KI, Thermomix und Lesestoff: Vertrauen ist eine Währung

Mann schwebt entspannt im klaren Fluss, umgeben von Felsen und grüner Natur, Naturgewässer Badevergnügen

Während ich diesen Newsletter schreibe, sitze ich draußen gut beschirmt, denn es regnet. Die Sonne, die uns seit Tagen auf Trab gehalten, beziehungsweise in eine gewisse Lethargie hat verfallen lassen, ist weg. Endlich Regen.

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Texttyp
Newsletter/Kolumne
Besprochenes Werk / Thema
KI-Nutzung in der Autorschaft und Vertrauenskrise in der Medienbranche
Zentrales Argument
KI ermöglicht palliative Autorschaft ohne Grenzkosten, was Vertrauen als Währung gefährdet
Kernthese
KI hat nicht das Problem der oberflächlichen Autorschaft erfunden, sondern nur die letzte Reibung entfernt.
Relevante Konzepte
Palliative AutorschaftSocial ContractKIVertrauenswährungTechnikwandel
Empfohlen für
Autoren, Medienschaffende, Content-Creator, KI-Kritiker
Einordnung durch den Autor
Medien-/Gesellschaftskritik mit Fokus auf Technologie und journalistische Ethik
Verweise im Text
Arndt AschenbeckRyan LevesqueJohannes Sailler
Entitäten
Person: Arndt AschenbeckPerson: Ryan LevesquePerson: Jean-Jacques RousseauPerson: Johannes SaillerOrt: Hohen VennPerson: Jenny Block

Ich habe einen Pulli an, eine lange Hose, und trinke einen warmen Tee, alles Dinge, die viele von uns in den letzten Wochen kaum gebraucht haben. Tee und Kaffee, die trinkt man auch, wenn es warm ist. Aber den Pulli, den haben wir uns gespart, und die Hose ob lang oder kurz hatten hoffentlich alle an, und jetzt regnet es endlich.

Mit dem Regen ist auch der Brandgeruch aus der Luft verschwunden. Seit gestern wurde rund um Frankfurt gewarnt, dass man den Brandgeruch vom Hohen Venn wahrnehmen kann, von der Grenze zwischen Belgien und Deutschland, wo gerade ein großer Waldbrand sein Unwesen treibt. Mit dem Geruch eines Waldbrands in der Nase ist es ein bisschen wie mit der KI – auch sie steckt vielen gerade in der Nase (Da es um KI geht, habe ich einen Gedankenstrich eingebaut). Sie ist zu einem der bestimmenden Themen geworden, neben der heißen Sonne, der Dürre und den brennenden Wäldern, und sie heizt die Energie-Debatte kräftig mit an. Damit sind wir bei einem Wort, über das wir reden müssen: Wandel. Wir haben den Klimawandel, den Energiewandel, und wir haben einen Wandel im Umgang mit Technik. Technik war früher etwas für Ingenieure. Das hat sich geändert.

Ich sitze heute hier und tippe diesen Newsletter nicht einmal vollständig. Ich diktiere ihn zum Teil. Damit sind es meine Worte, die hier fließen, nicht die einer KI.

Das nur am Rande. Der Technikwandel ist für viele von uns so umfassend, dass er wirklich unheimlich ist. Technik bedeutet längst nicht mehr, dass wir schwere Maschinen bedienen. Schon mit dem iPhone hat sich vieles automatisiert, ohne dass wir es als Bedienung empfunden haben. Jetzt haben wir die KI, eine gefühlt übermenschliche Technik, die sich in alle Bereiche unseres Lebens hineinmanipuliert hat. Sie macht uns Angst, und weil sie uns Angst macht, ändern sich auch die Beziehungen: zwischen Mensch und Maschine, zwischen Verlegern und Autoren, zwischen Agenturen und Kunden, zwischen allen, die etwas «Kreatives» vorgelegt bekommen. Dazu hat Arndt Aschenbeck , der sich auf LinkedIn «Einzigartigkeits-Alchemist» nennt, einen sehr treffenden Beitrag geschrieben, über den ich heute sprechen möchte. Es wird diesmal weniger um den Thermomix gehen. Diesmal geht es mehr um KI.

