Wenn Literatur zur Waffe wird: Gaea Schoeters und die Grenzen des Sagbaren
Manchmal sind es die besten Empfehlungen, die einen völlig unvorbereitet treffen. In der Kronberger Bücherstube hat man mir «Trophäe» von Gaea Schoeters in die Hand gedrückt. Ein Volltreffer. Einer dieser Momente, in denen man dankbar ist für gute Buchhandlungen mit Menschen, die wissen, was sie tun.
Sitze ermattet vor dem Rechner und versuche, die richtigen Worte zu finden. Seit ich das Buch zugeschlagen habe, geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: Wie brutal und ehrlich darf ein Buch sein?
Die flämische Autorin hat 2020 unter dem Titel «Trofee» einen Roman veröffentlicht, der mir keine Ruhe lässt. Lisa Mensing hat das Werk für den Zsolnay Verlag ins Deutsche übertragen, und ich muss sagen, diese Übersetzung ist ein Glücksfall. Sie fängt die kühle, beinahe protokollarische Präzision des Originals ein und transportiert gleichzeitig die brennende Hitze der afrikanischen Savanne in jede einzelne Zeile.
«Wohltätigkeit ist schlecht für ihr Selbstwertgefühl. Deshalb ist die Reintegration an Bedingungen geknüpft. Schon mal von den Big Six gehört?»
Dieser Satz. Dieser verdammte Satz steht da im Raum wie eine geladene Waffe.
Der weiße Mann und sein Spielplatz
Hunter White. Schon der Name ist Programm, und Schoeters macht sich nicht einmal die Mühe, das zu verstecken. Ein steinreicher amerikanischer Finanzmakler, der sich die Welt wie ein Sammelalbum zusammenkauft. Ihm fehlt noch das Spitzmaulnashorn für seine Big Five, und dafür zahlt er eine halbe Million Dollar. Nicht Euro. Dollar. Als wäre das ein Unterschied für jemanden, der die Welt als seinen persönlichen Vergnügungspark betrachtet.
Die Lodge ist luxuriös, die Flinte großmäulig wie ihr Besitzer, die Munition ein echter Mannstopper. Hunter White ist ein großer Hemingway-Fan, was die Sache noch schlimmer macht. Ein trainierter, wohlhabender weißer Mann in einem Land, das für ihn nicht die Lebensumgebung von Menschen ist, sondern ein Jagdgebiet. Ein Kontinent als Kulisse für die Selbstvergewisserung seiner Männlichkeit.
Schoeters hat sich für diese Geschichte mit journalistischer Akribie in die Jagdökonomie eingearbeitet. Berichte über die Vertreibung indigener Völker in Botswana, die absurde Logik, dass das Töten eines bedrohten Tieres dessen Artenschutz finanziert. Diese realweltlichen Widersprüche bilden das Fundament, auf dem ihr Roman operiert.
Afrika brennt auf der Haut
Wer bereits einmal in Afrika gewesen ist und die Big Five mit der Kamera gejagt hat, der weiß, wie die Hitze auf der Haut sticht. In der Nase liegt dieser einmalige Geruch aus Wildnis und Überlebenskampf. Brüllende Löwen und lachende Hyänen sind die musikalische Untermalung einer Safari.
Schoeters beherrscht die Kunst der Blickdisziplin. Jede Szene ist auf das Wesentliche konzentriert. Keine romantischen Sonnenuntergänge, kein Kitsch. Stattdessen: der knirschende Staub, der metallische Geruch von Blut, die physische Erschöpfung der Jagd. Die Autorin, die sich als Journalistin, Drehbuchautorin und Librettistin profiliert hat, nutzt ihre multidisziplinäre Erfahrung, um ein hochkomplexes Geflecht aus ethischen Grenzüberschreitungen zu weben.
