es also?

Mia Gatow, Jahrgang 1984, Berlinerin durch und durch, schreibt kein klassisches Beichtbuch über den Weg vom Trinken zur Abstinenz. Das wäre zu einfach, zu erwartbar. Sie schreibt über die Dynastien des Trinkens: Urgroßmutter, die ihren Alkohol im Klosterfrau Melissengeist versteckte, weil das gesellschaftlich akzeptiert war. Großmutter Martha, die Nachkriegsgeneration, für die ein ordentlicher Schluck zur Identität gehörte wie der Sonntagsbraten. Vater: klug, schreibbegabt, irgendwo zwischen Potenzial und Flasche verschwunden. Gatow wuchs also nicht im Ausnahmezustand auf, sondern in einem Milieu, in dem der Alkohol so selbstverständlich war wie das Besteck auf dem Tisch. Der Fisch im Wasser, der das Wasser nicht bemerkt, weil es ihn permanent umgibt.

Was mich an diesem Buch vollkommen überrascht hat ist die Art, wie Gatow mit dem vermeintlichen «Tiefpunkt»-Mythos aufräumt. In der klassischen Suchterzählung muss erst alles in Trümmer liegen. Job weg, Wohnung weg, Würde weg, bevor jemand aufhört. Gatow hat aufgehört, als sie nach außen hin funktionierte. Kleidergröße 36, Karriere, attraktiver Partner, Berliner Nachtleben als Barkeeperin kennengelernt und den Rausch mit Coolness und intellektueller Freiheit aufgeladen. Niemand hätte sie als «typische» Alkoholikerin bezeichnet. Eben darum ist das Buch so interessant, weil es zeigt wie geschickt wir uns selbst belügen, wenn der Spiegel noch erträglich aussieht.

Der Moment, in dem sie bei den Anonymen Alkoholikern sitzt und laut sagt: «Hi, ich bin Mia, ich bin Alkoholikerin», braucht offenbar keine große Vorgeschichte aus Katastrophen und Klinikaufenthalten. Manchmal reicht der tausendste Kater und die dunkle Wolke, die man irgendwann nicht mehr wegblinzeln kann.

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Themen: Rezension des Buches 'Rausch und Klarheit' von Mia Gatow, das sich mit Alkoholkonsum, Sucht und Nüchternheit aus persönlicher und gesellschaftspolitischer Perspektive auseinandersetzt., Sucht, Nüchternheit, Alkoholkonsum, Generationendynamiken, Feminismus, Sober-Curious-Bewegung, gesellschaftliche Betäubung, blind spots, strukturelle Gewalt, Nüchternheit ist ein rebellischer Akt, der es ermöglicht, gesellschaftliche Strukturen kritisch zu hinterfragen, statt sich durch Alkohol gefügig machen zu lassen., Leser interessiert an kritischer Selbstreflexion, Suchtthematik ohne moralisierenden Zeigefinger, Feminismus, gesellschaftspolitische Analyse, Literarische Rezension mit sozialwissenschaftlicher und gesellschaftskritischer Dimension; Selbsthilfediskurs und Frauenforschung

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Gatows eigentliche Provokation ist eine gesellschaftspolitische. Sie behauptet, dass Nüchternheit ein rebellischer Akt ist. Klingt zunächst wie eine dieser Thesen, die man auf Instagram zwischen Smoothie-Rezepten und Atemübungen findet. Aber sie meint das ernst und sie belegt es überzeugend: Eine Gesellschaft, die kollektiv betäubt ist, fragt nicht nach strukturellen Änderungen. Der Alkohol hält uns schön still, produktiv genug und gefühlt glücklich genug um nicht unbequem zu werden. Wer nüchtern wird, schaut plötzlich klarer hin, was um ihn herum passiert. Gatow nennt das selbst: Ihre «Bullshit-Toleranz» ist seit der Nüchternheit massiv gesunken. Das halte ich für eine der ehrlichsten Aussagen des ganzen Buches.

Für Frauen ihrer Generation fügt sie noch eine Schicht hinzu, die ich so noch nicht gelesen hatte. Der «Spice Girls- und Sex and the City-Feminismus» der Neunziger und Nullerjahre hat Frauen suggeriert, dass Gleichberechtigung bedeutet, genauso viel trinken zu dürfen wie Männer. Was für eine Falle. Am Ende tragen Frauen die volle berufliche Last, die emotionale Arbeit in Beziehungen und obendrauf noch das «Accessoire» Alkohol, der alles ein bisschen erträglicher machen soll.

Neben der schriftstellerischen Arbeit moderiert Mia Gatow übrigens gemeinsam mit Mika Döring den Podcast «SodaKlub», der sich als Plattform für die sogenannte «Sober-Curious»-Bewegung versteht. Nüchternheit als erstrebenswerter Zustand, nicht als Strafe. Wer das Buch gelesen hat versteht warum dieser Ansatz konsequent ist.

Ist «Rausch und Klarheit» perfekt? Nicht unbedingt. Manche Passagen entfalten eine Wortgewalt, die einem manchmal den Atem verschlägt, im positiven wie im weniger positiven Sinne. Aber das ist das Risiko jedes Textes der wirklich etwas will. Dass der Spiegel-Bestsellerstatus sich eingestellt hat zeigt, dass Gatow einen Nerv trifft, der offenbar bei vielen Leserinnen und Lesern sitzt.

Ich empfehle das Buch. Nicht weil ich demnächst aufhöre Wein zu trinken. Sondern weil ich finde, dass man sich mit Dingen beschäftigen sollte, die einem den eigenen blinden Fleck zeigen. Und weil Texte, die ohne erhobenen Zeigefinger auskommen, dabei aber nichts beschönigen, wahrhaftig selten sind.

Mia Gatow hat einen geschrieben.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Mia Gatows Buch «Rausch und Klarheit» zeigt überzeugend, dass problematischer Alkoholkonsum keinen klassischen gesellschaftlich sichtbaren Tiefpunkt erfordert, sondern auch bei nach außen funktionierenden Menschen existiert und erkannt werden kann.

gilt  ·  seit 02.03.2026

Alkohol erfüllt in modernen Gesellschaften eine systemstabilisierende Funktion, indem er kollektive Betäubung erzeugt und Menschen davon abhält, unbequeme Fragen nach strukturellen Veränderungen zu stellen — Nüchternheit ist deshalb ein politisch rebellischer Akt.

gilt  ·  seit 02.03.2026

Der feministische Mainstream der 1990er und 2000er Jahre, geprägt durch Kulturphänomene wie «Spice Girls» und «Sex and the City», hat Frauen in eine Falle geführt, indem er Gleichberechtigung mit dem Recht auf gleich hohen Alkoholkonsum wie Männer gleichsetzte.

gilt  ·  seit 02.03.2026

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