Actionfiguren-Selfies und verbrannte Milliarden: Die teuerste Prokrastination der Welt

Alt-Text: Eine Frau mit blondem Haar und schwarzer Sonnenbrille sitzt frontal an einem Schreibtisch vor Tastatur und Monitor. Hinter ihr zeigt der Bildschirm vor rosafarbenem Hintergrund eine graue Roboterfigur, die mit einem Smartphone ein Selfie von ihr macht. Auf dem Tisch liegt links ein Smartphone mit geöffnetem Social-Media-Feed. Durch ein großes Fenster im Hintergrund sind abstrahierte Hochhäuser in kühlen Grautönen zu sehen.

Ich sitze am Rechner und scrolle durch meine SocialMedia-Feeds. Zwischen den üblichen Selbstoptimierungsbekenntnissen und den Leuten, die gerade ihren dritten Karrierewechsel als „transformative Reise“ verkaufen, sehe ich sie überall: KI-generierte Bildchen. Menschen, die sich als Actionfigur haben rendern lassen. Als Renaissancegemälde. Als Anime-Charakter. Als Barbie. Als was auch immer gerade der nächste virale Trend vorgibt.

Und ich frage mich: Sind wir noch ganz bei Trost?

Nicht weil es nicht lustig wäre. Es ist lustig. Für ungefähr drei Sekunden. So lange, wie man braucht, um zu liken und weiterzuscrollen. Aber was danach bleibt, ist exakt nichts. Kein Mehrwert, kein Erkenntnisgewinn, keine Wertschöpfung. Nur ein kurzer dopaminhaltiger Atemzug im endlosen Strom der digitalen Selbstbespiegelung.

Wir haben mit der Künstlichen Intelligenz eines der mächtigsten Werkzeuge in die Hand bekommen, das die Menschheit je erschaffen hat. Und was machen wir damit? Wir verwandeln uns in Pixar-Figuren.

Das ist ungefähr so, als hätte jemand Gutenberg die Druckerpresse hingestellt und er hätte damit angefangen, Klopapier zu bedrucken.

Die volkswirtschaftliche Leerstelle

Kommen wir zurück auf das, was mich daran wirklich stört. Es geht nicht um Spaßbremsentum, und ich gönne jedem seine drei Sekunden Freude. Aber wir reden gerade wahnsinnig viel über Prokrastination in der Arbeitswelt, über Produktivität, über den Wirtschaftsstandort, über Effizienz. Gleichzeitig verbrennen Millionen Menschen täglich Rechenleistung, Energie und ihre eigene Lebenszeit, um Bildchen zu generieren, die am nächsten Tag vergessen sind.

Die Rechenzentren laufen nicht mit guten Absichten. Sie laufen mit Strom. Jeder Prompt, jede Bildgenerierung, jedes „mach mich mal als Wikinger“ verbraucht Energie. Echte Energie. Die Art von Energie, über deren Herkunft und Verbrauch wir in jedem anderen Zusammenhang sehr ernsthaft diskutieren.

Es gibt diesen wunderbaren Begriff: Green Prompting – der bewusste Umgang mit KI-Ressourcen. Die Idee, bewusst und ressourcenschonend mit KI umzugehen. Nachzudenken, bevor man den Generieren-Button drückt. Sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Bringt mir das etwas? Entsteht daraus irgendetwas, das über den Moment hinaus Bestand hat?

Die KI-Bildchen-Trends stehen dem diametral entgegen. Sie sind das Gegenteil von bewusstem Umgang mit Technologie. Sie sind digitale Einwegbecher. Hübsch für den einen Schluck, danach Müll.

Prokrastination mit Alibi

Und hier wird es richtig unangenehm, denn die Bildchen-Generierung tarnt sich als Beschäftigung mit Technologie. Man fühlt sich produktiv dabei. Man „nutzt KI“. Man ist „vorne mit dabei“. Man postet das Ergebnis und bekommt Likes dafür, was das Gefühl verstärkt, etwas Sinnvolles getan zu haben.

Dabei ist es die raffinierteste Form der Prokrastination, die uns je begegnet ist. Prokrastination Deluxe, sozusagen. Weil sie sich als Fortschritt verkleidet.

Früher haben wir prokrastiniert, indem wir den Schreibtisch aufgeräumt oder die dritte Tasse Kaffee geholt haben. Heute generieren wir mit beeindruckender Technologie beeindruckend sinnlose Bilder und nennen es „sich mit KI auseinandersetzen“. Das ist ungefähr so, als würde man eine Stunde im Porsche im Parkhaus im Kreis fahren und es „Fahrerlebnis“ nennen.

Was einen Unterschied machen würde

Nun bin ich keiner, der nur meckert, ohne Alternativen anzubieten. Also hier die unbequeme Wahrheit: Die gleiche Technologie, die unsere Gesichter in Actionfiguren verwandelt, kann tatsächlich Dinge von bleibendem Wert schaffen.

Eine Textanalyse, die einem Autor hilft, seinen Stil zu schärfen. Eine Recherche, die einem Journalisten Stunden an Bibliotheksarbeit spart. Ein Buchcover, das ein Selfpublisher sich sonst nicht hätte leisten können. Eine Übersetzung, die einen Text Lesern in einer anderen Sprache zugänglich macht. Eine Zusammenfassung, die ein komplexes Thema greifbar werden lässt.

All das verbraucht ebenfalls Tokens, ebenfalls Energie, ebenfalls Rechenzeit. Aber es stellt dem Verbrauch etwas entgegen. Einen Mehrwert. Eine Wertschöpfung. Etwas, das am Ende des Tages mehr ist als ein flüchtiges Lächeln und ein Like.

Volkswirtschaftlich betrachtet ist der Unterschied offensichtlich: Die eine Nutzung ist Konsum, die andere ist Investition. Die eine verpufft, die andere wirkt nach. Die eine erzeugt Müll, die andere erzeugt Wert.

Die eigentliche Frage

Mir wurde in den letzten Monaten immer klarer, dass es bei der ganzen KI-Debatte nicht um die Technologie geht. Es geht um uns. Um unsere Prioritäten. Um die Frage, ob wir ein Werkzeug, das nahezu alles kann, dafür nutzen, nahezu nichts zu tun.

Die Bildchen-Trends sind kein Problem der KI. Sie sind ein Symptom unserer kollektiven Unfähigkeit, mit mächtigen Werkzeugen verantwortungsvoll umzugehen. Wir hatten das gleiche Problem mit dem Internet, mit Social Media, mit dem Smartphone. Jedes Mal haben wir die Technologie erst einmal für den niedrigsten gemeinsamen Nenner benutzt, bevor wir langsam begriffen haben, was sie wirklich kann.

Vielleicht ist das der natürliche Lauf der Dinge. Vielleicht muss die Menschheit erst Millionen von Actionfiguren-Selfies generieren, bevor sie versteht, dass die eigentliche Kraft dieser Technologie woanders liegt.

Aber vielleicht könnte man den Prozess auch ein kleines bisschen beschleunigen. Indem man, bevor man den nächsten „Mach mich als mittelalterlicher Ritter“-Prompt eintippt, kurz innehält und sich fragt: Gibt es irgendetwas, das ich mit dieser unfassbaren Technologie tun könnte, das morgen noch relevant ist?

Eins weiß ich: Die Antwort darauf ist kein Bildchen.

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