Darf man Dark Romance kritisieren? Und wenn ja: Wie?

Eine Person mit kurz geschnittenen, dunklen Haaren und einem T-Shirt mit floralem Muster steht in einem verwitterten Innenhof. Sie hält eine braune Papiertüte mit der Aufschrift ‚Denis’ Bücherbasar‘ und raucht eine Zigarette. Im Hintergrund sind alte Mauern, Wäscheleinen und Pflanzen zu sehen.

Hirnerweichende Sexschwarten und Schwiemelsexschwarten – so bezeichnet der Literaturkritiker Denis Scheck laut Berichten des Tagesspiegels und des Südkurier Dark-Romance-Werke. Besonders deutlich wird seine Haltung in seiner Besprechung von Briar Boleyns „Bloodwing Academy – On Wings of Blood“, die er als „typisches Beispiel für die hirnerweichende Enemies-to-Lovers-Dramaturgie – und für die grassierende neue Unterschichtenliteratur der Dark Romantasy“ bezeichnet.

Starker Tobak. Und bezeichnend für eine Haltung, die mehr über den Kritiker verrät als über das kritisierte Genre.

Jedes Genre in der Literatur muss mit Kritik leben können. Somit auch die Autoren dieses Genres. Hauptsächlich Frauen, die für Frauen über eher untypische Frauenthemen schreiben – so vielleicht die männliche Sicht von Altersgenossen meiner Generation. Zugegeben, ich dachte bis zur Frankfurter Buchmesse 2025 auch, dass es sich um irgendwas mit Vampiren und Romantik handelt. Da kann man sich täuschen.

Zurück zur Eingangsfrage: Darf man Dark Romance kritisch betrachten?

Man darf, denn es ist nicht alles Farbschnitt, was glänzt. In meinem Artikel Dark Romance, BookTok und der Wandel in der Buchbranche habe ich die positiven Aspekte von Dark Romance hervorgehoben, inklusive der Effekte auf den Arbeitsmarkt. Kritiker bezeichnen die Bücher dieser Kategorie als Zeitfresser. Das mag sein, aber das kann man über manchen Rosamunde-Pilcher-Roman auch sagen – oder man fährt nach Porthkerris und genießt den Tag.

Aber darf man von „grassierender neuer Unterschichtenliteratur“ sprechen?

„Grassierende neue Unterschichtenliteratur der Dark Romantasy“ – diese Formulierung Schecks im Tagesspiegel ist entlarvender, als er vermutlich beabsichtigt hat. Denn wer so formuliert, offenbart ein dreifaches Problem:

Erstens: Ein kulturelitäres Literaturverständnis, das Marktrelevanz und Leserbedürfnisse als Qualitätskriterien grundsätzlich ablehnt – während es gleichzeitig von genau diesem Markt alimentiert wird.

Unterschicht klingt erstmal nach bildungsfern und keine Kohle. Keine Kohle kann schon mal nicht stimmen, denn viele Dark-Romance-Bücher sind nicht gerade als günstige Literatur zu bezeichnen. Das besprochene Buch kostet 26 Euro – man sollte also von den finanziellen Ressourcen der angeblichen „Unterschicht“ jeden Monat einiges zurücklegen für Bücher. Hier würde ich sagen, hinkt der schecksche Vergleich. Mag aber sein, dass der Blick auf breite Schichten der Gesellschaft aus dem feudalen Sessel des GEZ-alimentierten Kritikerdaseins schon mal verlorengeht.

Unterschicht – das ist laut Feuilleton der Teil der Gesellschaft, der im Dschungel campt und beim Discounter seinen Weinkeller auffüllt. Eine Welt voller Klischees.

Zweitens: Die Unfähigkeit (oder Unwilligkeit), zu erkennen, dass sich die Definitions- und Kanonmacht längst verschoben hat. Die „Unterschicht“ ist heute die Mehrheit, die den Markt bestimmt – nicht mehr das Feuilleton.

Drittens: Und das ist das Interessanteste: Seine Formulierung verrät echte Bedrohungsgefühle. Man attackiert nur, was man als relevante Konkurrenz wahrnimmt. Das Wort „grassierend“ – als handle es sich um eine Seuche – ist besonders aufschlussreich.

