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Der Atem der Stadt
By herr meier ⋅ 14. Januar 2013 ⋅ Post a comment
Filed Under bahn, frankfurt, geruch, mitmenschen, öpnv, stadt
Heute in der U-Bahn habe ich mich ernsthaft gefragt was eigentlich am Leben in der Stadt so toll ist, eine fast schon elementare Frage für mich, denn ich liebe es in Frankfurt zu leben. Was ist passiert?
Auf der Heimfahrt suchte ich mir ein nettes Plätzchen, irgendwo an einem Platz wo normale Mitfahrer sitzen, als ÖPNV-Vielreisender sind mir bestimmte Typen als Mitreisende und ihre Begleiterscheinungen durchaus bekannt und eine offenherzige Vermeidungsstrategie schadet nichts.
Die offenherzigste aller Vermeidungsstrategien ist die Nutzung des eigenen Autos, was zu einer Verstopfung der Straßen und zu einer vollgeparkten Stadt führt, was für mich keine Lösung darstellt (eine Lösung ist die Senkung von Fahrpreisen).
Eine der besten Strategien für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist die Kombination aus dem geschulten Auge und der geruchserprobten Nase, so wie ein dritter Sinn für das Lesen von Gesichtszügen der Mitfahrer.
Die angenehmste Variante sind in der Regel Normalos(!) wie ich es selber bin. Normale Kleidung, müder Blick vom Powerpointgucken und irgendwas in der Hand (Buch, Zeitung, Magazin oder Smartphone). Wenn in einer solchen Sitzgruppierung noch ein Plätzchen frei ist, dann gilt es sich todesmutig durch die Masse hindurchzukämpfen und sich müde nickend fallen zu lassen. Mit etwas Glück ist man selber der erste aus der Gruppierung der sich wieder erhebt, ist man es nicht, dann besteht die Gefahr das sich einer der Personen aus der „unerwünschten“ Gruppe den freien Platz unter den „oftmals“ schwarzfahrenden Nagel reißt.
Zu dieser Gruppe gehören Leute die anstatt Lesematerial Flaschen in der Hand halten und die U-Bahn als Wärmestube nutzen. Anmerken möchte ich, dass es ich persönlich traurig finde, dass es Menschen gibt die in unserer Gesellschaft keinen anderen Platz finden als in einer U-Bahn um sich zu wärmen, während der Kanzlerkandidat der SPD sich über das Gehalt eines Bundeskanzlers aufregt und zwei andere soziale Demokraten sich gerade als massive Vernichter von Steuergelden (aus dem Länderfinanzausgleich) betätigen und nicht den Anstand haben ihre Stühle fähigen Menschen zu überlassen! es immer noch genügend Überfluß der verschiedensten Art in unserer Gesellschaft gibt.
Ebenso unschön sind Menschen mit Störungen jeglicher Art die zu einer großen Stadt dazugehören, wie das Treibholz zu einem Fluß, im Endeffekt sind sie, im übertragenen Sinne, nichts anderes. Sie werden von den Menschen in einer Stadt von einem Ort zum Nächsten getrieben, weil es vielen so geht wie mir; wir empfinden diese Menschen als störenden Faktor und hoffen inständig, dass uns ein solches Schicksal erspart bleibt & blättern dann weiter im Spiegel.
Ein weitere Typus ist nicht wegen seines Geruchs oder seines ständigen vor sich hin Blubberns störend, sondern wegen der Lautstärke in der diese Person Musik hört und/oder einer dritten Person von seinem Durchfall, seinen Schulden, der durchzechten Nacht oder einfach von seiner tagtäglichen Blödheit erzählt. Die unaufgeforderte Teilnahme am Leben eines Unbekannten gehört, aus meiner Sicht, mit zu den unangenehmsten Dingen die einem im öffentlichen Transportraum aufgedrängt werden.
