Das dritte Mal Passmann

Buchcover "Wie kann sie nur?" von Sophie Passmann mit großer dunkler Schrift auf gelbem Hintergrund, Verlag Kiepenheuer & …

Ich lese Sophie Passmann jetzt zum dritten Mal.

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Texttyp
Rezension / Literaturkritik
Besprochenes Werk / Thema
Analyse und Würdigung von Sophie Passmanns Buch 'Wie kann sie nur?' im Kontext ihrer bisherigen literarischen Arbeiten und ihrer konsistenten Haltung als Autorin.
Zentrales Argument
Passmann zeichnet sich durch ihre Fähigkeit aus, eine konsistente Haltung über mehrere Werke hinweg zu bewahren und dabei Widersprüche nicht zu verbergen, sondern sichtbar zu machen. Dies unterscheidet sie fundamental von anderen öffentlichen Personen, die ihre Selbstdarstellung bis zur Unkenntlichkeit kuratieren. Ihre ehrliche Selbstbetrachtung im Kontext gesellschaftlicher Beobachtung stellt ein aufwändiges literarisches Projekt dar, das in dieser Form bei Männern fehlt.
Kernthese
Sophie Passmann praktiziert eine Form der ehrlichen literarischen Selbstbetrachtung, die ihre inneren Widersprüche bewusst bewahrt, statt sie zu glätten, und dies macht sie zu einer singulären Stimme in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur.
Relevante Konzepte
SelbstbetrachtungHaltungWiderspruchGeschlechterforschungÖffentlichkeit und SichtbarkeitSchönheitsdruckSelbstporträt vs. Markenführungliterarische Authentizität
Empfohlen für
Literaturinteressierte, Leser:innen von Gegenwartsliteratur, Interessierte an Geschlechterstudien und Kulturkritik, akademisches Publikum
Einordnung durch den Autor
Deutsche Gegenwartsliteraturkritik, Kulturkritik, feministische Literaturwissenschaft, Medienreflexion
Verweise im Text
Sophie Passmann (Komplett GänsehautPick-me-GirlWie kann sie nur?)Dokumentation 'Barbara — Becoming Shirin David'MAC-Kampagnen

Das erste Mal war «Komplett Gänsehaut» — ein Buch, das mich zur Hälfte verloren hatte und das ich trotzdem zu Ende gelesen habe, weil Abschiedssex nun mal eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Das zweite Mal war «Pick-me-Girl», das ich nachher einer Freundin als Entwurf schickte und dafür zu Recht kritisiert wurde, weil ich mehr über Passmann geschrieben hatte als über das Buch — was im Grunde schon alles sagt über das eigentliche Problem dieser Autorin und gleichzeitig über ihre größte Stärke.

Jetzt also «Wie kann sie nur?». Und ich merke, dass ich diesmal nicht mehr damit anfange zu erklären, warum ich das überhaupt lese. Das habe ich schon zweimal gemacht. Es reicht.

Was mich an Passmann interessiert, ist nicht, was sie schreibt. Es ist, wie sie es schreibt — und wozu. Sie hat eine Haltung, die konsistent geblieben ist über Bücher, Auftritte und eine sich permanent wandelnde Öffentlichkeit hinweg, und sie versteht es offenkundig, diese Haltung nicht nur auszuhalten, sondern für sich nutzbar zu machen. Das ist seltener als es klingt. Die meisten Menschen die eine Haltung haben, werden irgendwann von ihr zerrieben. Passmann nicht. Sie macht daraus ein Buch.

In «Wie kann sie nur?» schreibt sie über Frauen im Internet, über Schönheitsdruck, über das tägliche Gericht, dem ausgeliefert ist, wer weiblich und sichtbar ist. Das Prinzip ist dasselbe wie immer: Ich beobachte mich dabei, wie die Welt mich beobachtet. Das ist keine neue Idee, aber sie macht es mit einer Schärfe, die ich ihr bei «Komplett Gänsehaut» noch nicht zugetraut hätte. Damals waren es Nazis im Weinladen und Pizzen mit Fior di Latte. Jetzt ist es echter Biss.

