Der Newsletter, der Küchentechnologie, künstliche Intelligenz und Genusskultur auf einzigartige Weise verbindet
Liebe Leserinnen und Leser,
diese Woche dreht sich alles um KI. Nur um KI. Denn der Thermomix mixt selbst auf Stufe 10 nicht so schnell, wie die künstliche Intelligenz gerade ganze Branchen durcheinanderwirbelt. Und die Branche, die es diese Woche erwischt hat, ist ausgerechnet die, aus der unser Lesestoff kommt: die Buchbranche.
200 Romane in acht Monaten. Eine Autorin. Null Schreibblockaden.
In der New York Times erschien kürzlich ein Artikel, der mich nicht losgelassen hat. Die südafrikanische Autorin Coral Hart, die zuvor unter verschiedenen Pseudonymen für Harlequin und Mills & Boon geschrieben hat, produzierte im vergangenen Jahr mehr als 200 Liebesromane mit Hilfe von KI. 21 verschiedene Pseudonyme. Dutzende Subgenres. Von düsteren Mafia-Romanzen bis zu süßen Teenager-Geschichten. Kollektiv verkauften sich die Bücher rund 50.000 Mal und bescherten ihr ein sechsstelliges Einkommen.
Während eines Interviews mit der Zeitung lief im Hintergrund ein KI-Programm, das aus ihren Prompts und einem Outline einen kompletten Roman über einen Farmer generierte, der sich in ein Stadtmädchen verliebt, das vor seiner Vergangenheit flieht. Dauer: etwa 45 Minuten.
45 Minuten für einen Roman. Ich brauche 45 Minuten, um mich zu entscheiden, ob ich mittags Pasta oder Reis koche.
Die Romanze als Frühwarnsystem
Dass es ausgerechnet die Liebesromane als Erstes trifft, ist kein Zufall. Immer wenn die Verlagsbranche von einem technologischen Wandel erschüttert wird, trifft es zuerst dieses Genre. E-Book-Abos, Self-Publishing, Social-Media-Marketing, Online-Serienveröffentlichungen: Die Romanze war bei allem die Vorhut. Das Genre macht laut Circana BookScan mehr als 20 Prozent aller Verkäufe von gedruckter Belletristik für Erwachsene aus und wächst weiter, während der Gesamtmarkt stagniert.
Und es ist aus genau den Gründen anfällig für KI, aus denen die Leser es lieben: vertraute Erzählformeln (die berühmten Tropes), die Garantie eines Happy Ends, beliebte Handlungsmotive wie „Feinde zu Liebhabern” oder „erzwungene Nähe”, die sich mühelos in einen Chatbot füttern lassen.
Das ist die Blaupause. Was heute bei Liebesromanen passiert, wird morgen bei Sachbüchern, übermorgen bei Ratgebern und nächste Woche bei Fachpublikationen ankommen. Die Romanze ist nicht das Problem. Sie ist das Symptom.
Die Erbsünde: Trainiert mit fremdem Geist
Andrew Rhomberg von Jellybooks hat in seinem Ausblick auf das Jahr 2026 für die Buchbranche zurecht die Erbsünde des ungefragten Trainings angesprochen:
„The use of copyrighted content without permission continues to be major issue in publishing. Some publishers, especially academic publishers, are aggressively seeking licensing deals, while others, especially authors are pursuing litigation. Lawsuits have not always gone in favour of litigants though. US judges have frequently rule that AI is transformative use protected under the us ‚fair use’ doctrine. Copyright specialists and lawyers will continue to make hay for years to come.”
Marie Force, eine Bestseller-Autorin, die keine KI nutzt, war erschüttert zu erfahren, dass mehr als 80 ihrer Romane zum Training von Anthropics Chatbot verwendet wurden. Sie nennt die KI-generierten Bücher „digitalen Schrott”, der das Ökosystem verstopft, auf das alle Autoren angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Ich verstehe diese Wut. Sie ist berechtigt. Aber ich frage mich, ob sie produktiv ist.
