Warum KI und Thermomix Männern beim Fühlen im Weg stehen

Mann im grauen Anzug in moderner Küche mit Kaffeevollautomat, Fenster mit Stadtblick, Illustration zu KI und Emotionen

„Sind Sie zu emotional?“, fragt mich die Therapeutin, und ich muss auf den Boden schauen. Es gibt Menschen, die diese Frage für mich mit einem deutlichen Ja beantworten würden. Ich selbst würde sie nicht so klar bejahen. Emotion ist aus meiner Sicht keine schlechte Eigenschaft. Sie wird es erst, wenn sie sich als Ärger oder Wut den Weg bahnt, als die einzige Ausprägung, die einem Mann noch zugestanden wird.

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Texttyp
Essayistischer Blogbeitrag/Newsletter
Besprochenes Werk / Thema
Emotionale Gehemmtheit bei Männern und Technologie als Abwehrmechanismus
Zentrales Argument
KI und Thermomix bedienen männliche Abwehrmechanismen gegen Emotionalität und Hilflosigkeit, können aber auch Brücken sein
Kernthese
Moderne Technologie rationalisiert emotionale Herausforderungen, statt sie zu lösen.
Relevante Konzepte
Männlichkeitemotionale GehemmtheitTechnologieHilflosigkeitScham
Empfohlen für
Psychologie-Interessierte, Männerberatung, Technologiekritik
Einordnung durch den Autor
Kulturkritik mit psychologischem und gendertheoretischem Fokus
Verweise im Text
Björn Süfke (Männerexperte)Big Swiss (Jen Beagin)HBO-Serie

Der Männerexperte Björn Süfke beschreibt das im Podcast von Matze Hielscher so: Wut ist oft die letzte erlaubte Emotion, weil sie als männlich gilt. Die Konsequenz sind mehr Gewalt in Beziehungen und mehr Suizide bei Männern, beides ein trauriger Ausweg aus einem System, in dem Hilflosigkeit ein Tabu ist. Statistisch brauchen Männer rund 70 Monate, bis sie sich in einer psychischen Krise Hilfe suchen. Bei Frauen sind es bis zu 89 Monate. Nimmt man den Mittelwert, bleibt es trotzdem ein viel zu langer Zeitraum. Niemand wartet sechs Jahre, bis er einen Bruch behandeln lässt.

Zurück zur Frage der Therapeutin und zum eigentlichen Thema dieses Newsletters. Die emotionale Seite gewinnt bei Entscheidungen schneller die Oberhand als das rationale Nachdenken, bei mir und vermutlich bei den meisten. Und genau das bringt mich zur eigentlichen Frage: Leben wir in einer de-emotionalisierten Welt, und was haben KI und Thermomix damit zu tun?

Werkzeuge gegen das Gefühl

Im Licht von Süfkes Analysen lassen sich KI-Gesprächspartner und der Thermomix als moderne Werkzeuge lesen, die männliche Abwehrmechanismen bedienen und im besten Fall auch überbrücken. Beide spiegeln das männliche Dilemma wider: das Bedürfnis nach Funktionalität und Kontrolle bei gleichzeitiger emotionaler Gehemmtheit.

Eine KI urteilt nicht. Das nimmt einem Mann zwei zentrale Ängste, die Angst vor Hilflosigkeit und die Angst vor Scham. Süfke beschreibt, wie schwer es Männern fällt, überhaupt Hilfe zu suchen, weil das Eingeständnis von Hilflosigkeit als unmännlich gilt. Eine Maschine, die zuhört, ohne zu bewerten, öffnet zumindest einen Raum für erste, schambefreite Selbstreflexion.

Nur bleibt es dabei oft nicht. Ein großes Hindernis in der Männerberatung ist die Tendenz zum Klugschwätzen, zur Intellektualisierung des eigenen Zustands. Eine KI arbeitet rein logik- und sprachbasiert. Sie verstärkt diese Abwehr eher, als sie aufzulösen. Man kann stundenlang interessant intellektuell mit ihr debattieren, ohne auch nur in die Nähe der eigenen Gefühle zu kommen. Heilung, sagt Süfke, geschieht oft über die kleinsten körperlichen Signale, ein Zucken im Mundwinkel, ein Zögern in der Stimme. Diese Form der liebevollen Konfrontation, die einen Menschen wirklich erreicht, kann eine KI nicht leisten. Noch nicht, vielleicht nie.