Der Kontrast, der mir dabei einfällt, ist eine Doku, die ungefähr zur selben Zeit erschienen ist: «Barbara — Becoming Shirin David». Auch eine Frau, die sich selbst beim Frauensein zuschaut. Aber dort ist die Selbstbetrachtung längst Produktionsmittel geworden, poliert bis zur Unkenntlichkeit, jede Unsicherheit kuratiert, jeder Widerspruch wegretuschiert. Das ist kein Selbstporträt — das ist Markenführung mit Kamerabegleitung.

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Themen: Analyse und Würdigung von Sophie Passmanns Buch 'Wie kann sie nur?' im Kontext ihrer bisherigen literarischen Arbeiten und ihrer konsistenten Haltung als Autorin., Selbstbetrachtung, Haltung, Widerspruch, Geschlechterforschung, Öffentlichkeit und Sichtbarkeit, Schönheitsdruck, Selbstporträt vs. Markenführung, literarische Authentizität, Sophie Passmann praktiziert eine Form der ehrlichen literarischen Selbstbetrachtung, die ihre inneren Widersprüche bewusst bewahrt, statt sie zu glätten, und dies macht sie zu einer singulären Stimme in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur., Literaturinteressierte, Leser:innen von Gegenwartsliteratur, Interessierte an Geschlechterstudien und Kulturkritik, akademisches Publikum, Deutsche Gegenwartsliteraturkritik, Kulturkritik, feministische Literaturwissenschaft, Medienreflexion

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Passmann macht das Gegenteil. Sie macht den Widerspruch sichtbar. Das MAC-Kampagnen-Gesicht, das gleichzeitig ein Buch über Schönheitszwang veröffentlicht — sie versteckt das nicht, sie schreibt darüber, mit der ihr eigenen spitzen Nüchternheit. Ob das reicht, um die Kritik zu entwaffnen, sei dahingestellt. Aber es ist ehrlicher als die Alternative.

Was mich wirklich beschäftigt — und das ist vielleicht die einzige Frage, die ich nach drei Büchern noch nicht beantwortet habe — ist folgende: Passmann schreibt über das, was sie denkt, was andere über sie denken. Das ist ein vollkommen legitimes, tatsächlich sehr aufwändiges literarisches Projekt. Aber es gibt die Gegenperspektive, die nirgends existiert: Wie würde dieses Buch klingen, wenn ein Mann dasselbe täte?

Nicht ein Mann, der über Frauen schreibt. Ein Mann, der aufschreibt, was er denkt, was andere Männer über ihn denken. Über den Druck, den Status zu halten. Über den Körper, der im Büro anders wahrgenommen wird als zuhause. Über die Kollegin, die ihn für entschieden hält, während er sich fragt, ob er heute das Falsche gesagt hat. Das gibt es nicht — jedenfalls nicht in dieser Form, nicht mit dieser Bereitschaft zur Blöße. Männer schreiben Selbsthilfe oder Humor, aber keine aufrichtige Innenschau dieser Art.

Ich weiß nicht, ob das ein Versäumnis ist oder ein Schutzreflex. Wahrscheinlich beides.

Was ich weiß: Sophie Passmann würde ein solches Buch lesen. Sehr genau. Und was sie dazu schreiben würde — das wäre dann vielleicht das interessantere Rezensionsformat, das dieser Debatte noch fehlt.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Männer schreiben keine aufrichtige Innenschau über den sozialen Druck, dem sie als Männer ausgesetzt sind — jedenfalls nicht in der Form, wie Frauen wie Sophie Passmann es tun —, was entweder ein kulturelles Versäumnis oder ein Schutzreflex ist.

gilt  ·  seit 15.03.2026

Sophie Passmanns literarische Qualität und thematische Schärfe haben sich von 'Komplett Gänsehaut' zu 'Wie kann sie nur?' deutlich weiterentwickelt.

gilt  ·  seit 15.03.2026

Sophie Passmanns zentrales literarisches Verfahren — die Selbstbeobachtung unter gesellschaftlicher Beobachtung — ist keine neue Idee, wird von ihr aber mit ungewöhnlicher Konsistenz und Schärfe über mehrere Werke hinweg durchgehalten.

gilt  ·  seit 15.03.2026

Sophie Passmann geht mit dem Widerspruch, als MAC-Werbegesicht gleichzeitig ein Buch über Schönheitszwang zu veröffentlichen, ehrlicher um als Selbstdarstellerinnen wie Shirin David, die Widersprüche kuratorisch glätten.

gilt  ·  seit 15.03.2026

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