Zwischen Abenteuerlust und Sumpf
Persönlich sehe ich die Transformation der Buchbranche mit Staunen, denn bisher hat sich diese Branche nicht immer mit großer Freude neuen technischen Entwicklungen entgegengeworfen. Nun aber zeigt sich bei manchen Marktakteuren eine richtige Abenteuerlust. Ich glaube, diese Personen werden KI erfolgreich nutzen und für ihren Verlag eine gute Basis schaffen.
Die Mahner und Kritiker hingegen werden sich im Sumpf der Technikfeindlichkeit moralisch mit erhobenen Händen bis zum letzten Prompt, der sie nach unten zieht, warnen und gut fühlen. Aber sie werden weder für sich noch für Dritte etwas Positives zur Diskussion beitragen. Nur vollgestopfte Zeilen in Social Media, die von Angst und Hass erfüllt sind.
Das klingt hart. Ist es auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen berechtigter Kritik und reflexartigem Ablehnen. Wer Urheberrechtsverletzungen benennt, leistet wichtige Arbeit. Wer pauschal alles verteufelt, was aus einem Sprachmodell kommt, steht am Ende mit leeren Händen da, während andere die Spielregeln der neuen Welt schreiben.
Die KI kann keine Nähe. Noch nicht.
Was mich in dem NYT-Artikel am meisten beschäftigt hat, war nicht die Geschwindigkeit der Produktion. Es war das, was die KI nicht kann.
Sonia Rompoti, eine Psychologin aus Athen, die mit KI Liebesromane schreibt, brachte es auf den Punkt: „Die KI versteht die menschliche Erfahrung nicht. Sie wird dir auf biologische Weise sagen, was wohin gehört, aber sie wird keine Emotionen hinzufügen.”
Als „Plus-Size”-Frau wollte Rompoti kräftigere Heldinnen sehen, mit denen sie sich identifizieren konnte. Doch wann immer ihre Heldin Sienna in einer Szene auftauchte, thematisierte die KI ständig ihr Gewicht. Ein Stuhl ächzte, wenn sie sich setzte. In erotischen Szenen wurde die Figur zur Karikatur statt zum Menschen.
Rompoti musste diese Passagen selbst überarbeiten. Ihr Fazit: „Die Leute lesen keine Romanzen, um zu sehen, was Körper tun. Sie lesen sie, um sich gesehen zu fühlen.”
Da ist sie wieder, die Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch diesen Newsletter zieht: KI ist ein Werkzeug. Ein schnelles, mächtiges, manchmal verblüffendes Werkzeug. Aber die Seele, die Nuance, das Dazwischen, das muss von uns kommen.
Das zerlumpte Gebet: Wenn KI sich selbst entlarvt
Ein Detail aus dem Artikel hat mich besonders amüsiert. In mehreren KI-geschriebenen Romanen taucht eine eigentümliche Metapher auf: Im Rausch der Leidenschaft stößt der Held den Namen seiner Geliebten aus „like a ragged prayer”, wie ein zerlumptes Gebet.
Die Phrase erscheint bei verschiedenen Autorinnen, in verschiedenen Verlagen, in verschiedenen Subgenres. Manchmal ist es ein „zerlumptes Gebet”, manchmal ein „gebets-raues” Flüstern, manchmal ein „gezacktes Gebet”. Es ist der digitale Fingerabdruck, die Signatur der Maschine, die sich durch die vermeintlich menschlichen Texte zieht.
Wer regelmäßig mit Sprachmodellen arbeitet, kennt solche Lieblingsformulierungen. Mein persönlicher Favorit: das Wort „paradox”. Immer wenn den Modellen etwas merkwürdig vorkommt, wird es paradox. Die paradoxe Erkenntnis, die paradoxe Wahrheit, das paradoxe Dilemma. Ich weise Claude mittlerweile an, dieses Wort auf keinen Fall zu nutzen. Heute nicht, sonst stände es nicht hier. Denn Claude hilft mir bei der Justierung der Texte und schützt vor Wiederholungen in den Themen. Aber eben nur, wenn ich ihm sage, welche Wiederholungen ich meine. Das zerlumpte Gebet in den Liebesromanen und das allgegenwärtige Paradox in den Sachtexten zeigen dasselbe Problem: Wer sein Werkzeug nicht kennt, erkennt auch dessen Macken nicht.
