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- Texttyp
- Newsletter-Essay
- Besprochenes Werk / Thema
- Resilienz im Kontext künstlicher Intelligenz und digitale Transformation
- Zentrales Argument
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Resilienz gegenüber KI bedeutet, auf Augenhöhe mit Technologie zu agieren und eigene Fähigkeiten bewusst zu trainieren
- Kernthese
- KI-Resilienz erfordert bewusste Delegation von Aufgaben, um weder Fähigkeiten noch existenzielle Sicherheit leichtfertig zu opfern
- Relevante Konzepte
- Empfohlen für
- Fachpublikum, Tech-interessierte, Kreativschaffende, digitale Professionelle
- Einordnung durch den Autor
- Kulturkritischer Essay mit technologie- und gesellschaftspolitischem Fokus
- Verweise im Text
- Entitäten
Liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zur 57. Ausgabe! Diese Woche geht es um ein Wort, das gerade überall auftaucht und das ich trotzdem für ziemlich unscharf verwendet halte: Resilienz. Und zwar konkret um die Frage, ob wir sie gegenüber künstlicher Intelligenz brauchen, oder ob wir nur wieder eine Debatte verwechseln, die wir schon einmal geführt haben.
Fünfeinhalb Minuten. Ein Topf Wasser, ein Ei, der Timer auf dem Handy. Kein Thermomix, keine Programmwahl, kein Signalton. Ich stehe daneben und warte, weil ich es kann.
Abhärtung ist nicht Resilienz
Als die ersten Thermomix Küchen entstanden, bekamen die Besitzer einen Satz zu hören, den ich bis heute für einen der dümmeren Vorwürfe der Küchengeschichte halte: «Man kann ja gar nicht mehr kochen, wenn man das Gerät benutzt.» Bei mir hat sich daraus keine Resilienz entwickelt, sondern schlicht eine Abhärtung gegen dieses eine Argument. Und das ist ein wichtiger Unterschied, den ich lange selbst nicht sauber gezogen habe.
Resilienz setzt voraus, dass etwas auf dem Spiel steht, das nach einer Störung wieder funktionieren muss. Beim Thermomix stand nichts auf dem Spiel außer der eigenen Eitelkeit. Wer kochen konnte, konnte es weiterhin, mit oder ohne Gerät. Die Kritik traf die Kaufentscheidung, nicht das Können. Dafür reicht eine dickere Haut. Man muss dafür nicht widerstandsfähiger werden, man muss nur aufhören zuzuhören.
Zwei Verwundbarkeiten
Bei künstlicher Intelligenz ist das anders, und genau deshalb greift der Vergleich mit dem Thermomix, obwohl er zunächst schief wirkt. KI reicht tiefer in unser Leben hinein als jedes Küchengerät. Sie sitzt nicht nur am Herd, sie sitzt am Schreibtisch, im Businessplan, im Bewerbungsgespräch. Und dort steht tatsächlich etwas auf dem Spiel.
Ich sehe zwei Verwundbarkeiten, die man nicht miteinander verwechseln sollte. Die erste betrifft unser eigenes Können. Wer wissenschaftlich schwierige Aufgaben regelmäßig an eine Maschine delegiert, trainiert einen Muskel ab, den er irgendwann vielleicht wieder braucht, genau in dem Moment, in dem die Maschine nicht zur Verfügung steht. Das ist keine neue Mechanik. Wer sich jahrelang auf ein Navigationsgerät verlässt, verlernt die Stadt zu lesen. Wer jede Rechnung dem Taschenrechner überlässt, verliert das Gefühl für Zahlen. Küche und Computer sind hier nur zwei Bühnen für dieselbe Aufführung.
Die zweite Verwundbarkeit ist unangenehmer, weil sie nicht das eigene Können betrifft, sondern den eigenen Platz. Wenn dieselben Aufgaben mit KI schneller und häufiger gelöst werden, braucht es irgendwann weniger Menschen, die sie lösen. Das ist keine Dystopie, das ist Betriebswirtschaft. Und es macht Resilienz zu einer Frage, die nicht mehr nur das eigene Selbstbild betrifft, sondern die eigene Existenz.
KI-Resilienz auf Augenhöhe
Deshalb brauchen wir tatsächlich eine KI-Resilienz, aber ich möchte den Begriff vor einem Missverständnis schützen. Es geht nicht darum, KI abzuwehren, so wie es beim Thermomix nie darum ging, das Gerät zu verteidigen. Es geht darum, auf Augenhöhe mit ihr agieren zu können, überlegt statt reflexhaft, mit dem klaren Bewusstsein, welche eigenen Fähigkeiten man dabei weiter trainiert und welche man gerade abgibt. Wer eine Aufgabe an die KI delegiert, sollte wissen, was er dafür eintauscht. Das ist der Kern von #GreenPrompting, nicht nur Energie sparen, sondern auch die eigene kognitive Substanz nicht leichtfertig verheizen, nur weil das nächste lustige Bildchen einen Klick entfernt ist.
Standhaftigkeit ist etwas anderes
Eine dritte Sache würde ich davon trennen, auch wenn sie in denselben Gesprächen auftaucht. Wer in der Verlagswelt aktuell den positiven Einsatz von KI ins Gespräch bringt, bekommt harte, manchmal unfaire Antworten. Dafür braucht es keine Resilienz im engen Sinn, dafür braucht es Standhaftigkeit. Das ist ein Muskel für die Debatte, nicht für das eigene Können. Beides zu vermischen macht die Diskussion weicher, nicht klarer.