Ein Vertrag, an dem der Algorithmus nicht beteiligt ist

Aschenbeck schreibt über einen «social contract» zwischen Autor und Leser, einen Begriff, den er von Ryan Levesque übernimmt und der ihn, wie mich, sofort an Rousseau erinnert, nur eben nicht zwischen Staat und Bürger, sondern zwischen Schreiber und Leser. Lange habe er, so Aschenbeck, diesen Vertrag nur aus der eigenen Perspektive gedacht: Habe ich selbst nachgedacht, kann ich für den Text einstehen, ist der Einsatz von KI beim Schreiben legitim. Jetzt fällt ihm auf, dass zu einem Vertrag mindestens zwei gehören, und dass der Leser etwas erwartet, das er bisher zu wenig bedacht hat: dass sich jemand mit einem Gedanken wirklich beschäftigt hat, bevor er ihn veröffentlicht.

Aschenbeck beschreibt Vertrauen als etwas, das zwischen zwei Menschen verhandelt wird. Autor und Leser, Sender und Empfänger, sauber wie ein Handschlag. Das ist charmant. Es ist auch zu klein gedacht. Vertrauen ist keine private Vereinbarung. Es ist eine Währung, und wie jede Währung funktioniert es nur, solange genug Menschen glauben, dass sie gedeckt ist. Wer einen unmarkierten KI-Text unter seinem Namen veröffentlicht, betrügt nicht nur die eine Leserin, die ihn gerade liest. Er bringt einen Schein in Umlauf, der aussieht wie echtes Geld, es aber nicht ist. Und jeder falsche Schein, der durchgeht, macht die Prüfung für den nächsten ein bisschen lockerer. Genau das, was in der Mediabranche mit gefälschtem Werbeinventar passiert, seit Jahren, in aller Öffentlichkeit, ohne dass es irgendjemanden ernsthaft zu stören scheint, solange die Reichweite stimmt.

Aschenbeck fragt sich, ob er KI vielleicht nur ablehnt, weil «alles selbst schreiben» besser zu seinem Selbstbild passt. Eine ehrliche Frage. Aber sie bleibt auf halbem Weg stehen. Die eigentlich unbequeme Frage ist nicht, ob wir zu KI stehen, wenn wir sie nutzen. Sie lautet, wie wenig wir selbst investieren müssen, damit ein Vertrag formal noch als eingehalten gilt.

Palliative Autorschaft

Ich kenne dieses Prinzip aus einem anderen Zusammenhang und habe ihm einmal einen Namen gegeben: palliative Kundenbetreuung. Ein Unternehmen hält einen Kunden, der sich nicht mehr lohnt, mit dem geringstmöglichen Aufwand bei Laune, gerade genug Reaktion, dass er nicht kündigt, aber niemals genug, dass es wehtut. Genau dieses Prinzip lässt sich eins zu eins auf das Schreiben übertragen. Palliative Autorschaft ist der Text, der genau so viel Gehirnschmalz zeigt, dass der Leser den Bruch nicht bemerkt, und keinen Deut mehr. Ein Prompt, eine Korrekturrunde, ein Blick auf die Überschrift, veröffentlicht.

Selbst der Thermomix kennt diese Unterscheidung nicht. Er kocht exakt das Rezept, das ich eingebe, nicht mehr und nicht weniger, und das ist auch gut so, denn von einer Küchenmaschine erwarte ich Präzision, keine Sorgfalt. Von einem Text unter meinem Namen erwarte ich beides.

Das Unangenehme daran ist, dass KI dieses Prinzip nicht erfunden hat. Sie hat nur die letzte Reibung entfernt, die uns bisher davon abhielt, es konsequent zu Ende zu denken. Ghostwriting gab es, bevor es Sprachmodelle gab. Content-Farmen, die für Suchmaschinen und nicht für Menschen schrieben, gab es, bevor «Prompt» ein Alltagswort wurde. Was sich ändert, ist nicht das Prinzip, sondern der Preis. Palliative Autorschaft hat plötzlich keine Grenzkosten mehr, und eine Ware ohne Grenzkosten wird immer im Übermaß produziert, das habe ich in der Werbebranche gelernt, lange bevor ich es in der Buchbranche wiedererkannt habe.

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Themen: KI-Nutzung in der Autorschaft und Vertrauenskrise in der Medienbranche, Palliative Autorschaft, Social Contract, KI, Vertrauenswährung, Technikwandel, KI hat nicht das Problem der oberflächlichen Autorschaft erfunden, sondern nur die letzte Reibung entfernt., Autoren, Medienschaffende, Content-Creator, KI-Kritiker, Medien-/Gesellschaftskritik mit Fokus auf Technologie und journalistische Ethik

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Der Regen, der heute den Brandgeruch aus der Luft gewaschen hat, macht das noch einmal deutlich. Rauch verzieht sich, sobald das Wetter kippt. Misstrauen tut das nicht. Es bleibt in der Luft hängen, lange nachdem die Sonne wieder scheint, und niemand schickt eine Warn-App, die uns sagt, wann ein Name wieder etwas wert ist.