Das Leben in vollen Zügen gehört zur Stadt wie die Freiheit des nicht sofort erkannt Werdens, falls man sich selber einmal aus diversen Gründen in eine der beschriebenen Personen verwandelt, oder in einer Gruppe wahnsinnig lustiger Menschen meint eine ganze U-Bahn mit seinem mittelprächtigen Talent als Alleinunterhalter beglücken zu müssen. Zum Leben in vollen Zügen gehört aber, eben auch, der Atem der Stadt.
Mir ist er heute besonders aufgefallen als ich vom Hauptbahnhof Richtung Innenstadt gefahren bin und dann später von der Hauptwache meine Rückreise an die Auen der Nidda angetreten habe. Die Stadt im Untergrund stinkt, sie atmet den Geruch von mehrfach nicht geputzten Zähnen und einer Kombination aus Curry-Knoblauch-Zwiebel-Burger-Rülpser ein und aus. Verstärkt durch die Magenprobleme meines Gegenübers (Typ Bänker, welcher nicht mehr in der Lage gewesen ist seinen Mittagspausenrausch zu kontrollieren und damit zu einer Art SuperGau für Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln wurde) wurde mir dies hier und jetzt beschriebene besonders bewusst und ich musste selber an meiner Heimatstation erst einmal tief den oberirdischen Atem der Stadt durch meine Lungen gleiten lassen. Die Kombination aus kalter Pizza, Abgas und vor sich hin qualmenden Mülleimer machten es dann nicht wirklich besser.
Große Städte atmen eben, aber deshalb umziehen – Nein!
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Discussion
2 Responses to “Der Atem der Stadt”
Ein schöner Text zum Leben in der Stadt. Lediglich das SPD-Bashing will irgendwie nicht zum ganzen Rest des Textes passen, ein eigener Artikel dazu wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen. Dem “wir” in “wir empfinden diese Menschen als störenden Faktor” möchte ich gerne widersprechen, ich jedenfalls empfinde “solche” Menschen nicht als störenden Faktor.
Den leider generell recht weit verbreiteten Terminus “wir” statt “ich” um eine eigene Aussage/Meinung mit einer fiktiven Mehrheit mehr Bedeutung zu verleihen finde ich aber generell schon irgendwie immer unglücklich. Gedanken daran, dass “ein solches Schicksal erspart bleibt” kommen mir bekannt vor.
Posted by skFFM | 17. Januar 2013, 1:20 Reply to this comment
Hallo, erst einmal Danke für deine Meinung. Manchmal überkommt es mich eben und dann sind die Genossen einfach fällig. Diesen Passus habe ich noch einmal überdacht und anderweitig formuliert.
Ob ich wir oder ich schreibe hatte ich eine Weile überlegt, aber mich dann für das “wir” entschieden, weil ich mehr Menschen kenne die sich gestört fühlen und sogar aus diesem Grund lieber alleine in ihrem Auto zur Arbeit fahren. Das man sich gestört fühlen kann halte ich auch für legitim, auch wenn es schade ist.
Posted by herr meier | 17. Januar 2013, 7:18 Reply to this comment
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Das Leben in einer Großstadt wie Frankfurt am Main bringt unvermeidliche sensorische Zumutungen im öffentlichen Nahverkehr mit sich – von Körpergeruch über Lärm bis zu aufdringlicher Nähe –, gibt aber keinen hinreichenden Grund, die Stadt zu verlassen oder auf das Auto umzusteigen.
gilt · seit 14.01.2013
Die Anonymität der Großstadt – das Nicht-sofort-Erkannt-Werden – gehört ebenso zum städtischen Leben wie die Enge und der Geruch voller Züge und ist ein positiver Aspekt des urbanen Zusammenlebens.
gilt · seit 14.01.2013
Die massenhafte Nutzung des Privatautos als Ausweichstrategie gegenüber unangenehmen Mitfahrenden führt zu Straßenverstopfung und Flächenverlust und ist daher keine gesellschaftlich sinnvolle Lösung; eine Senkung der ÖPNV-Fahrpreise wäre zielführender.
gilt · seit 14.01.2013
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