Wenn die Liebe die hässliche Variante von sich selbst wird

Zwei Personen in einem Zimmer: Eine Frau in Unterwäsche und ein Mann in T-Shirt und Jeans stehen distanziert nebeneinander. Im Raum liegen eine zerrissene Maske, ein Smartphone und eine Sektflasche auf dem Tisch – eine visuelle Metapher für die Abgründe von Beziehungen, Sucht und den Verlust von Authentizität, wie sie auch im Kontext von Sexsucht thematisiert werden.

Über naked, Sexsucht, Co-Abhängigkeit und den unerwarteten Mut der ARD

Deutsche Serien können erfolgreich sein, wenn sie sich etwas trauen. Unfamiliar hat das bewiesen und schon vor einiger Zeit ging es in naked um ein ziemlich heißes Eisen. Sexsucht, Co-Abhängigkeit und warum aus Liebe plötzlich die hässliche Variante von Erotik daraus werden kann.

Ich habe mich gefragt, was mich eigentlich daran überrascht hat, dass eine ARD-Produktion das schafft, woran sich viele Streamingdienste mit deutlich größerem Budget die Zähne ausbeißen: nämlich eine wirklich unbequeme Geschichte so zu erzählen, dass man nach der ersten Folge nicht einfach weiterscrollen will, sondern innehält. Vielleicht liegt es daran, dass meine Erwartungen an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Sachen psychosexueller Tiefgang ungefähr so hoch angesetzt waren wie die Einschaltquoten um halb zwei nachts.

Luis und Marie lernen sich auf einer Kostümparty kennen, verfallen einander augenblicklich, und für einen Moment sieht das nach einer dieser Geschichten aus, die man schon kennt: Begehren, großes Gefühl, unvermeidliches Happy End irgendwo zwischen dem vierten und sechsten Akt. Nur dass Luis sexsüchtig ist. Und dass Marie, gespielt von einer nahezu verstörend guten Svenja Jung, nicht einfach die verständnisvolle Partnerin gibt, die den Kranken retten will, sondern sich selbst verliert, auf eine Weise, die man Co-Abhängigkeit nennt und die, wenn man ehrlich ist, im deutschen Serienfernsehen bisher genauso sorgfältig gemieden wurde wie nackte Oberkörper vor dem Mittagsprogramm.

Drehbuchautorin Silke Eggert, die man vom Roadmovie 303 kennt, hat den Begriff der Co-Abhängigkeit bewusst gewählt, obwohl er unter Therapeuten nicht unumstritten ist. Die naheliegende Schwäche-Implikation greift die Serie auf und dreht sie um: Marie ist nicht schwach. Sie hat Ressourcen, Ausdauer, Empathie in einer Menge, die einem beinahe den Atem verschlägt. Nur dass all das in einer toxischen Dynamik landet, die gesunde Grenzen schlicht auflöst. Das ist präziser beobachtet, als mir das die meisten Serien zugetraut hätten, die das Wort «Sucht» im Klappentext tragen.

Noah Saavedra spielt Luis mit einer Intensität, die man wohl nur als «preisverdächtig» bezeichnen kann, ohne dabei ins Hyperbole abzugleiten. Svenja Jung kennt man übrigens auch aus Fall for Me, dem Netflix-Erotik-Thriller, den ich hier besprochen habe und der etwas weniger schmeichelhaft wegkam – was kein Vorwurf an sie ist, sondern an das Drehbuch. Dass dieselbe Schauspielerin in naked zeigt, was in ihr steckt, wenn das Material ihr etwas zutraut, ist dann auch die eigentliche Pointe. Beide Hauptdarsteller gehen mit ganzem Körpereinsatz in diese Geschichte hinein, und das meine ich nicht voyeuristisch gemeint. Ich meine, dass die expliziten Szenen hier nicht als Lockmittel funktionieren, sondern als erzählerisches Mittel, als Aussage über das, was Luis zur Sucht treibt und was Marie daran hält, obwohl sie längst ahnt, was er ihr nicht sagt. Regisseurin Bettina Oberli, die man bereits aus der ARD-Serie 37 Sekunden kennt, findet Bilder, die zwischen ungewohnter Direktheit und ästhetischer Andeutung pendeln, ohne je in Hochglanz-Scham zu kippen.

📢 Wollen Sie passende Werbung sehen?

Diese Werbung wird durch Google AdSense bereitgestellt und zum Thema dieses Artikels passend ausgewählt.

Werbung wird geladen …

Zum Thema bei Amazon

🔍 „toxische Beziehungen überwinden" auf Amazon suchen

* Affiliate-Link. Bei einem Kauf erhalte ich eine kleine Provision.

Und dann ist da noch Verena. Eine Frau aus Luis‘ Vergangenheit, die Anzeige wegen sexueller Nötigung erstattet. Und Marie, die eine klare feministische Haltung hat und sich trotzdem auf Luis‘ Seite stellt. Weil sie ihr frisch gefundenes, rauschhaftes Glück nicht verlieren will. Weil Co-Abhängigkeit sich nicht an Überzeugungen hält. Das ist der Moment, in dem naked aufhört, eine Serie über Sexsucht zu sein, und zu einer Serie über die Mechanismen des Selbstbetrugs wird. Die beste Freundin Lilith übernimmt den moralischen Kompass für das Publikum, sie benennt das Kind beim Namen, während Marie im emotionalen Schwebezustand bleibt. Das ist klug, weil es uns das Denken nicht abnimmt, sondern uns zwingt, beides gleichzeitig auszuhalten.