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Die Resilienz des Robinson
Die Resilienz der Moderne ist am Ende die Resilienz eines Robinson. Nicht weil wir auf einer Insel stranden werden, sondern weil die eigentliche Frage lautet, ob wir noch handlungsfähig wären, wenn das Werkzeug morgen verschwindet. Robinson musste sein Wissen, seine Sinne und seine Fähigkeiten aus dem Nichts neu zusammensetzen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass wir sie nicht vorher verlernt haben.
Das Ei koche ich weiterhin selbst. Fünfeinhalb Minuten, ein Topf, keine Maschine. Nicht aus Prinzip. Zur Übung.
Lesestoff: Resilienz gegen das, was andere für einen für richtig halten
Zum Thema passt in dieser Woche kein Wein, sondern ein Roman: «Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben» von Anika Decker (dtv, Januar 2025, rund 464 Seiten, auch als Hörbuch mit Katja Riemann und Anna Maria Mühe).
Nina, fast fünfzig, geschieden, zieht nach der Trennung in eine kleine Wohnung im Wedding, während ihr Ex mit einer deutlich jüngeren Influencerin und gemeinsamen Zwillingen in der Grunewald-Villa bleibt. Auf einer Grillparty lernt sie den zwanzig Jahre jüngeren Koch David kennen, und ab da hat plötzlich jeder eine Meinung dazu, ob das funktionieren kann: die Familie, die Freunde, sie selbst. Genau darin liegt die Resilienz, um die es diese Woche geht, nicht gegenüber einer Maschine, sondern gegenüber dem, was andere für einen für richtig halten.
Decker, bekannt als Drehbuchautorin von «Keinohrhasen», packt daneben noch einen unsauber aufgearbeiteten MeToo-Skandal in Ninas Medienfirma, die alkoholkranke Mutter und die jüngere Schwester mit dem scheinbar perfekten Grunewald-Leben hinein. Das ist streckenweise mehr, als der Titel verspricht, und manche Leserinnen fühlen sich auf eine Liebesgeschichte eingestimmt, die zur Hälfte Familienaufstellung wird. Christine Westermann sah das milder: «Ganz leicht erzählt, aber nie leichthin.»
Kein literarischer Tiefgang, aber ein Buch mit Biss, das monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.
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Euer #digitalpaddy
Häufige Fragen zum Artikel
Was ist der Unterschied zwischen Resilienz und Abhärtung?
Resilienz setzt voraus, dass etwas auf dem Spiel steht, das nach einer Störung wieder funktionieren muss, während Abhärtung nur bedeutet, gegen Kritik eine dickere Haut zu entwickeln. Beim Thermomix-Beispiel stand nur die eigene Eitelkeit auf dem Spiel, nicht das tatsächliche Können – deshalb reichte eine dickere Haut aus, ohne echte Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.
Welche zwei Verwundbarkeiten entstehen durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz?
Die erste Verwundbarkeit betrifft das eigene Können: Wer Aufgaben regelmäßig an KI delegiert, trainiert wichtige Fähigkeiten ab, die man später möglicherweise wieder braucht. Die zweite, unangenehmer Verwundbarkeit betrifft den eigenen Platz: Wenn KI Aufgaben schneller und häufiger löst, braucht es irgendwann weniger Menschen, die diese Aufgaben ausführen.
Was versteht der Autor unter #GreenPrompting?
GreenPrompting bedeutet nicht nur Energie zu sparen, sondern auch bewusst mit der eigenen kognitiven Substanz umzugehen. Wer eine Aufgabe an KI delegiert, sollte wissen, was er dafür eintauscht und nicht leichtfertig seine Fähigkeiten verheizen, nur weil das nächste verfügbare Tool einen Klick entfernt ist.
Wie unterscheidet der Autor Resilienz von Standhaftigkeit?
Resilienz betrifft die eigene Handlungsfähigkeit und das Können, während Standhaftigkeit ein Muskel für die Debatte ist. Wer in der Verlagswelt positiven KI-Einsatz verteidigt, braucht Standhaftigkeit gegen harte Antworten – beides zu vermischen macht die Diskussion weicher, nicht klarer.
Was bedeutet für den Autor die Resilienz des Robinson?
Die moderne Resilienz ist die Fähigkeit, handlungsfähig zu sein, falls das Werkzeug morgen verschwindet – wie Robinson, der sein Wissen aus dem Nichts neu zusammensetzen musste. Praktisch bedeutet dies, dass wir dafür sorgen müssen, unsere Fähigkeiten und Sinne nicht vorher zu verlernen, etwa indem man ein Ei weiterhin selbst kocht – zur Übung, nicht aus Prinzip.
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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen
Resilienz gegenüber KI bedeutet nicht, KI abzuwehren, sondern auf Augenhöhe mit ihr zu agieren: mit dem klaren Bewusstsein, welche eigenen Fähigkeiten man beim Delegieren von Aufgaben an KI weiter trainiert und welche man abgibt.
gilt · seit 22.09.2026
Die regelmäßige Delegation kognitiv anspruchsvoller Aufgaben an KI führt zum Verlernen von Fähigkeiten, die in Momenten ohne verfügbare KI wieder benötigt werden könnten – analog zum Orientierungsverlust bei dauerhafter Nutzung von Navigationsgeräten.
gilt · seit 22.09.2026
KI erzeugt zwei qualitativ unterschiedliche Verwundbarkeiten: den Verlust eigener Fähigkeiten durch Delegation und den Verlust des eigenen Platzes am Arbeitsmarkt durch effizientere maschinelle Aufgabenlösung – beide dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
gilt · seit 22.09.2026
Standhaftigkeit im Diskurs – etwa beim Eintreten für KI-Einsatz in der Verlagsbranche gegen Widerstände – ist konzeptuell von Resilienz zu trennen, weil sie die Debattenfähigkeit betrifft, nicht die eigene Handlungskompetenz.
gilt · seit 22.09.2026
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