Die Logik des Todes
Die Jagd mit Lizenz ist Artenschutz. Wilderei hingegen ein Verbrechen. In «Trophäe» zeichnet Schoeters ein erschreckendes Bild der pragmatischen Welt Afrikas. Ausgebeutet über Jahrzehnte hat sich eine Realität entwickelt, in der es um das Überleben geht. Nicht immer um das des Individuums, sondern um den Erhalt der Art.
Und ist der Mensch nicht auch eine Art? Der Stamm Teil einer Gattung?
Diese Frage lässt mich nicht los. Hunter White, der sich als ethischer Jäger versteht, verachtet Jäger, die automatische Waffen benutzen oder auf gezähmte Tiere schießen. Er sucht das faire Kräftemessen, das Auge-in-Auge mit der Gefahr. Für ihn ist die Jagd eine physische, fast erotische Erregung. Der Moment, in dem der Ballast der Zivilisation von ihm abfällt und er wieder nur Jäger, Mann sein kann.
Doch dann passiert das Unfassbare: Wilderer töten sein Nashorn, bevor er selbst den Schuss abgeben kann. Das Tier wird in seinen Augen von einer heiligen Beute zu einem wertlosen Fleischberg degradiert. Die rituallose Tötung zerstört die sakrale Ordnung seiner Jagd.
Der Moment, in dem alles kippt
In «Trophäe» kämpft man oft mit dem Bild von Menschlichkeit, das einem unsere erste Welt mitgibt und das Schoeters auf den Kopf stellt. Moderne Waffen und altes Skorpiongift, Sneaker und Speere, Klicklaute und Wildkameras vereinen sich zu einer Melange aus Widersprüchen, die einen öfter schlucken lassen.
Van Heeren, Hunters langjähriger Jagdbegleiter, unterbreitet ihm in diesem Moment der tiefsten Frustration ein unmoralisches Angebot: die Jagd auf die Big Six. Er schlägt vor, einen Menschen zu jagen. Einen jungen Buschmann namens !Nqate.
«Was glauben Sie, was mit den Männern passiert, die ihr Nashorn umgelegt haben? Ganz egal, wer sie fasst, die Polizei oder die Ranger, die Typen sind Geschichte. Die Armee erschießt jedes Jahr mehr Wilderer, um Ihr Jagdwild zu beschützen, als die Wilderer Nashörner abknallen. Auftrag der Regierung. Zum Schutz der Wirtschaft. Die Menschenjagd ist ein Nebenprodukt der Trophäenjagd. Und wer bezahlt das? Sie mit jedem Dollar, den Sie hier für Artenschutz ausgeben.»
Die Rechtfertigung besitzt eine grausame Logik: Das Dorf des jungen Mannes leidet unter Hunger und Dürre. Die Summe, die Hunter für diese illegale Jagd zahlen würde, könnte das Überleben der gesamten Gemeinschaft für Jahre sichern.
Das brutalste Raubtier
Plötzlich steht dieses Wort im Raum: Menschenjagd. Von diesem Moment an ist für den Leser und für Hunter White nichts mehr wie vorher. Wer die Jagd auf Löwen und Büffel abscheulich findet, lernt eine neue Stufe kennen. Ein Spiegel dessen, was wir abstoßend finden und für manche Menschen zum Überleben gehört.
Schoeters verzichtet auf eine moralisierende Kommentierung. Die Erzählweise bleibt konsequent in der Perspektive Hunters. Man wird gezwungen, den Prozess der Entmenschlichung unmittelbar mitzuerleben. Hunter White überschreitet die Grenze zur Barbarei nicht aus einer psychotischen Störung heraus, sondern als logische Fortführung seines kapitalistischen und patriarchalen Weltbildes.
Die finale Jagd wird zu einem fiebrigen Delirium aus Blut, Staub und Erschöpfung. Hunter muss erkennen, dass seine gesamte Ausrüstung, seine vermeintliche Überlegenheit gegenüber einem Fährtenleser, der eins mit der Umgebung ist, wertlos sind.