Ich finde es vollkommen bezeichnend, dass die ARD die Serie zunächst «in die Mediathek verbannen» wollte und der lineare Sendeplatz am 3. Oktober 2025 dann tatsächlich zu nachtschlafender Uhrzeit lag. Als müsste man dem eigenen Mut noch schnell eine Schlaftablette verabreichen, bevor er sich zu weit vorwagt. Das hat etwas von einem Restaurant, das sein bestes Gericht nur auf Anfrage serviert und ausdrücklich darauf hinweist, dass es nichts für jeden ist. Ich habe mich gefragt, ob das Feigheit ist oder Kalkül. Vermutlich beides, und das Ergebnis ist dasselbe.

Dennoch bleibt die Frage, ob naked tatsächlich einen Paradigmenwechsel markiert oder ob es das bleibt, was mutige Einzelstücke im deutschen Fernsehen immer waren: die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die taz nennt es «couragiertes und bestechendes Experiment». Das stimmt. Aber wäre es wirklich couragiert, wenn es kein Risiko trüge?

Was ich weiß: Wenn Svenja Jung und Noah Saavedra in der zweiten Episode endlich in die Abgründe dieser Beziehung hineingesogen werden, dann sitzt man da und hat vergessen, dass man ursprünglich nur mal kurz reinschauen wollte. Das ist, bei aller Theorie und Einordnung, das einzige Kriterium, das am Ende zählt.

Quellen & Belege:Referenzen
1. Sex, Sucht und Abhängigkeit: "Naked" enthüllt alles - Prisma, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://www.prisma.de/news/tv/Sex-Sucht-und-Abhaengigkeit-Naked-enthuellt-alles,53300736
2. ARD-Serie „Naked“: Ungewöhnlich komplexes Drama über Sexsucht | taz.de, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://taz.de/ARD-Serie-Naked-Ungewoehnlich-komplexes-Drama-ueber-Sexsucht/!6115312/
3. naked – fernsehserien.de, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://www.fernsehserien.de/naked-2025
4. REVIEW FILMFEST MÜNCHEN: „naked“ - SPOT media & film, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://the-spot-mediafilm.com/reviews/review-filmfest-muenchen-naked/
5. Naked (2025) - MUBI, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://mubi.com/de/us/films/naked-2025
6. Silke Eggert: ‚Nackt sein heißt verletzlich, aber auch stark' - Quotenmeter.de, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://www.quotenmeter.de/n/164911/silke-eggert-nackt-sein-heisst-verletzlich-aber-auch-stark
7. ARD-Serie "Naked": Radikal offen oder kalkuliert provokant? - Deutschlandfunk Kultur, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://www.deutschlandfunkkultur.de/naked-serie-ard-sexsucht-100.html
8. "Testo" kein Erfolg, DMAX-Survival-Abend hat es schwer - DWDL.de, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://www.dwdl.de/zahlenzentrale/96667/testo_kein_erfolg_dmaxsurvivalabend_hat_es_schwer
9. Kritiken für Serie naked - FILMSTARTS.de, Zugriff am Oktober 21, 2025, https://www.filmstarts.de/serien/1000001372/kritiken/
🕸️ Wissenskarte dieses Artikels
Artikel Kategorie Tag Konzept Plattform Verwandter Artikel Semantisch verwandt (KI)

Knoten sind verschiebbar · Hover für Details · Klick öffnet verlinkte Seite

🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

Die ARD-Serie 'naked' gelingt es, Sexsucht und Co-Abhängigkeit erzählerisch präziser und unbequemer darzustellen, als es den meisten deutschen Serienproduktionen mit deutlich größerem Budget gelingt.

gilt  ·  seit 20.02.2026

'naked' hört im Verlauf auf, eine Serie über Sexsucht zu sein, und wird zu einer Serie über die Mechanismen des Selbstbetrugs — exemplarisch daran, dass Maries feministische Überzeugungen ihre Co-Abhängigkeit nicht verhindern.

gilt  ·  seit 20.02.2026

Die expliziten Szenen in 'naked' funktionieren nicht als voyeuristisches Lockmittel, sondern als erzählerisches Mittel, das die Dynamik zwischen Sucht und Co-Abhängigkeit inhaltlich trägt.

gilt  ·  seit 20.02.2026

Die ARD hat mit der Programmierung von 'naked' zu nachtschlafender Sendezeit und der anfänglichen Verbannung in die Mediathek aus Feigheit und Kalkül zugleich dem eigenen Mut eine Schlaftablette verabreicht.

gilt  ·  seit 20.02.2026

Mutige Einzelstücke im deutschen Fernsehen bleiben strukturell Ausnahmen, die die Regel bestätigen, und markieren keinen echten Paradigmenwechsel.

gilt  ·  seit 20.02.2026

Jede These ist ein Knoten im Kontext-Graphen von meiersworld.de: mit Gültigkeit, Belegen und Nachfolger, falls sie revidiert wurde.