Mein Fazit zur Fragestellung:

Selbstverständlich darf man Dark Romance kritisieren – aber bitte mit denselben Maßstäben, die man an andere Unterhaltungsliteratur anlegt. Niemand verlangt von einem Tatort literarischen Tiefgang. Warum dann von Dark Romance? Literatur, die Millionen von Leserinnen erreicht und begeistert, macht etwas richtig.

Nicht einverstanden bin ich mit abwertenden Zuschreibungen, die in doppelter Manier ein Genre und eine Bevölkerungsgruppe in eine Wechselbeziehung setzen, die als Ziel die Diffamierung beider hat.

Die eigentliche Frage ist: Warum sollten wir uns überhaupt noch mit der Meinung eines Literaturkritikers beschäftigen, dessen Geschäftsmodell darauf basiert, 95% des Buchmarkts als illegitim zu erklären?

Für Denis Scheck mögen Unterschicht und Dark Romance keine Relevanz haben, aber in der gesellschaftlichen Realität spielen Literaturkritiker eben keine große Rolle – sie haben eher eine untergeordnete Position im Lebensalltag. Das Feuilleton debattiert, ob Dark Romance Literatur ist. Dark-Romance-Leserinnen kaufen Bücher. Und Verlage? Die ziehen längst ihre Schlüsse.

So einfach ist das.

Quelle: Denis Scheck über die Top Ten der Romane: Hirnerweichende Sexschwarten, Tagesspiegel, https://www.tagesspiegel.de/kultur/denis-scheck-uber-die-top-ten-der-romane-hirnerweichende-sexschwarten-15232732.html


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Darf man Dark Romance kritisieren? Und wenn ja: Wie?

Hirnerweichende Sexschwarten und Schwiemelsexschwarten – so bezeichnet der Literaturkritiker Denis Scheck laut Berichten des Tagesspiegels und des Südkurier Dark-Romance-Werke. Besonders deutlich wird seine Haltung in seiner Besprechung von Briar Boleyns „Bloodwing Academy – On Wings of Blood“, die er als „typisches Beispiel für die hirnerweichende Enemies-to-Lovers-Dramaturgie – und für die grassierende neue Unterschichtenliteratur der Dark Romantasy“ bezeichnet.

Starker Tobak. Und bezeichnend für eine Haltung, die mehr über den Kritiker verrät als über das kritisierte Genre.

Jedes Genre in der Literatur muss mit Kritik leben können. Somit auch die Autoren dieses Genres. Hauptsächlich Frauen, die für Frauen über eher untypische Frauenthemen schreiben – so vielleicht die männliche Sicht von Altersgenossen meiner Generation. Zugegeben, ich dachte bis zur Frankfurter Buchmesse 2025 auch, dass es sich um irgendwas mit Vampiren und Romantik handelt. Da kann man sich täuschen.

Zurück zur Eingangsfrage: Darf man Dark Romance kritisch betrachten?

Man darf, denn es ist nicht alles Farbschnitt, was glänzt. In meinem Artikel Dark Romance, BookTok und der Wandel in der Buchbranche habe ich die positiven Aspekte von Dark Romance hervorgehoben, inklusive der Effekte auf den Arbeitsmarkt. Kritiker bezeichnen die Bücher dieser Kategorie als Zeitfresser. Das mag sein, aber das kann man über manchen Rosamunde-Pilcher-Roman auch sagen – oder man fährt nach Porthkerris und genießt den Tag.

Aber darf man von „grassierender neuer Unterschichtenliteratur“ sprechen?

„Grassierende neue Unterschichtenliteratur der Dark Romantasy“ – diese Formulierung Schecks im Tagesspiegel ist entlarvender, als er vermutlich beabsichtigt hat. Denn wer so formuliert, offenbart ein dreifaches Problem:

Erstens: Ein kulturelitäres Literaturverständnis, das Marktrelevanz und Leserbedürfnisse als Qualitätskriterien grundsätzlich ablehnt – während es gleichzeitig von genau diesem Markt alimentiert wird.

Unterschicht klingt erstmal nach bildungsfern und keine Kohle. Keine Kohle kann schon mal nicht stimmen, denn viele Dark-Romance-Bücher sind nicht gerade als günstige Literatur zu bezeichnen. Das besprochene Buch kostet 26 Euro – man sollte also von den finanziellen Ressourcen der angeblichen „Unterschicht“ jeden Monat einiges zurücklegen für Bücher. Hier würde ich sagen, hinkt der schecksche Vergleich. Mag aber sein, dass der Blick auf breite Schichten der Gesellschaft aus dem feudalen Sessel des GEZ-alimentierten Kritikerdaseins schon mal verlorengeht.