Ehrlich, brutal und fantastisch geschrieben werden wir als Leser Zeuge eines unvorstellbaren Akts. Die Jagd nach der sechsten Trophäe, der unglaublichsten Trophäe. Wir gehen auf eine Safari und wissen am Ende, wer das brutalste Raubtier auf diesem Planeten ist.
Ein ethischer Mindfuck
Der flämische Autor Dimitri Verhulst nannte «Trophäe» einen ethischen Mindfuck, und diese Bezeichnung trifft es genau. Man wird durch die verführerische Prosa dazu gebracht, mit dem Jäger mitzufühlen, nur um dann von der Konsequenz der eigenen Empathie schockiert zu werden.
Robert Menasse bezeichnete das Werk als den bedeutendsten Roman in der Tradition der Existenzialisten. Schoeters schreibt mit einer Präzision, die an Hemingway erinnert, nutzt diesen Stil aber, um das Heldentum als hohle Pose zu entlarven. Sie hat Joseph Conrads «Herz der Finsternis» in unsere Zeit übersetzt und dabei die Frage gestellt: Wer seid ihr, dass ihr uns vorschreibt, welche Leben schützenswert sind, während ihr gleichzeitig die Welt durch euren Konsum zerstört?
Die Relevanz dieser Frage wurde durch reale politische Ereignisse unterstrichen. Die Debatte um Einfuhrverbote für Jagdtrophäen und die Reaktion des botswanischen Präsidenten Masisi finden ihren direkten Niederschlag in Schoeters’ Arbeit. Ihr Folgeroman «Das Geschenk», der 2025 erschienen ist, kann als satirische Fortsetzung verstanden werden: Während «Trophäe» die Tragödie des Westlers in Afrika zeigt, schildert «Das Geschenk» die Komödie der Afrikaner in Europa, indem 20.000 Elefanten als Geschenk in Berlin auftauchen.
Warum dieses Buch wichtig ist
«Trophäe» ist kein Buch, das man zur Entspannung liest. Es ist eine schmerzhafte, aber notwendige Untersuchung der imperialen Lebensweise, die unseren Wohlstand auf der Ausbeutung von Natur und Mensch in anderen Teilen der Welt begründet.
Schoeters zwingt uns, die eigene moralische Komfortzone zu verlassen. Sie lässt uns nicht aus der Verantwortung. Die Jagd dient als radikaler Erfahrungsraum, in dem die Masken der Zivilisation fallen und die nackten Machtverhältnisse sichtbar werden.
Dieses Buch ist das absolute Must-Read. Nicht, weil es unterhaltsam wäre im herkömmlichen Sinne. Sondern weil es die grundlegende Frage stellt: Was ist ein Menschenleben wert, wenn alles zur Trophäe wird?
Ich sitze hier mit einer Tasse Tee und weiß, dass mich diese Geschichte nicht loslassen wird. Schoeters hat einen Roman geschrieben, der in seiner Radikalität und ästhetischen Geschlossenheit eine Ausnahmestellung einnimmt. Ein Werk, das den postkolonialen Diskurs um eine unverzichtbare, wenn auch zutiefst verstörende Perspektive bereichert hat.
Die Big Five der afrikanischen Safari:
Löwe (Panthera leo): Der König der Tiere, bekannt für seine Stärke und majestätische Erscheinung.
Afrikanischer Elefant (Loxodonta africana): Das größte Landtier der Welt, bekannt für seine Intelligenz und sozialen Strukturen.
Büffel (Syncerus caffer): Auch bekannt als Kaffernbüffel, bekannt für seine aggressive Natur und Stärke.
Leopard (Panthera pardus): Ein geschickter und heimlicher Jäger, bekannt für seine Fähigkeit, Bäume zu erklimmen und Beute zu verstecken.
Nashorn (Rhinocerotidae): Sowohl das Spitzmaulnashorn als auch das Breitmaulnashorn fallen unter diese Kategorie, bekannt für ihre beeindruckenden Hörner und massiven Körper.