Lesestoff

Passend zum Thema diese Woche: Johannes Sailler, langjähriger Korrektor unter anderem für den Duden-Verlag, hat mit «Korrekturlesen spezial: Die wunderbare Welt sprachlicher Missgeschicke» ein schmales Buch vorgelegt, gerade mal gut hundert Seiten, das genau die Aufmerksamkeit feiert, die palliative Autorschaft verweigert. Bildbrüche, Zeugmen, Malapropismen, jedes Kapitel ein kleiner Stolperstein der deutschen Sprache, belegt mit echten Beispielen aus Presse und Literatur.

Dr. Jenny Block hat das Buch für den VFLL besprochen, und ihre Rezension macht genau das vor, was Sailler predigt: Sie unterschreibt nicht einfach, sie prüft nach, widerspricht an einigen Stellen und lobt an anderen. Diese Reibung ist lesenswerter als jede Zusammenfassung, die ich hier liefern könnte.

Bis die Tage

Euer #digitalpaddy

Quellen & Belege:Bild: DTS Death to Stock

Häufige Fragen zum Artikel

Was versteht der Autor unter dem Begriff 'palliative Autorschaft'?

Palliative Autorschaft ist ein Text, der gerade so viel Aufwand zeigt, dass der Leser den Bruch nicht bemerkt, aber keinen Deut mehr investiert. Der Autor vergleicht dies mit palliativer Kundenbetreuung, bei der ein Unternehmen mit minimalem Aufwand einen Kunden bei Laune hält.

Wie unterscheidet sich der soziale Vertrag zwischen Autor und Leser nach Aschenbeck?

Aschenbeck beschreibt einen sozialen Vertrag, bei dem der Leser erwartet, dass sich jemand wirklich mit einem Gedanken beschäftigt hat, bevor er ihn veröffentlicht. Der Vertrag wird zwischen Autor und Leser verhandelt, ähnlich wie ein Handschlag zwischen zwei Menschen.

Welche Auswirkung hat KI auf die Produktion von palliativer Autorschaft?

KI hat nicht das Prinzip der palliativen Autorschaft erfunden, sondern die letzte Reibung entfernt, die uns davon abhielt, es konsequent zu Ende zu denken. Mit wegfallenden Grenzkosten wird eine Ware immer im Übermaß produziert.

Inwiefern ist Vertrauen wie eine Währung zu verstehen?

Vertrauen funktioniert wie eine Währung nur, solange genug Menschen glauben, dass sie gedeckt ist. Wer unmarkierte KI-Texte veröffentlicht, bringt Falschgeld in Umlauf, und jeder durchgehende falsche Schein macht die Prüfung für den nächsten lockerer.

Was war Ghostwriting und Content-Farming vor der KI-Ära?

Ghostwriting und Content-Farmen, die für Suchmaschinen statt für Menschen schrieben, gab es bereits bevor Sprachmodelle entstanden. Was sich durch KI ändert, ist nicht das Prinzip selbst, sondern der Preis dieser Praktiken.

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🧭 Thesen dieses Artikels — und wo sie heute stehen

'Palliative Autorschaft' – Texte, die gerade so viel Eigenleistung zeigen, dass Leser den Bruch nicht bemerken – ist die eigentliche Gefahr des KI-Einsatzes beim Schreiben, nicht der transparente Einsatz von KI als Werkzeug.

gilt  ·  seit 18.08.2026

Vertrauen zwischen Autoren und Lesern funktioniert nicht als private Vereinbarung zwischen zwei Personen, sondern als kollektive Währung: Jeder unmarkierte KI-Text unter einem menschlichen Namen entwertet das Vertrauen in Autorschaft insgesamt, nicht nur gegenüber dem einzelnen Leser.

gilt  ·  seit 18.08.2026

Künstliche Intelligenz hat das Prinzip der minimalen Eigenleistung beim Schreiben nicht erfunden, sondern lediglich die letzten Grenzkosten dafür auf null gesenkt – was zwangsläufig zur Massenproduktion inhaltlich leerer Texte führt.

gilt  ·  seit 18.08.2026

Misstrauen gegenüber Autoren und Medienmarken, das durch gefälschtes oder unmarkiertes Inhaltsinventar entsteht, löst sich nicht von selbst auf und hinterlässt dauerhaften Schaden – analog zu bekannten Betrugsmechanismen bei gefälschtem Werbeinventar in der Mediabranche.

gilt  ·  seit 18.08.2026

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