Unterschicht – das ist laut Feuilleton der Teil der Gesellschaft, der im Dschungel campt und beim Discounter seinen Weinkeller auffüllt. Eine Welt voller Klischees.

Zweitens: Die Unfähigkeit (oder Unwilligkeit), zu erkennen, dass sich die Definitions- und Kanonmacht längst verschoben hat. Die „Unterschicht“ ist heute die Mehrheit, die den Markt bestimmt – nicht mehr das Feuilleton.

Drittens: Und das ist das Interessanteste: Seine Formulierung verrät echte Bedrohungsgefühle. Man attackiert nur, was man als relevante Konkurrenz wahrnimmt. Das Wort „grassierend“ – als handle es sich um eine Seuche – ist besonders aufschlussreich.

Mein Fazit zur Fragestellung:

Selbstverständlich darf man Dark Romance kritisieren – aber bitte mit denselben Maßstäben, die man an andere Unterhaltungsliteratur anlegt. Niemand verlangt von einem Tatort literarischen Tiefgang. Warum dann von Dark Romance? Literatur, die Millionen von Leserinnen erreicht und begeistert, macht etwas richtig.

Nicht einverstanden bin ich mit abwertenden Zuschreibungen, die in doppelter Manier ein Genre und eine Bevölkerungsgruppe in eine Wechselbeziehung setzen, die als Ziel die Diffamierung beider hat.

Die eigentliche Frage ist: Warum sollten wir uns überhaupt noch mit der Meinung eines Literaturkritikers beschäftigen, dessen Geschäftsmodell darauf basiert, 95% des Buchmarkts als illegitim zu erklären?

Für Denis Scheck mögen Unterschicht und Dark Romance keine Relevanz haben, aber in der gesellschaftlichen Realität spielen Literaturkritiker eben keine große Rolle – sie haben eher eine untergeordnete Position im Lebensalltag. Das Feuilleton debattiert, ob Dark Romance Literatur ist. Dark-Romance-Leserinnen kaufen Bücher. Und Verlage? Die ziehen längst ihre Schlüsse.

So einfach ist das.

Bild: Adobe Stock und Digitalwerkstatt 44

Quellen & Belege:Denis Scheck über die Top Ten der Romane: Hirnerweichende Sexschwarten, Tagesspiegel, https://www.tagesspiegel.de/kultur/denis-scheck-uber-die-top-ten-der-romane-hirnerweichende-sexschwarten-15232732.html
Dark Romance, BookTok und der Wandel in der Buchbranche von Patrick Meier https://ignite-publishing.de/de/2026/dark-romance-wandel
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Denis Schecks Bezeichnung von Dark Romance als 'grassierende neue Unterschichtenliteratur' ist keine legitime Literaturkritik, sondern verrät ein kulturelitäres Weltbild, das breite Leserschichten pauschal diffamiert und dabei empirisch falsch liegt, da Dark-Romance-Bücher mit Preisen um 26 Euro keine günstige Massenware für einkommensschwache Schichten sind.

gilt  ·  seit 25.02.2026

Dark Romance darf und soll literarisch kritisiert werden, aber nur mit denselben Maßstäben, die an vergleichbare Unterhaltungsliteratur angelegt werden – ohne Sonderforderungen nach literarischem Tiefgang, die dem Genre nicht entsprechen.

gilt  ·  seit 25.02.2026

Die Definitions- und Kanonmacht über Literatur hat sich vom Feuilleton hin zum Massenmarkt und zu Plattformen wie BookTok verschoben, sodass klassische Literaturkritiker wie Denis Scheck im Alltag der Leserinnen nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.

gilt  ·  seit 25.02.2026

Wer ein populäres Genre mit Begriffen wie 'grassierend' – in der Konnotation einer Seuche – angreift, offenbart damit implizit, dass er dieses Genre als ernsthafte kulturelle Konkurrenz wahrnimmt und sich davon bedroht fühlt.

gilt  ·  seit 25.02.2026

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