Wenn das Wasser kommt – und wir endlich aufhören, dagegen anzuschwimmen

Eine Schreibmaschine steht auf einem Holztisch vor einem offenen Fenster mit Blick auf eine riesige Welle. Auf der Welle surfen vier Roboter auf bunten Surfbrettern. Im Hintergrund sieht man Palmen, Strand und das offene Meer – eine surrealistische Darstellung von Technologie und Natur.

Eine Rezension zu belmontes «Was bleibt von uns, wenn das Wasser kommt. Einsatz generativer KI in erzählender Literatur»

Es fing mit einem SWR-Podcast an. «Das Selber-Schreiben wird in den Hintergrund treten» – der Titel allein war schon eine Provokation. Ich hörte mir die 21 Minuten an, in denen belmonte über Neuro-Literatur und virtuelle Autor:innen sprach, und dachte mir: Den muss ich lesen. Also bin ich in die Kronberger Bücherstube gestapft und habe mir sein Print-on-Demand-Buch bestellt. Nicht bei Amazon. Nicht als E-Book. Sondern ganz klassisch über meine Lieblingsbuchhandlung.

Jetzt liegt es vor mir, 140 Seiten, Draupadi Verlag, und ich möchte meine Gedanken dazu mit euch teilen. Denn dieses Buch ist genau das, was die deutsche Literaturszene gerade braucht. Kein Angstgeschrei. Kein Technologie-Bashing. Keine Kulturpessimismus-Romantik. Sondern ein ehrlicher, praxisnaher Blick auf das, was gerade mit dem Schreiben passiert.

Der Titel allein ist eine Ansage. «Was bleibt von uns, wenn das Wasser kommt»das Wasser – gemeint ist die KI – schwappt bereits über die traditionelle Literaturproduktion. Die Frage ist nicht, ob es kommt. Es ist schon da. Die Frage ist: Was machen wir damit?

Ein Praktiker schreibt über Praxis

Belmonte ist kein Theoretiker, der vom hohen Ross der Literaturwissenschaft herabschaut. Der Mann arbeitet bei Springer Nature als Vice President Content Innovation, hat KI-gestützte Übersetzungsprozesse implementiert und weiß verdammt genau, wie diese Technologie funktioniert. Gleichzeitig ist er in der Heidelberger Literaturszene verwurzelt, schreibt, experimentiert, testet. Er kennt beide Welten. Und genau das merkt man dem Buch an.

Es gibt keine hohlen Phrasen über die «digitale Revolution». Stattdessen gibt es konkrete Methoden, wie man KI als Werkzeug nutzt, ohne seine künstlerische Integrität aufzugeben. Charakterentwicklung, Plotgestaltung, Dialogführung – belmonte zeigt, wo die Maschine helfen kann und wo sie definitiv nichts zu suchen hat. Das ist keine Kapitulation vor der Technologie. Das ist souveräner Umgang damit.

Dialog statt Delegation

Was mir besonders gefällt: belmonte redet nicht von Delegation oder Automatisierung. Er spricht von Dialog. Die KI ist kein Schreibknecht, der einem die Arbeit abnimmt. Sie ist ein Gesprächspartner, der einen manchmal provoziert, manchmal überrascht, manchmal zwingt, die eigene Stimme präziser zu definieren. Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental von dem Heilsversprechen, das viele Technologie-Evangelisten verbreiten.

Ich habe das selbst oft genug erlebt. Claude, ChatGPT, wie auch immer – die liefern Texte, die technisch perfekt sind, aber oft völlig beliebig. Weil sie nicht wissen, was ich eigentlich sagen will. Weil ihnen der Küchenzuruf fehlt, wie ich das mal genannt habe. Belmonte versteht das. Er weiß, dass die Kuration, die Verantwortung, die finale Entscheidung beim Menschen bleiben muss.

Keine Angst vor der Zukunft

Das SWR-Interview, das belmonte gegeben hat, macht klar, wohin die Reise geht. Neuro-Literatur, die sich an die Gedanken der Leser anpasst. Virtuelle Autor:innen mit eigenen Social-Media-Präsenzen. Klingt nach Science-Fiction? Mag sein. Aber ich erinnere mich an die Diskussionen um Programmatic Advertising vor zehn Jahren. Da hieß es auch, das würde nie funktionieren. Heute ist es Standard. Technologie entwickelt sich schneller, als unsere Ängste es wahrhaben wollen.

Belmonte hat keine Angst vor dieser Zukunft. Und das Schöne ist: Nach der Lektüre habe ich sie auch nicht mehr. Weil er zeigt, dass es nicht um die Verdrängung des Menschen geht, sondern um eine Erweiterung dessen, was wir unter Erzählen verstehen.

Was bleibt tatsächlich?

Die titelgebende Frage ist natürlich die zentrale. Was bleibt von uns, wenn die KI Texte generiert, die kaum noch von menschlichen zu unterscheiden sind? Belmonte gibt darauf eine klare Antwort: Die Absicht bleibt. Die Verantwortung bleibt. Die Empathie bleibt. Die Fähigkeit zu entscheiden, was erzählenswert ist und wie es erzählt werden soll.

Das erinnert mich an meine eigenen Überlegungen zum Thema KI-Halluzinationen. Die Maschine unterscheidet nicht zwischen gewollter und ungewollter Halluzination. Wir schon. Und genau darin liegt der Unterschied. Nicht in der technischen Fähigkeit, Sätze zu generieren, sondern im Bewusstsein darüber, was diese Sätze bedeuten.

Ein Buch zur rechten Zeit

«Was bleibt von uns, wenn das Wasser kommt» erscheint im richtigen Moment. Nicht zu früh, als dass die Technologie noch zu unreif wäre. Nicht zu spät, als dass die Diskussion schon erstarrt wäre. Der Draupadi Verlag hat mit diesem Titel einen wichtigen Beitrag zur Debatte geleistet. Ein Verlag, der sonst eher für Indologie und marginalisierte Stimmen bekannt ist, nimmt sich der technologischen Transformation an. Das ist konsequent. Denn auch das ist eine Form von Marginalisierung: die Stimme der Technologie-Praktiker im literarischen Diskurs.

Für alle, die schreiben. Für alle, die sich fragen, wie sie mit KI umgehen sollen. Für alle, die weder Technik-Euphoriker noch Kultur-Pessimisten sind, sondern irgendwo dazwischen stehen und sich fragen, wie es weitergeht. Für die ist dieses Buch geschrieben.

Ein zugänglicher Preis, 140 Seiten, keine akademischen Umschweife. Stattdessen praktische Hinweise von jemandem, der weiß, wovon er spricht. Und der das Schreiben als Überlebenswerkzeug begreift, nicht als Museum für vergangene Zeiten.

Was bleibt von uns? Die Frage nach dem Sinn. Und die wird uns keine Maschine abnehmen können.

belmonte (Henning Schönenberger): Was bleibt von uns, wenn das Wasser kommt. Einsatz generativer KI in erzählender Literatur Draupadi Verlag, Heidelberg 2025 140 Seiten, Paperback ISBN 978-3-949937-05-7

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