Ich habe in der Ausgabe über das Imposter-Syndrom darüber gesprochen, dass Tool-Kompetenz eine eigene Fähigkeit ist. Hier zeigt sich die Kehrseite: Wer sein Werkzeug nicht versteht, produziert Einheitsbrei mit zerlumpten Gebeten. Und die Leser werden es merken. Vielleicht nicht beim ersten Buch. Aber beim dritten, fünften, zehnten.
Was bedeutet das für uns?
Die Buchbranche zeigt uns im Zeitraffer, was in vielen Branchen kommen wird. Die Fragen sind überall die gleichen: Wer profitiert? Wer verliert? Und wo liegt die Grenze zwischen sinnvollem Werkzeugeinsatz und industriellem Betrug am Leser, am Kunden, am Gegenüber?
Ich habe darauf keine abschließende Antwort. Aber ich habe eine Haltung: Wer KI nutzt, sollte es zugeben. Wer mit KI Geld verdient, sollte die Quellen respektieren, mit denen die Maschine trainiert wurde. Und wer behauptet, KI sei nur ein harmloser Assistent, der versteht nicht was es bedeutet, wenn eine einzelne Person 200 Bücher in einem Jahr veröffentlichen kann (schreiben nenne ich es jetzt nicht, weil das tippen hat die Maschine übernommen).
Lesestoff: Wenn es zu viel wird, hilft nur Nüchternheit
Wem das alles zu viel ist, dem empfehle ich zwei Dinge.
Erstens: mein kurzer Text zum Thema Sobersociety auf meiersworld.de. Darin geht es nicht um das Loblied auf den bewussten Verzicht, wie man vermuten könnte. Es geht um die Frage, ob die neue Nüchternheitsbewegung nicht nur eine weitere Bubble ist, die Likes mit Verbindung verwechselt. Eine Gesellschaft, die nur eine Meinung duldet: die eigene. Während der einsame Mann am Bistrotisch sitzt wie ein Relikt aus Hemingway-Tagen, kuratiert die Sobersociety ihren perfekten Instafeed und verwechselt seelenlose Mittäterbekundungen mit Gemeinschaft. Ob das so anders ist als eine Branche, die 200 KI-Romane im Jahr feiert und sich fragt, warum niemand mehr echte Nähe in den Büchern spürt, darf jeder für sich beantworten.
Zweitens: ein Glas Tempranillo 2023 vom Weingut Uli Metzger aus der Pfalz. Dunkelrote Farbe mit violetten Reflexen. Im Duft Waldbeeren, Pflaumen, Kräuter und Gewürze sowie Anklänge an Vanille. Am Gaumen vollmundig und saftig, mit Aromen von reifen dunklen Früchten, Gewürzen und Kräutern, Kokos- und Tabaknoten, geschmeidigem Tannin, harmonischer Säure und kraftvollem, rundem Abgang.
Ein Wein, der sich Zeit gelassen hat. Kein Prompt hat ihn in 45 Minuten erzeugt. Keine Maschine hat die Trauben gelesen. Und kein Algorithmus hat entschieden, wann er reif ist. Als Solist ein wahres Vergnügen, bei Tisch empfehlenswert zu dunklem Fleisch oder herzhaften Nudelgerichten.
Manchmal ist das Langsame das Bessere. Nicht weil es langsam ist. Sondern weil es echt ist.
In diesem Sinne: Lest bewusst, trinkt bewusst und nutzt eure KI bewusst.
Wie steht ihr zu KI-generierten Büchern? Würdet ihr sie lesen – oder ablehnen?
Euer #digitalpaddy