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Der Thermomix bedient dasselbe Muster von der anderen Seite der Küche aus. Süfke erklärt, dass Männer Strukturen, Pläne und Anleitungen lieben, weil diese keine Gefühle erfordern. Der Thermomix verwandelt intuitives, oft emotionales Kochen in einen algorithmischen Prozess. Er ist eine Garantie gegen das Versagen, und die Angst vor dem Versagen ist eine der stärksten Triebfedern männlichen Handelns. Ein hochmodernes, teures Gerät kann dabei auch als TÜV-Plakette fungieren, als Statussymbol, das den Aufenthalt in der Küche männlich rechtfertigt, ohne dass die eigentliche Sorgearbeit als solche anerkannt werden muss.

Positiv gewendet kann genau das eine Brücke sein. Wenn die Technik die Angst vor der eigenen Inkompetenz nimmt, übernimmt der Mann leichter die Rolle des Versorgers. Das wäre laut Süfke ein Schritt weg von toxischen Rollenbildern hin zu mehr Menschlichkeit. Das Risiko bleibt trotzdem: Man funktioniert in der Küche, man führt logische Gespräche mit einer Maschine, und man vermeidet weiterhin die eigentliche Aufgabe, sich der eigenen Hilflosigkeit schutzlos zu stellen. In einer Welt, die mehr Emotion braucht, können KI und Thermomix zum Steigbügelhalter für Rationalisierung werden. Wir brauchen mehr Handarbeit, damit wir nicht zu sehr in diese Technikfalle tappen.

Lesestoff: Big Swiss

Wer nach dieser Achterbahn aus Süfke, Wut und Statistiken noch Lust auf einen Roman hat, dem lege ich Big Swiss von Jen Beagin ans Herz. Passender könnte die Wahl kaum sein.

Greta transkribiert anonym die Sitzungen eines Sextherapeuten in einem verschlafenen Städtchen im Bundesstaat New York. Sie hört fremde Geheimnisse, ohne gesehen zu werden, die perfekte Distanz, die auch eine KI bieten würde. Nähe durch Beobachtung, ohne das Risiko, selbst etwas zu spüren. Bis sie sich in eine der Patientinnen verliebt, genannt Big Swiss, und die schützende Distanz in sich zusammenfällt.

Das Buch gilt als einer der ungewöhnlicheren Liebesromane der letzten Jahre, witzig, bissig, voller schräger, teils kaputter Figuren. Kritiker loben den Humor und die ungeschönte Zeichnung der Frauenfiguren, andere finden die Dynamik zwischen den Charakteren anstrengend oder das Ende zu offen. Genau diese Reibung macht es lesenswert. HBO hat sich die Rechte gesichert, Jodie Comer spielt Flavia alias Big Swiss, ein Zeichen dafür, wie viel dieser Stoff über Voyeurismus und Nähe offenbar trifft.

Solange Greta nur zuhört und aufschreibt, bleibt sie geschützt, genau wie ein Mann, der mit einer KI spricht statt mit einem Menschen. Sobald sie sich aber wirklich verliebt, bricht diese Sicherheit zusammen. Für dieses Gefühl gibt es keine Gebrauchsanweisung.

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KI-Gesprächspartner verstärken bei Männern die Tendenz zur Intellektualisierung emotionaler Probleme, weil sie rein logik- und sprachbasiert funktionieren und damit männliche Abwehrmechanismen bedienen, anstatt sie aufzulösen.

gilt  ·  seit 16.07.2026

Der Thermomix ermöglicht Männern die Übernahme von Sorgearbeit in der Küche, indem er emotionales, intuitives Kochen in einen algorithmischen Prozess verwandelt und so die Angst vor Inkompetenz und Versagen reduziert.

gilt  ·  seit 16.07.2026

KI und Thermomix können in einer emotional unterentwickelten Männerkultur als Rationalisierungswerkzeuge wirken, die das Ausweichen vor echter emotionaler Selbstkonfrontation begünstigen.

gilt  ·  seit 16.07.2026

Echte emotionale Heilung bei Männern setzt körperlich wahrnehmbare, menschliche Konfrontation voraus – etwas, das eine KI weder aktuell noch möglicherweise jemals leisten kann.

gilt  ·  seit 16.07.2026

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